Interview
5. August 2020 6:00  Uhr

Ökologie und Freiheit im Spannungsverhältnis

Die Verrohung der Gesellschaft und das Müllproblem hängen für Dr. Werner Kunz zusammen. Der Professor für Physikalische Chemie an der Universität Regensburg plädiert deshalb für Umwelthöflichkeit.

Alles was ökologisch ist, sei auch ökonomisch sinnvoll, sagt Professor Dr. Werner Kunz. ׀ Foto: Krailas – adobe.stock.com

Von Oxana Bytschenko

Herr Professor Dr. Kunz, was unternehmen Sie, um Ihren ökologischen Fußabdruck, den Sie „katastrophal“ nennen, zu senken?

Ich denke, mein ökologischer Fußabdruck ist aus zwei Gründen sehr schlecht: Ich habe wegen der Residenzpflicht für Beamte eine Zweitwohnung in Regensburg und fahre am Wochenende 300 Kilometer zu meinem Hauptwohnsitz. Das heißt: Pendeln und doppelte Haushaltsführung mit mehr Energie- und Heizungsverbrauch. Der zweite Grund sind meine gesamten Reisekilometer: 2019 waren es etwa 15.000 Kilometer mit dem Auto, davon etwa ein Drittel privat; 25.000 Kilometer mit dem Zug und 60.000 Kilometer mit dem Flugzeug – alles beruflich. Aber weniger zu fliegen bedeutet weniger wissenschaftlichen Austausch und weniger Teilnahme an Konferenzen und damit weniger Reputation und einhergehend weniger Geld und Kooperationen für die Forschung. Corona war dabei zwar hilfreicher als alle Maßnahmen, die ich mir persönlich hätte ausdenken können, aber das ist nur vorübergehend. Also fahre ich einen Elektroroller und soweit wie möglich mit dem Zug, kaufe demnächst ein E-Auto und achte auf den Energieverbrauch. Wohl wissend, dass mein Beruf das Meiste zu meinem ökologischen Fußabdruck beiträgt. Wenn wir nicht völlig aus unserem westlichen Leben mit dem Lebensstandard aussteigen wollen, können wir unseren Fußabdruck durch private Maßnahmen nicht stark senken. Dennoch heißt das nicht, dass wir im täglichen Leben nicht aufpassen sollten, denn fünf Prozent eines gigantischen ökologischen Fußabdruckes können in absoluten Zahlen eine Menge sein.

Kann nachhaltiges Handeln auch falsch sein?

Ob etwas richtig oder falsch ist, ist eher eine moralische als eine wissenschaftliche Frage. Dazu muss die Gesellschaft einen Konsens erzielen. Um das richtig einzuordnen, sollte man sich das „magische“ Dreieck aus Ökonomie, Ökologie und Sozialem anschauen. Meiner Meinung nach ist langfristig fast alles, was ökologisch ist, auch ökonomisch sinnvoll. Wenn weniger Abfall produziert wird, brauche ich kein Geld, um ihn wieder aufzuarbeiten oder zu entsorgen. Wenn ein Verfahren weniger Energie benötigt, ist das natürlich auch wirtschaftlich sinnvoll. Wo nachhaltiges Handeln tatsächlich „falsch“ sein kann oder eventuell zurückstecken muss, ist wenn wir uns soziale Aspekte und das Thema Freiheit anschauen. Wenn wir die tatsächlichen Kosten der Mobilität mit den damit zusammenhängenden Umweltschäden zum Beispiel auf die Treibstoff-, Autopreise und Flugtickets umlegen würden, könnten wir einen größeren Teil der Gesellschaft von der Mobilität und damit einem signifikanten Teil der Freiheit abschneiden. Überhaupt stehen Freiheit und Ökologie in einem gewissen Spannungsverhältnis: Sollten wir Motorräder als pures Freizeitvergnügen verbieten, denn das wäre ökologisch sinnvoll. Sollte ein Auto mindestens 30.000 Euro kosten? Kurz und gut: ein einseitiges, geradezu absolutistisches Bestehen auf dem Vorrang der Nachhaltigkeit ist sicherlich falsch. Die Folgen müssen immer in Bezug auf soziale Konsequenzen und Einschnitte in der Freiheit betrachtet werden. Außerdem werden die Dinge allmählich so komplex, dass ein gutgemeinter Akt im Sinne der Nachhaltigkeit genau das Gegenteil bewirken kann. Dagegen helfen nur detaillierte Ökobilanzanalysen. Aber wer liest sie schon?

Sie sprechen sich für Umwelthöflichkeit aus. Was verstehen Sie darunter?

Wir stellen eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft fest. Das beginnt im Straßenverkehr und endet nicht mit der Anonymität im Internet, sondern zeigt sich auch im täglichen Umgang der Menschen im öffentlichen Raum, zum Beispiel in Geschäften oder gegenüber Rettungsdiensten und Polizisten. Was wir etwas verloren haben – und da nehme ich mich leider nicht aus – ist eine gewisse Grundhöflichkeit und gute Manieren, basierend auf dem Respekt vor dem Mitmenschen. Meine These ist, dass es darum auch kein Wunder ist, dass dieser mangelnde Respekt nicht nur gegenüber Menschen auftritt, sondern auch gegenüber der belebten und unbelebten Natur. Für mich ist das gedankenlose Vermüllen der Landschaft auch ein Zeichen von mangelnder Höflichkeit, eben von mangelnder Umwelthöflichkeit. Auch der übermäßige Gebrauch und das schnelle Wegwerfen von Billigartikeln sind der Natur gegenüber unhöflich sowie Mountainbiker und Wildcamper in Naturschutzgebieten. Erstaunlicherweise hat das zunehmende Umweltbewusstsein nicht zu einem größeren Respekt vor der Natur geführt, jedenfalls nicht über die ganze Gesellschaft gemittelt. Offensichtlich werde Respekt und Höflichkeit als eine Einschränkung der individuellen Entfaltungsmöglichkeiten wahrgenommen – ein weiteres Spannungsverhältnis. Hier würde eine allgemeine Erziehung zu größerem Respekt vor Mensch und Natur auch zu einer größeren Umwelthöflichkeit führen. Übrigens gehöre ich einer Generation an, der man noch eine totale „Wegwerfhemmung“ antrainiert hat. Und das hat tatsächlich funktioniert: Ich habe in meinem Leben noch keinen Müll im Freien zurückgelassen. Ich glaube, wir tun gut daran, Fragen der Nachhaltigkeit immer in größere Fragestellung einzubetten. Ansonsten befürchte ich, dass die Gesellschaft immer mehr zerfällt. Es bringt uns nichts, wenn Ökos, Sozis und Kapitalisten aufeinander losgehen, statt einen Konsens zu finden, der auch die Nachhaltigkeit voranbringt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Werner Kunz ist Professor für Physikalische Chemie und Leiter des Carl von Carlowitz Center für Nachhaltige Chemie an der Universität Regensburg. Foto: Werner Kunz