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14. September 2021 6:04  Uhr

Tourismus: Leuchttürme statt Einheitsbrei

Die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft und Tourismusexperten der Region setzen sich für eine stärkere Vernetzung ein. Eine höhere Flexibilität bei der Wochenarbeitszeit wäre dringend erforderlich.

Raus aus dem Alltag zu wollen, bedeutet nicht unbedingt weit fahren zu müssen. Viele Menschen lernen gerade jetzt ihre nächste Umgebung bewusst kennen, wie etwa das Hundertwasser-Projekt in Abensberg. Foto: Maximilian Semsch – TVO

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Kaum eine Branche hat unter der Coronapandemie derart gelitten wie die Tourismuswirtschaft. Gerade im Freistaat Bayern und speziell auch in Ostbayern hatte sich diese längst zu einer Leitökonomie. Johannes Helmberger, der Vorstandsvorsitzende der Bezirksgruppe Oberpfalz der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), nennt es jedenfalls alarmierend, dass laut einer aktuellen Umfrage von vbw sowie dem Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Bayern fast 30 Prozent der Betriebe eine Aufgabe in Erwägung ziehen. Die Zahl der Übernachtungen lag heuer in der Oberpfalz von Januar bis Ende Juni um ein Drittel niedriger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. „Coronabedingt ist mehr als jede dritte Übernachtung hier in der Oberpfalz entfallen“, betonte Helmberger im Rahmen eines Pressegesprächs. Nach einer Auslastung von 37 Prozent im Jahre 2019 ist dieser Wert 2021 auf 15 Prozent gesunken.

Rahmenbedingungen müssen stimmen

Andererseits wollten Johannes Helmberger ebenso wie seine Gesprächspartner Kathrin Fuchshuber, die Vorsitzende des Hotel-in-Regensburg e. V., und der Dehoga-Bayern-Vizepräsident Andreas Brunner (Arnschwang), nicht verschweigen, dass der Tourismus in den letzten Jahren nur einen Weg gekannt habe, nämlich den nach oben. Von 2009 bis 2019 sind allein in der Oberpfalz die Übernachtungen um 22 Prozent gestiegen. Umso wichtiger erscheint es den ostbayerischen Experten deshalb aber auch, dass die von der Politik zu setzenden Rahmenbedingungen stimmen. Für eine gute Zukunft der Branche dürfe man künftig vor allem die vielen Stellschrauben nicht vergessen, die entscheidend für den langfristigen Erfolg sein werden. Als Stichworte dafür wurden genannt: Die Digitalisierung voranzutreiben, die Herausforderungen des Klimawandels zu bewältigen und die Infrastruktur nachhaltig für den künftigen Bedarf weiterzuentwickeln. Aktuell müsse jedoch in der laufenden Tourismussaison 2021 erst einmal der Neustart gelingen.

Andreas Brunner vom „Brunner Hof“ aus Arnschwang zeigte sich dabei gerade mit Blick auf die Situation in den Mittelgebirgslandschaften Ostbayerns optimistischer als die Regensburger Hoteliersfrau Kathrin Fuchshuber. Ihr bereiteten insbesondere die zuletzt errichteten Überkapazitäten in Regensburg gewaltige Sorgen. Vor diesem Hintergrund plädierten die Experten für eine stärkere Vernetzung in der Region, zumal die Tourismusbetriebe vor enormen finanziellen Investitionen stehen, um für Gäste attraktiv zu bleiben. Ziel müsse ein expandierender Tourismus in Einklang von Wirtschaft und Natur, von Touristen und Einwohnern sein, betonte Johannes Helmberger, der nachhaltigen Tourismus als „Wirtschaftskraft mit großem Potenzial“ bezeichnete. In Bezug auf die ersten Monate im Jahr, so Kathrin Fuchshuber zur Situation in Regensburg, habe die Coronapandemie eine „touristische Konzeptlosigkeit“ offenbart. Corona habe nach Auffassung von Johannes Helmberger aber auch gezeigt, wie notwendig es wäre, strukturelle Belastungen abzubauen und mehr Flexibilität zu ermöglichen, etwa durch eine wochenbezogene Höchstarbeitszeit.

Starke regionale Identität schaffen

Der Kritik am Konzept des Tourismusverbands Ostbayern (TVO) dagegen widersprach Andreas Brunner und verwies darauf, dass man statt der einst vorgegebenen Jahresthemen inzwischen eben auf Leuchttürme setze. Wie TVO-Vorstand Dr. Michael Braun ergänzt, heben sich Ostbayerns Regionen damit „im touristischen Horizont“ besonders hervor. Leuchttürme wie der Qualitätswanderweg Goldsteig oder die Niederbayerntour, der Jurasteig oder auch die zahlreichen Premiumpartner des Bayerischen Waldes würden eine starke regionale Identität schaffen, betonte Dr. Braun: „Nur durch schlagkräftige Marken können wir gestärkt in die Zukunft gehen.“ Tourismus sei nun einmal ein großes Netzwerk aus vielen Talenten und Machern. Statt einem unüberschaubaren Flickwerk komme es neben starken touristischen Produkten vor allem auf einen Konsens an: „Nur gemeinsame Lösungen bringen den Tourismus in Ostbayern voran.“