Arbeitsmarkt
8. Mai 2020 13:01  Uhr

Händler vor Ort genießen Vertrauensvorsprung

Wie könnte es nach der Krise weitergehen? Für diese Frage suchen Unternehmen derzeit fieberhaft nach Lösungen. Ein erfolgversprechender Ansatz könnten neue Vertriebswege sein.

Wer online verkaufen kann, ist klar im Vorteil. Foto: Artem – stock.adobe.com

Von Rebecca Sollfrank

REGENSBURG. „Ghost Kitchen“ – seit 21. März trifft dieser Begriff auf die bayerische Gastronomie zu: In Küchen und Gasträumen herrscht gespenstische Leere. Anfang 2018 noch als Umsatzbringer gehypt, hat sich der Ghost-Kitchen-Trend nicht rechtzeitig vor der Coronakrise durchgesetzt. Das Prinzip des virtuellen Bewirtens: Gekocht wird mit der eigenen Küchenmannschaft in Restaurantqualität, der hungrige Gast kann sich die Speisen dann von Lieferdiensten bringen lassen oder wahlweise selbst abholen. Die digitale Infrastruktur dahinter würde sich im April 2020 wohl jeder Gastwirt ohne Lieferdienst wünschen. „Die Traditionskonditorei Krönner hat ihre Agnes-Bernauer-Torte und alle anderen Produkte schon vor der Coronakrise erfolgreich über den Onlineshop an überregionale Kunden vertrieben“, erklärt Heiko Hinkofer, Geschäftsführer der Danubius GmbH, die die Krönners mit ihrer Website betreut. Eine Komplettumstellung auf Onlineversand stellte für die Straubinger Konditorei kein Problem dar. Hinkofer ergänzt: „Anderen wird jetzt erst richtig bewusst, wie richtig die Entscheidung für einen Onlineshop war.“

Philipp Parzefall, einer der beiden Geschäftsführer der Dampftbeidir GmbH, bestätigt den aktuellen Wettbewerbsvorteil. Das Spezialgeschäft für E-Zigaretten und Liquids betreibt neben dem Laden in Neutraubling, einen einen aufwendig gemachten Webshop. „Dadurch, dass im Lockdown viele E-Zigaretten-Kunden deutschlandweit auf Onlineversand zurückgegriffen haben, ist unser Onlineumsatz spürbar gestiegen.“

Kreative Lösungen sind gefragt

Als Krisengewinner sieht Parzefall sein Unternehmen dennoch nicht. Für den Erhalt des stationären Ladens mussten er und sein Partner kreativ werden. „Wir haben eine Genehmigung für einen Abholservice. Über Whatsapp können unsere regionalen Kunden ihre Bestellungen aufgeben. Wir bereiten sie umgehend vor und geben sie dann vor dem Laden aus, möglichst ohne Wartezeiten, um Ansammlungen zu vermeiden.“
Doch Dampftbeidir hat in Deutschland ein Franchisenetz mit elf eigenständigen Partnern aufgebaut und die haben nicht alle einen Webshop oder Ausnahmegenehmigungen. „Wir haben versucht, das mit Dropshipping über unseren Onlinehandel auszugleichen“, erklärt Parzefall. „Die regionalen Kunden unserer Partner können über unseren Shop online bestellen und bezahlen. Unsere Partner kaufen die Waren bei uns zum Einkaufspreis und können sie kontaktlos an die eigenen Kunden ausgeben.“ Eine kreative Lösung, mit der Parzefall dennoch nur halb zufrieden ist. „Gerade wenn Raucher auf Dampf umsteigen, ist das sehr beratungsintensiv.“ Auch nach dem 27. April will das Team von Dampftbeidir einige Corona-Maßnahmen weiterführen. Parzefall: „Wir werden den Abholservice erst einmal so beibehalten. Sollten einzelne Kunden etwas mehr Beratung brauchen, werden wie diese einzeln ins Ladengeschäft lassen.“

Händler beweisen langen Atem

Ulrich Dombrowsky und seine Frau haben während des Lockdowns viele Beratungsstunden am Telefon verbracht. Die Regensburger Buchhändler wandten sich mit einer offensiven Informationskampagne an ihre Stammkunden. „Dank einer funktionierenden Lieferkette waren wir weiterhin in der Lage, so gut wie alle Bücher zu bestellen sowie diese dann mit dem Fahrrad oder Auto respektive Lieferdienst an die Kunden zu verteilen.“ Die Homepage, die schon vorher existierte, wurde zum Rückgrat des wirtschaftlichen Überlebens. Die Onlineschiene könnte sogar zu einer Chance werden, sich zu profilieren. „Der Buchhandel war das erste Opfer von Amazon, aber jetzt in der Krise fährt die Plattform ihr Buchangebot zurück. Ein Affront gegen Verlage und Autoren, für die die Krise ohnehin eine existenzielle Bedrohung darstellt.“ Dombrowsky sieht den regionalen Buchhandel hier in der solidarischen Pflicht. Man meint ein wenig Schadenfreude herauszuhören, wenn er sagt: „Meine Frau und ich hätten auf diese Weise lange durchhalten können.“ Dass sie das nicht müssen, darüber freuen sich die Dombrowskys sehr. Mit einer langen Mail haben die Buchhändler sich für den „überwältigenden“ Rückhalt von Seiten der Kunden bedankt. Ab 27. April wird es im Laden einige Neuerungen geben. Nicht mehr als sechs Kunden gleichzeitig dürfen hinein. Vor dem Laden werden sechs Einkaufskörbe aufgestellt, die nach jeder Benutzung desinfiziert werden. Dombrowskys Servicepolitik hat ihn jedenfalls gut durch den Lockdown gebracht. „Die unter den schweren Bedingungen generierten Umsätze erlauben eine Fortführung des Ladens.“

Erfolg mit der „Vertrauenskasse“

Digitalisierungsexperte Heiko Hinkofer stimmt dem zu. „Noch wichtiger als eine gute Homepage ist es fast, den Google-Business-Eintrag, auf den enorm viele Dienste zugreifen, aktuell zu halten.“ Oder man kann Blumen sprechen lassen, wie der Werkmarkt Probst in Wörth an der Donau. Weil Blumenerde und Frühlingstopfpflanzen während der Schließung an private Kunden ohne Gewerbeschein im Markt nicht verkauft werden durften, hatte man hier die Ware zur kontaktlosen Mitnahme einfach vor die Tür gestellt und eine „Vertrauenskasse“ eingerichtet. Wenn das funktioniert, könnte dies ein hoffnungsvolles Zeichen für die Gesellschaft nach der Coronakrise sein.