Immobilien
24. Juni 2020 6:00  Uhr

Ein Umzug im Alter ist für viele vorstellbar

Einer Studie zufolge soll jeder Zweite bereit sein, im Alter in eine kleinere Wohnung umzuziehen. Das verspricht Potenzial für mehr Wohnraum. Experten aus der Region bezweifeln die Qualität der Studie.

Senioren leben häufig in großen Wohnungen. Laut einer Studie wären viele von ihnen bereit, in eine kleinere Wohnung umzuziehen. | Foto: contrastwerkstatt – adobe.stock.com

Von Gerd Otto


REGENSBURG/KÖLN. In der Stadt Regensburg soll es ein ungenutztes Wohnraum-Potenzial von 90.000 Quadratmetern geben. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Neues Wohnen 2020“ des Kölner Immobilienentwicklers Pantera AG, durchgeführt vom Institut YouGov. In der Domstadt hat die Studie Diskussionen ausgelöst, wie Pantera-Sprecher Wolfgang Ludwig einräumt. Ausgangspunkt der Studie war die Beobachtung, dass allein lebende Ruheständler mit Immobilieneigentum trotz des im Alter deutlich sinkenden Platzbedarfs weiterhin auf durchschnittlich 100 Quadratmetern wohnen. Neben der Auswertung diverser Immobiliendaten habe man bei YouGov eine Umfrage in Auftrag gegeben, so Ludwig. Das Fazit: Jeder zweite Befragte erklärte sich bereit, im Alter seine große gegen eine kleinere Wohnung einzutauschen. Mit rund 13.500 reinen Seniorenhaushalten in Regensburg, davon laut Pantera-Studie circa 4500 in Immobilieneigentum, könnte dadurch enormes Wohnraum-Potenzial erschlossen werden

Umzugsbereitschaft regional unterschiedlich ausgeprägt

Bundesweit würden laut Pantera-Vorstand Michael Ries mehr als zehn Millionen Quadratmeter zusätzlicher Wohnraum bereit stehen, wenn ältere Menschen in Deutschland angemessene Angebote zum Umzug in kleinere Wohnungen bekämen und freiwerdende Häuser oder Wohnungen entsprechend umgestaltet würden. Konkret haben laut der Studie 53 Prozent der Bundesbürger angegeben, im Alter in eine kleinere Wohnung ziehen zu wollen. Zwischen den Bundesländern und Altersgruppen wurden dabei allerdings große Unterschiede festgestellt. So wurde für Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg die höchste Umzugsbereitschaft ermittelt, während sie in Ostdeutschland insgesamt unterdurchschnittlich ist und Brandenburg den bundesweit niedrigsten Wert aufweist. Außerdem haben drei Viertel der Befragten angegeben, mehrere ältere Menschen zu kennen, die heute alleine in Häusern oder Wohnungen lebten, die sie zuvor mit mehreren Familienmitgliedern gemeinsam bewohnt hatten.

Kleine Apartments mit optionalen Serviceleistungen

Die höchste Umzugsbereitschaft im Alter bekunden Familien mit minderjährigen Kindern. Die „Babyboomer“, also die zwischen 1955 und 1969 Geborenen hingegen zeigen sich dem Wohnungswechsel gegenüber deutlich weniger aufgeschlossen als die übrigen Erwachsenen. „Wir können allerdings Menschen um die 60 für kleinere Apartments interessieren, wenn damit optionale Services wie etwa Sicherheits- oder sonstige Dienste verbunden sind“, erklärt Pantera-Vorstand Ries. Die Kölner Immobilienentwickler sind überzeugt, dass durch passende Wohnangebote große Wohnflächen viel effizienter genutzt werden könnten. „Bietet man älteren Menschen durch passgenaue Projektentwicklungen attraktive Alternativen auf kleinerem Raum, kann in den bisher genutzten Immobilien insbesondere für größere Familien neuer Wohnraum entstehen“, ist Ries überzeugt.

Interview

Regensburger Senioren sind ihrem Quartier treu

Christine Schimpfermann, Planungs- und Baureferentin der Stadt Regensburg, sieht die Ergebnisse der Pantera-Studie in Regensburg nicht bestätigt. Die meisten Regensburger Senioren seien zufrieden mit den Wohnverhältnissen und fühlten sich ihrem Stadtviertel verbunden. | Foto: Peter Ferstl/Stadt Regensburg

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Angemessene Wohnkosten sind entscheidend

Die Pantera-Studie zeigt auch, wo die Deutschen im Alter am liebsten leben wollen und welche Bedingungen sie schätzen: 26 Prozent der Befragten wünschen sich ihren Alterssitz in einer ländlichen Umgebung, 22 Prozent in einer Kleinstadt. Für 79 Prozent der befragten Erwachsenen in Deutschland sind „angemessene Wohnkosten“ am Alterssitz äußerst wichtig oder sehr wichtig. Danach folgen „Spaziermöglichkeiten im Grünen“, „eine breite ärztliche Versorgung in der Nähe“ sowie „fußläufige Einkaufsmöglichkeiten zum täglichen Bedarf“. Als weniger wichtig im Vergleich dazu werden die räumliche Nähe zu Familienmitgliedern, zur Gastronomie oder zu Kulturangeboten eingestuft.

Mehr als die Hälfte der Deutschen kann sich sogenannte „Serviced Apartments“ als Wohnung im Alter vorstellen, also eine Ein- bis Dreizimmerwohnung mit zubuchbaren Dienstleistungen wie etwa Reinigungs- und Wäscheservice, Einkaufshilfen oder Notfallüberwachung. Nur ein Viertel lehnt dies grundsätzlich ab, jeder Fünfte ist noch unentschieden. Interessant dabei ist: Exakt in den Bundesländern, in denen die Umzugsbereitschaft im Alter am höchsten ist, ist auch das Interesse an Serviced Apartments am stärksten, also in Hamburg, Schleswig-Holstein und Bremen.

Studie hat methodische Mängel

Eher kritisch betrachtet Prof. Tobias Just, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter der an der Universität Regensburg angesiedelten International Real Estate Business School (IREBS), Methodik und Ergebnisse der Studie. So hätte man seiner Ansicht nach nicht nur die Eigentumshaushalte betrachten müssen. „Schließlich sind ja unter den 90 Prozent der Mieterhaushalte wahrscheinlich auch ein paar Wohlhabende und ein paar Umzugsbereite, für die das Konzept geeignet sein könnte“, sagt Just. Nicht ganz deutlich werde in der Studie auch, ob die Wohnflächen mit 100 Quadratmetern sich nur auf Städte oder auf ganz Deutschland beziehen. Da die Wohneigentumsquote außerhalb der Städte höher und die Flächen dort aufgrund der niedrigen Preise größer seien als bei innerstädtischen Projekten, könnte ein nationaler Mittelwert eine deutliche Überzeichnung bewirken, meint Just.

Absicht und Handlung unterscheiden sich oft

Wenig plausibel erscheint ihm auch das Ergebnis der Studie, dass Eigentümerhaushalte ihre Wohnfläche im Alter um 37 Prozent reduzieren möchten. Denn dabei müssten auch die Einkommens- und Vermögensverhältnisse betrachtet werden. „Bei uns im Haus jedenfalls hat die größte Wohnung gerade ein Seniorenpärchen gekauft“, sagt Just. Viel zu optimistisch erscheint ihm außerdem die Annahme der Studie, dass die Menschen tatsächlich so handeln, wie sie es in der Befragung kundtun. Die Umzugsbereitschaft sei nämlich stets viel höher als die Umzugstätigkeit, so Just. „Menschen ziehen im Alter eher sehr ungern um.“ Skeptisch ist Just auch, was die Umzugsbereitschaft von Senioren in „Serviced Apartments“ betrifft. Hier wäre eine Vergleichsrechnung zwischen der alten, großen Wohnung und dem kleineren Apartment mit Services notwendig. Häufig komme ein Umzug in solche Apartments auch aufgrund der hohen Neubaupreise dieser Objekte nicht in Frage.

Altersgerechte Wohnprojekte in Regensburg

Reinhard Griebl, Vorstandsvorsitzender der Immobilien Zentrum Holding AG, kann die Ergebnisse der Studie ebenfalls nicht vollumfänglich teilen. Sie sei aber hilfreich, um die Diskussion des wichtigen Themas „bezahlbarer und altersgerechter Wohnraum“ anzustoßen. Das Immobilienzentrum widme sich diesem schon seit Langem, sagt Griebl. Bei einem Projekt im Quartierszentrum Brandlberg zum Beispiel seien 63 Wohnungen im Rahmen von „Fair Wohnen Care“ entstanden, einem Konzept für förderungsberechtigte Senioren. Auch im Quartier „Grüne Mitte“ habe man 58 öffentlich geförderte Seniorenwohnungen realisiert. Derzeit werden an der Otto-Hahn-Straße in Regensburg weitere 60 Wohnungen im „Fair-Wohnen-Modell“ errichtet, davon jeweils die Hälfte als „Fair Wohnen Worx“ für Familien und „Fair Wohnen Care“ für Senioren ab 60 Jahren. Im Rahmen einer regelmäßigen Bewohnerumfrage hat das Immobilienzentrum im Quartierzentrum Brandlberg ermittelt, dass acht Prozent der „Fair Wohnen Care“-Mieter sich verkleinern wollen und dabei wieder eine Fair-Wohnen-Wohnung in Betracht ziehen.

Gastbeitrag

Neuer Wohnraum durch Umzug von Senioren?

Sonja Haug, Professorin für Sozialforschung an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, moniert in ihrem Gastbeitrag zur Pantera-Studie unter anderem, dass die Gruppe der über 75-Jährigen, also genau die Bevölkerungsgruppe, deren Umzugsbereitschaft untersucht werden sollte, in der Studie unterrepräsentiert ist.

| Foto: Florian Hammerich/OTH Regensburg

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