Außenhandel
9. Juni 2021 6:05  Uhr

UK-Abschied aus dem EU-Binnenmarkt ist eine Last

Ob Großbritannien tatsächlich nach dem Brexit „great again“ wird, bleibt abzuwarten. Eines ist jedoch schon jetzt sicher: Der Außenhandel in beide Richtungen ist komplizierter geworden.

Der Brexit hat gerade für den Handel weitreichende Konsequenzen: So müssen alle Waren zollrechtlich abgefertigt werden. Das führt zu Verzögerungen. Grafik: brainwashed 4 you – stock.adobe.com

Von Thomas Tjiang

NÜRNBERG. Seit den 1970er-Jahren war das Vereinigte Königreich Mitglied in der Europäischen Union. Bei dem Referendum im Jahr 2016 entschieden sich knapp 52 Prozent der Briten für einen Austritt. Nach langwierigen Verhandlungen und mehrmaliger Verschiebung des Austritts trat Großbritannien Ende letzten Jahres aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion aus. Seit 1. Januar 2021 gilt zunächst vorläufig ein zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich ausgehandeltes Handels- und Kooperationsabkommen (TCA), der sogenannte Brexithandelspakt. Ende April stimmte zuletzt das Europaparlament dem Vertragswerk endgültig zu.

Außenhandel im Abwärtsstrudel

Mit dem Brexit hat die EU nicht nur ein politisches Schwergewicht verloren, auch der deutsche Außenhandel mit den Briten war im Schatten der Brexitdiskussion rückläufig. Im Jahr 2019 war Deutschland noch der größte Lieferant des Landes mit einem Anteil von über 12 Prozent an den britischen Einfuhren. Unter den Abnehmerländern lag Deutschland nach den USA auf Platz zwei mit rund 10 Prozent der britischen Exporte.

2020 ging es mit dem deutsch-britischen Warenaustausch deutlich nach unten: Die deutschen Exporte auf die Insel brachen um 15 Prozent auf knapp 67 Milliarden Euro ein, die Importe von dort sanken um 6 Prozent auf 38 Milliarden Euro. Allerdings trug dazu sicher auch die Coronapandemie bei, sodass sich die Brexitfolgen nicht klar feststellen lassen. Auch die Außenhandelszahlen des Monats Januar 2021 können deshalb nur eine Momentaufnahme sein, werfen aber dennoch ein ernüchterndes Schlaglicht auf den deutsch-britischen Handel: Während die gesamten deutschen Exporte im Vergleich zum Vorjahresmonat um 8 Prozent zurückgingen, brach der Export nach Großbritannien um 29 Prozent ein. Schlimmer noch das Ergebnis bei den Einfuhren: Importe nach Deutschland sanken insgesamt um 10 Prozent, Importe nach Deutschland aus Großbritannien um 56 Prozent. Dies trifft auch die mittelständische Wirtschaft mit einer starken Außenhandelsorientierung. Zahlreiche Unternehmen beklagten Defizite bei der Vorbereitung auf britischer Seite: Dort werde das kurz vor Jahresfrist ausgehandelte TCA-Vertragswerk häufig mit einem Freihandelsabkommen verwechselt. Dies habe dazu geführt, dass die anstehenden Veränderungen im Handel mit der EU häufig auf die leichte Schulter genommen worden seien.

Brexit-Tücken im Detail

Die Tatsache, dass das Vereinigte Königreich nun im Verhältnis zu den EU-Staaten als Drittland gilt, erzeugt einen höheren Bürokratie- und Zeitaufwand, so die Klage zahlreicher Unternehmen. Denn nun müssen alle Waren zollrechtlich abgefertigt werden, was insbesondere zu Jahresbeginn den Versand selbst von kleineren Päckchen empfindlich gestört hat. Eine Hilfe ist, dass der deutsche Zoll seine Datenbank „Warenursprung und Präferenzen“ aktualisiert hat, sodass sich die Unternehmen vor dem Warenversand über die aktuellen Regelungen informieren und den sogenannten Präferenzursprung ermitteln und nachweisen können.

Komplexer ist auch der Handel mit dem EU-Mitglied Irland geworden. Auf der klassischen Route von Deutschland durch das Vereinigte Königreich nach Irland werden beispielsweise Kfz-Bauteile einmal aus der EU aus- und dann wieder in die EU eingeführt – immer mit dem kompletten zollrechtlichen Programm. Für das britische Nordirland sieht das verhandelte Nordirland-Protokoll einen Sonderstatus für den Warenverkehr vor. Zwar bleibt Nordirland Teil des britischen Zollgebiets, zollrechtlich wird es aber so behandelt, als ob es noch zur EU gehören würde.

Blaues Wunder beim Onlineshopping

Neue Hürden gibt es auch bei der Entsendung von Mitarbeitern. Die Einreise von EU-Staatsangehörigen zwecks Erbringung von Dienstleistungen oder freiberuflichen Tätigkeiten ist laut dem TCA nur noch unter engen Voraussetzungen möglich. Nur Branchen, die ausdrücklich im Anhang des Handelsabkommens aufgeführt sind, können Dienstleitungen in Großbritannien erbringen. Dem Anhang sind auch Beschränkungen für zugelassene Dienstleistungen wie zum Beispiel Bau- und Ingenieurdienstleistungen zu entnehmen.

Auch Verbraucher erleben derzeit beim boomenden Onlineeinkauf ihr blaues Wunder. Denn ein Shop in deutscher Sprache bedeutet noch nicht, dass der Anbieter nicht in Großbritannien sitzt. Das zieht zum Kaufpreis zusätzliche Zollkosten nach sich, die beim Klick auf den Kaufbutton aber nicht immer sauber ausgewiesen werden. Noch teurer wird es, wenn die britischen Anbieter Produkte zum Beispiel aus Italien anbieten und dem Verbraucher am Ende sowohl die Einfuhr- als auch die Ausfuhrkosten anlasten.

Auslandsumsätze erreichten 2020 einen Zehnjahrestiefpunkt

Der aktuelle KfW-Internationalisierungsbericht konstatiert für 2020 einen Zehnjahrestiefpunkt bei den Auslandsumsätzen des deutschen Mittelstands. Das ist allerdings nicht allein dem Brexit und seinen komplexen Grenzkontrollen anzulasten. Auch – coronabedingte – Nachfragerückgänge im Ausland inklusive Störungen in internationalen Lieferketten spielen hier eine Rolle.

Die kleinen und mittleren Unternehmen mit Warenexport oder -import geben für 2020 ein Umsatzminus von 17 Prozent auf 494 Milliarden Euro zu Protokoll. Als Folge daraus identifiziert die KfW zahlreiche Unternehmen, die sich tendenziell stärker auf Länder in Europa konzentrieren – mit Ausnahme des Vereinigten Königreichs. Der Brexit mit den daraus resultierenden neuen Zollvorschriften und logistischen Schwierigkeiten macht den Export gerade für kleinere Exporteure unattraktiv.

Kommt jetzt der „Scexit“?

Zusätzliches Ungemach für die nordbayerischen Exporteure könnte auch aus dem schottischen Wahlergebnis entstehen. Regierungschefin Nicola Sturgeon von der EU-orientierten Partei SNP sieht ihren Sieg als Auftrag für eine neue Volksabstimmung, die vielleicht schon im nächsten Jahr stattfinden könnte. Da London anders als beim eigenen Brexit einer Abstimmung in Schottland derzeit nicht zustimmt, wird der Streit wohl vor dem Obersten Gerichtshof von Großbritannien enden. Je nach der Entscheidung könnte dann ein „Little Britain“ übrigbleiben. Ein autonomes Schottland müsste dann in langwierige Verhandlungen mit der EU über einen Beitritt einsteigen. Bis dahin wären etwa Investitionen im Norden des Königreichs eine wackelige Angelegenheit, Beschaffungen von Erdöl, Whisky oder Schaffleisch hätten zunächst ebenfalls nur eine kurzfristige Perspektive.

Geteiltes Bild

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