Handel
25. Juni 2020 6:00  Uhr

Todesstoß oder wichtiger Evolutionssprung?

Erst Zwangsschließungen, dann strikte Auflagen: Die Coronakrise hat den stationären Handel schwer gebeutelt. Doch welche Auswirkungen hat das Virus dauerhaft auf die Zukunft des „analogen“ Einkaufens?

Nur etwas für wahre Shoppingfans: In Coronazeiten müssen Händler und Kunden einige Einschränkungen des Einkaufserlebnisses in Kauf nehmen. | Foto: Stephan Dinges – stock.adobe.com

Von Martina Beierl

OSTBAYERN. Nicht jeder ist so diszipliniert und sitzt mit Anzug und Krawatte zu Hause am Schreibtisch. Die „neue Normalität“ in deutschen Betrieben, ihre Mitarbeiter coronabedingt ins Homeoffice zu schicken, fördert mitunter einen lässigen Kleidungsstil. Die alte Jogginghose tut es eben auch, wenn die Kollegen in der Videokonferenz maximal den Oberkörper zu Gesicht bekommen. Für die Modebranche kommt dieser neue Arbeitstrend zur Unzeit.
Schon jetzt leiden die stationären Einzelhändler stark unter der Coronapandemie. Zwar sind die Geschäfte nach einer mehrwöchigen Zwangspause wieder geöffnet, aber Shoppinglaune will dank Warteschlangen und Maskenpflicht bei den Konsumenten noch nicht recht aufkommen. Zudem sind die Verbraucher zurückhaltend angesichts eigener Arbeitsplatz- und Einkommensunsicherheiten.

Nicht alle Unternehmen sind gleich stark betroffen

2019 setzte die Modebranche im Bezirk der Industrie- und Handelskammer Regensburg für Oberpfalz/Kelheim laut Michael Bauer Research 600 bis 700 Millionen Euro um. Einer Ifo-Blitzumfrage für den Deutschen Indstrie- und Handelskammertag (DIHK) zum Thema „Auswirkungen von Covid-19 auf die deutsche Wirtschaft“ zufolge rechnen 78 Prozent der Einzelhändler aller Branchen mit Umsatzeinbußen. „Aus der Studie und aus Gesprächen mit unseren Mitgliedern wissen wir aber, dass nicht alle Unternehmen und Branchen gleich stark von der Krise betroffen sind. So kamen beispielsweise Lebensmittelhandel, Drogeriemärkte und Apotheken relativ unbeschadet durch die Schließungen“, sagt Josef Ebnet, Bereichsleiter Verkehr, Handel und Stadtentwicklung bei der IHK. Auch Bau- und Gartenmärkte werden wieder stark frequentiert. Händler, die sich durch Services und ein hochwertiges oder ausgefallenes Warenangebot eine treue Stammkundschaft aufgebaut hatten, seien bisher ebenfalls besser durchgekommen.

Crashkurs in Sachen Onlinemarketing

Sozusagen im Crashkurs musste der stationäre Handel lernen, neue Vertriebswege aufzumachen. Viele nutzten die Zeit der Betriebsschließungen, um ihre Aktivitäten in der Onlinekommunikation und im Onlineverkauf aufzubauen, zu verstärken oder neue Instrumente einzuführen. So sicherten Modehändler mit lokalen Lieferservices zumindest einen Teil des Verkaufs vor Ort. Andere passten ihr Geschäftskonzept an und warteten nicht mehr, bis die Kundschaft in den Laden fand. Sie gingen dahin, wo die Konsumenten waren und warben verstärkt in den sozialen Medien, beispielsweise mit Instagram-Storys.

Ohne Internetangebote geht nichts mehr

E-Commerce und Multichannel-Lösungen halfen dem Gros der Einzelhändler, einen Teil der weggebrochenen Einnahmen zu kompensieren. Zukünftig wird der Onlinehandel eine wichtige Rolle spielen, wenngleich Investitionen in nächster Zeit bei vielen Händlern erst einmal zurückgestellt sind. Mittelfristig ist der Handel jedoch gut beraten, den Evolutionssprung ins World Wide Web zu wagen – denn dort ist der Kunde. Gleichzeitig werden der Charme des stationären Handels und die lokale Verfügbarkeit von Waren in der Wertschätzung der Verbraucher zulegen, weil die Alternative – Schlafstädte ohne jede Einkaufsmöglichkeit – für die meisten wenig attraktiv sein dürfte.

„Echtes“ Shopping gegen den Lagerkoller

Auch die dauerhafte Verschiebung eines Teils der Arbeitsplätze ins Homeoffice könnte dem Einzelhandel in die Karten spielen. Denn statt „schnell nach Hause!“ heißt es dann nach Feierabend womöglich eher: Tapetenwechsel und Zerstreuung suchen beim Shopping in der Stadt.

Im Coronafieber: Was macht die Pandemie mit dem stationären Handel?

In ihrer aktuellen Ausgabe widmet die Wirtschaftszeitung dem Thema E-Commerce, Handel und die Coronafolgen einen eigenen Schwerpunkt. Lesen Sie hier etwa ein Interview mit Dr. Ernst Stahl: Der Direktor der ibi research an der Universität Regensburg GmbH hält die Viruskrise auch für einen „Katalysator für den Wandel im Einzelhandel“. Thomas Raab, Diplom-Informatiker (FH) und Referent digitale Wirtschaft bei der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim warnt dagegen: Für viele Einzelhändler geht es nun um die Existenz.