Interview
14. November 2020 17:28  Uhr

Unsere Freizeiterlebnisse werden immer digitaler

Corona befördert das Cocooning, doch nicht nur: Wie Prof. Dr. Renate Freericks, Leiterin des internationalen Studiengangs angewandte Freizeitwissenschaft an der Hochschule Bremen, im Interview verrät, bringt das Virus die Menschen auch dazu, ihr Freizeitverhalten generell zu überdenken.

Die Welt wird immer digitaler – und gleichzeitig wächst das Bedürfnis der Menschen, in ihrer Freizeit die Natur zu erleben. | Foto: by-studio – stock.adobe.com

Von Stefan Ahrens

Frau Professor Freericks, welche Freizeittrends werden Ihrer Ansicht nach die „neuen Zwanziger“ maßgeblich prägen?

Professor Dr. Renate Freericks: Wer gesellschaftliche Trends im Auge behält, den kann es wohl kaum verwundern, dass auch die Freizeit mittlerweile zunehmend in allen Lebensphasen digitaler wird. Seit Kurzem hat das Internet das Fernsehen als hauptsächliche Freizeitaktivität abgelöst – ganze 96 Prozent der Deutschen ab 14 Jahren sind in ihrer freien Zeit am liebsten online. Der Grund hierfür liegt vor allem im starken Anstieg der Nutzung sozialer Medien und Smartphones bei jüngeren Menschen. Auch Streamingdienste werden immer stärker genutzt zulasten des traditionellen, linearen Fernsehens. Gleichzeitig werden für Menschen unterschiedlicher Altersstufen Freizeittrends wie die Gesundheitsförderung beispielsweise durch gesunde Ernährung, Nordic Walking, Sport im Fitnesstudio, Nachhaltigkeit und das Erleben der Natur immer wichtiger. Selbst junge Leute gehen gerne wandern, fahren Fahrrad – wie man auch am Verkaufserfolg von normalen Fahrrädern und E-Bikes erkennen kann – und betrachten die Gesundheit fast wie einen Religionsersatz. Der Event-Boom hingegen wurde durch Corona zurückgeworfen – egal, ob es sich hierbei um Erlebnisshopping, Live-Events oder spektakuläre Reiseziele handelt.

Wie kreativ ist eigentlich hierzulande der Umgang mit der eigenen Freizeit? Sind wir jenseits von Arbeit und Verpflichtungen eher abenteuerlustig oder endet es doch meist am Smartphone beziehungsweise mit der Tüte Chips vor der Glotze?

Gegen die Tüte Chips auf dem Sofa kann der Abenteuerurlaub eh nicht gewinnen, denn wir müssen zwischen der alltäglichen Freizeit und der nicht-alltäglichen Freizeit unterscheiden. Zwei Drittel unserer täglichen Freizeit verbringen wir zu Hause. Theater-, Kino-, Konzert- oder Restaurantbesuche wiederum, also Dinge, die vor allem außerhalb der eigenen vier Wände stattfinden, finden meist eher wöchentlich oder monatlich statt. Ganz zu schweigen von Fernreisen oder Outdoorerlebnissen, die oftmals sogar nur einmal pro Jahr stattfinden. Insofern bieten sich ehrlich gesagt gar nicht so viele Gelegenheiten, um häufige spektakuläre Freizeiterlebnisse zu realisieren. Hinzu kommt, dass viele Bürger klagen, dass sie eigentlich zu wenig Freizeit haben: Denn vieles geht für Behördengänge, Arztbesuche und Einkäufe drauf sowie für Kinder- und Altenbetreuung. Auch das Internet kann da nur bedingt für Entlastung sorgen: Denn mit der Abwanderung des Einzelhandels und vieler Dienstleistungen ins Internet ist auch die Selbstverantwortung gestiegen, beispielsweise durch Internetreisebuchungen, Kartenvorverkauf, Online-Banking und vieles andere. Die durchschnittlichen vier Stunden tägliche Freizeit, auf die man hierzulande kommt, sind da schnell verbraucht.

Verschärft die Coronakrise in den kommenden Jahren die Tendenz zum Cocooning?

Ohne Zweifel wird Cocooning durch die Coronapandemie massiv befördert. Shoppen bei Amazon und Streaming bei Netflix ist ja bei jüngeren Menschen fast der Normalfall. Aber auch das Sporttreiben zu Hause, das wieder neu entdeckte Basteln oder das Spielen von Gesellschaftsspielen hat stark zugenommen. Durch die Coronakrise hinterfragen viele Menschen ihr Freizeitverhalten: Manch einer wird nun für sich beispielsweise beschließen, weniger zu fliegen und stattdessen Urlaub im eigenen Land zu machen, oder mehr in die Natur hinauszugehen. Aber keine Frage: Es wird, wenn die Coronakrise eines Tages vorbei sein sollte, auch große Nachholbedürfnisse geben, zum Beispiel danach, Freunde zu treffen, feiern zu gehen, Outdoorbedürfnisse zu befriedigen, eine große Reise zu unternehmen, essen zu gehen und vieles mehr.

Seit Kurzem hat das Internet das Fernsehen als haupt- sächliche Freizeitbeschäftigung abgelöst – ganze 96 Prozent der Deutschen ab 14 Jahren sind in ihrer freien Zeit am liebsten online.

Erlebnisreisen und Identitätsshopping nach dem Motto „ich kaufe, also bin ich“ sind gegenwärtig aufgrund von Corona nachvollziehbarerweise kaum machbar. Doch wie stark werden, jenseits von Corona, die technologischen Entwicklungen der nächsten Jahre unsere Freizeitmöglichkeiten grundsätzlich verändern?

Sie werden auf jeden Fall unseren Freizeithorizont erweitern. Nehmen wir als Beispiel die aus dem Boden sprießenden Onlineangebote der Museen und Kultureinrichtungen: Viele von ihnen haben sich in der Coronazeit neu aufgestellt und ihr Angebot um Online- und Virtual-Reality-Angebote ergänzt. Manches Museum, das bislang geografisch und möglicherweise auch monetär für mich unerreichbar gewesen ist, kann ich nun besuchen – zumindest virtuell. Oder vielleicht auch ein mir bis dato vollkommen unbekanntes Museum auf neue Art und Weise entdecken. Gewiss: Viele Leute wollen trotzdem weiterhin das Besuchserlebnis vor Ort. Natürlich ist es etwas anderes, zusammen mit anderen Menschen die Mona Lisa im
Louvre zu sehen als nur online. Aber dank der Digitalisierung sind nun auch virtuell durchgeführte Konzerte und Veranstaltungen möglich, durch die Kunden und Besucher erreicht werden, die vorher nicht erreichbar waren.

Frau Freericks, welche Freizeitentwicklung wünschen Sie sich persönlich für die „neuen Zwanziger“?

Viele Menschen klagen nicht nur über zu wenig Freizeit, sondern umgekehrt auch über Freizeitstress. Insofern halte ich es für sinnvoll, das ewige „höher, schneller, weiter“ zu hinterfragen und auch einfach mal den Mut zu haben, absolut nichts zu tun. Freizeit sollte der Raum für wirkliche Muße sein.

Prof. Dr. Renate Freericks studierte Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Freizeitpädagogik, Nebenfach Psychologie. 1994 folgte die Promotion zum Dr. phil. an der Universität Bielefeld zum Thema „Zeitkompetenz. Ein Beitrag zur theoretischen Grundlegung der Freizeitpädagogik“. 2002 wurde Freericks zur Professorin an der Hochschule Bremen, Schwerpunkt Pädagogische Freizeitwissenschaft berufen, wo sie den internationalen Studiengang angewandte Freizeitwissenschaft leitet. Außerdem ist sie Vorsitzende des Forschungsinstituts für Freizeitwissenschaft und Kulturarbeit e.V. (IFKA).

Fazit

Die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung in den „neuen Zwanzigern“ sind einerseits so vielfältig wie noch nie. Andererseits sind die meisten Menschen aufgrund der gegenwärtig notwendigen Coronaeinschränkungen vieler genau jener Möglichkeiten beraubt.
Die Digitalisierung des Freizeitverhaltens wird sich in den kommenden Jahren weiter steigern, mit möglicherweise neuen Perspektiven für die ortsunabhängige Vermittlung von Kunst und Kultur. Die Coronakrise dürfte einige Menschen dazu ermuntern, ihr bisheriges Freizeitverhalten zu überdenken und die eigenen Freizeitaktivitäten auf Einfachheit und Nachhaltigkeit hin zu überprüfen. Andere wiederum werden mit dem Ende der Anti-Corona-Maßnahmen das nachholen, was ihnen in Lockdown-Zeiten verwehrt geblieben ist.
So oder so dürfte es nur wenigen Menschen in den kommenden Jahren in ihrer Freizeit langweilig werden. Doch vielleicht kann gerade die bewusste Suche nach Langeweile, Leerlauf und Muße verhindern, dass sich genau jener Freizeitstress einstellt, den viele Menschen heutzutage beklagen. Freizeit im Sinne von „leisure time“ bewusst wiederzuentdecken und zu erfahren, was „freie Zeit“ wirklich sein kann – nämlich das genaue Gegenteil von Verpflichtungen und blindem Aktivismus.