Mobilität
19. Juni 2020 6:00  Uhr

Verkehrskonzept aus Neumarkt erobert China

Know-how made in der Oberpfalz: Das Bauunternehmen Max Bögl bietet sein Verkehrskonzept Transport System Bögl auf dem chinesischen Markt an. Auch der Flughafen München zeigt Interesse an der Technologie.

Manchmal nimmt auch die Eisenbahn den Flieger: Das Transport System Bögl reist mit der Antonov ins 7500 Kilometer entfernte Chengdu. | Foto: Firmengruppe Max Bögl / Reinhard Mederer

Von Gerd Otto

NEUMARKT/CHENGDU. Letztlich war es zwar „menschliches Versagen“, das als Ursache für einen der schlimmsten Unfälle der deutschen Eisenbahngeschichte mit 23 Todesopfern auf der Teststrecke im Emsland ermittelt wurde. Dennoch hatte dieser 22. September 2006 über die menschliche Tragödie hinaus auch für Deutschlands Industriepolitik weitreichende Konsequenzen. Das Thema Magnetschwebebahn und insbesondere das Reizwort „Transrapid“ schienen seither für alle Zeiten verbrannt zu sein.

Nicht jedoch für das Oberpfälzer Vorzeigeunternehmen Max Bögl, das seit Mitte der 90er-Jahre am Bau der Emsland-Trasse mitgewirkt hatte: Das mit 6500 Mitarbeitern und einem Umsatz von 1,7 Milliarden Euro größte deutsche Bauunternehmen in privater Hand zauberte Jahre später einen serienreifen Nachfolger aus dem Hut – und versetzte damit die Branche in Staunen. Fast unbemerkt von einer größeren Öffentlichkeit hatte man sich in Neumarkt Gedanken darüber gemacht, wie man die einst von dem 1977 verstorbenen deutschen Ingenieur Hermann Kemper erfundene Magnetschwebetechnologie optimieren könnte.

Praktische Überlegungen statt Geschwindigkeitsrekorde

Am Ende dieser Überlegungen stand nicht ein Transrapid der Supergeschwindigkeiten, der mit bis zu 500 Stundenkilometern Deutschlands Metropolen verbindet. Vielmehr ist das 2010 aus der Taufe gehobene Transport System Bögl (TSB) auf einen umweltschonenden Personennahverkehr mit Streckenlängen bis zu 30 Kilometern ausgelegt, auf denen vergleichsweise gemütliche 150 Kilometer pro Stunde gefahren werden.

Bereits zwei Jahre nach dem Start war die Firmengruppe Max Bögl in der Lage, auf einer eigenen Erprobungsstrecke im Neumarkter Ortsteil Sengenthal das neu entwickelte System ausgiebig zu testen. Längst begnügte man sich nicht mehr damit, lediglich den Fahrweg zu verbessern: Ziel war nun, zusammen mit dem Fahrzeug und der Betriebstechnik ein Gesamtkonzept aus einem Guss zu erstellen. Unabhängig davon wurde auch das System „Feste Fahrbahn Bögl“ weiterentwickelt, mit dem auf weit mehr als 10.000 Kilometern Länge Züge mit bis 380 Stundenkilometern quer durch China und Europa fahren.

Freude über Markteintritt in China

Offenbar haben die Oberpfälzer den globalen Trend zur Urbanisierung mit all ihren Herausforderungen erkannt. Für die Lösung, so der Vorstandsvorsitzende Stefan Bögl, würden innovative, nachhaltige und flexible Mobilitätskonzepte benötigt. Umso mehr freute sich das Oberpfälzer Familienunternehmen im vergangenen Herbst über den Abschluss eines Kooperationsvertrags mit dem chinesischen Unternehmen Chengdu Xinzhu Road & Bridge Machinery Co. Ltd.: „Wir freuen uns sehr, dass uns damit der Markteintritt in China gelungen ist.“

Bereits im Sommer soll das TSB-Personennahverkehrssystem im Land der Mitte den Betrieb aufnehmen. Zuvor wird es nun auf der über 3,5 Kilometer langen Demonstrationsstrecke in Chengdu seine Bewährungsprobe bestehen müssen. Nachdem das erste Serienfahrzeug in den letzten Monaten in Sengenthal vorab für seinen Einsatz in China auf Herz und Nieren getestet worden war, hat es Anfang Juni spektakulär seinen Weg nach China angetreten: Dieser Tage wurde das erste serienreife Zwei-Sektionen-Fahrzeug des Transport System Bögl (TSB) mit einem der weltweit größten Transportflugzeuge zu seinem Einsatzort nach China geschickt.

Mit der Antonov ins Land der Mitte

Auf dem Weg zu seinem Zielstandort wurde das Verkehrssystem zunächst am Hauptstandort der Firmengruppe Max Bögl in Sengenthal auf Lkws verladen und zum Flughafen München transportiert. Von dort aus ging es für das neue Serienfahrzeug mit der Antonov 124-100, einem der größten weltweit eingesetzten Transportflugzeuge, in das über 7500 Kilometer entfernte Chengdu. Dort wird das TSB-Team gemeinsam mit dem chinesischen Partnerunternehmen Xinzhu das Fahrzeug in Betrieb nehmen.

Das Transport System Bögl mit seinen einzelnen Komponenten, Fahrträgern und Fahrzeugen wird in Sengenthal produziert und montiert. Die Betonsegmente der Fahrwege werden in flexibler Schalung gegossen und anschließend mit einer CNC-Schleifmaschine auf ein Zehntel Millimeter genau geschliffen. Der Fahrweg des Transport Systems Bögl ist mit einem Träger von 1,2 Metern Höhe und 23,5 Metern Länge sehr niedrig und leicht. Gegenüber herkömmlichen Systemen vermeidet das Transport System Bögl die hohen Lasten am Kontaktpunkt Rad-Schiene, die die Hauptursache für Vibrationen und Lärm sind. Stattdessen leitet es die Lasten berührungslos gleichmäßig verteilt in den Fahrweg und ist dadurch sehr leise. Dies spare, so die Experten von Max Bögl, nicht nur Rohstoffe und Kosten, sondern werde auch ästhetisch als sehr ansprechend wahrgenommen.

Flughafen München zeigt ebenfalls Interesse

Davon ist man jetzt offenbar auch in Deutschland angetan. So hat etwa der Flughafen München als internationales Verkehrsdrehkreuz die Möglichkeit ins Auge gefasst, eine Magnetschwebebahn aus Bayern einzusetzen. Mehr als 18 Jahre ist es her, dass der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber mit seiner legendären Transrapid-Rede in die Annalen einging – dass sein Amtsnachfolger Günther Beckstein das ehrgeizige Projekt abblockte, konnte er damit dennoch nicht verhindern.

Mit der Vergabe einer Machbarkeitsstudie durch den Flughafen München könnte dieses Thema fast zwei Dekaden später nun wieder neu Fahrt aufnehmen. Wie Johann Bögl, der Aufsichtsratsvorsitzende der Firmengruppe, hervorhebt, werde damit doch noch die Grundlage für eine erste Anwendungstrecke dieser zukunftsorientierten Nahverkehrslösung geschaffen: „Das ist ein wesentlicher Meilenstein zum künftigen Erfolg deutscher Verkehrstechnologien.“

Umweltfreundliche Entlastung des Autobahnnetzes

Dies könnte auch für die ins Auge gefasste Trasse zwischen München und Augsburg entlang der Autobahn A 8 gelten. Mit dieser 53 Kilometer langen Strecke wäre es möglich, verschiedene Kommunen dieser Region an das öffentliche Nahverkehrsnetz anzubinden und die stark befahrene A 8 von einem Teil des Pendelverkehrs zu entlasten.