Gründer
23. Mai 2020 6:00  Uhr

Viele Start-ups sind in ihrer Existenz bedroht

Die Coronakrise ist für viele Gründer existenzgefährdend. Die Gründerzentren der Region leisten wichtige Unterstützungsarbeit und die Bundesregierung hat ein milliardenschweres Hilfspaket geschnürt.

Neun von zehn Start-ups in Deutschland sind negativ von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise betroffen, über 70 Prozent fürchten sogar um die Existenz. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie, die vom Bundesverband Deutsche Startups e.V. (Startup-Verband) in Zusammenarbeit mit Curth+Roth veröffentlicht wurde. Besonders Start-ups in den Bereichen Human Resources (HR) und Tourismus sehen eine starke Beeinträchtigung ihrer Geschäftstätigkeit. Foto: Song_about_summer – stock.adobe.com

Von Robert Torunsky

BERLIN/BONN/REGENSBURG/DEGGENDORF/PASSAU. Start-ups gelten als Pioniere in Sachen Innovationskultur. Nicht umsonst holen sich deshalb immer mehr große Unternehmen Gründungen in ihr Ökosystem, um agil und wettbewerbsfähig zu bleiben. Dies ist aufgrund der Coronakrise vielerorts allerdings erstmal in den Hintergrund gerückt. Und das ist nur einer der Gründe, warum bei einer Umfrage des Bundesverbandes der Start-ups über 70 Prozent der Befragten angaben, durch die Krise existenziell bedroht zu sein. „Dieses Szenario ist nicht unrealistisch, denn nur wenige Start-ups verfügen über große Rücklagen, mit denen sie sich lange über Wasser halten können“, sagt Alexander Rupprecht. Der Geschäftsführer der R-Tech GmbH, die das Innovationszentrum Techbase in Regensburg betreibt, ergänzt: „Mit den Sofortmaßnahmen wie Kurzarbeit und Soforthilfe können sie die ersten Monate überbrücken, aber eine drohende Wirtschaftskrise wird viele wirtschaftlich an die Wand drücken. Auch Start-ups mit externen Investoren werden sich schwer tun, neue Finanzierungsrunden abzuschließen“, prognostiziert Rupprecht.

Nicht alle Branchen sind gleich betroffen

Tamara Schneider, Netzwerkmanagerin des Inn.kubators Passau, Teil des Gründerzentrums Digitalisierung Niederbayern (GZDN), hat – abhängig von den Branchen – unterschiedliche Erfahrungen gemacht: „Es gibt einige Start-ups, die durch die Krise geradezu einen Schub erfahren, während andere sehr stark getroffen werden.“ Schneiders Kollege Thomas Keller, Geschäftsführer des Innovations Technologie Campus (ITC1) Deggendorf, Teil des GZDN, ergänzt: „Bei Start-ups aus dem Bereich der Präsenzveranstaltungen ist das Geschäft komplett eingebrochen. Diese versuchen jedoch, mit Onlineangeboten wie Webinaren neue Wege zu gehen. Es gibt aber auch positive Beispiele.“

Wie das im GZDN Deggendorf beheimatete Level 51. „Bei aller Tragik erweist sich die aktuelle Situation als Treiber für die Digitalisierung und die New-Work-Bewegung. Wir spüren das insofern, als viele Partner und Kunden nun vermehrt den Fokus entsprechend setzen und mit Nachdruck an ihren digitalen Lösungen arbeiten wollen“, berichtet Julian Scheuchenzuber, Gründer von Level 51. „In der Konsequenz gehören Softworker wie wir bei Level 51 zu einem jener Berufsstände, die derzeit deutlich mehr als üblich zu tun haben.“

Gründerteams zeigen sich in der Krise agil

Für Tamara Schneider liegt es trotz der aktuellen Schwierigkeiten bei der Anbahnung von Gesprächen und Kooperationen mit Unternehmen „in der Natur der Start-ups, schnell und agil auf sich verändernde Bedingungen zu reagieren“. So hätten viele Gründerteams ihre Geschäftsmodelle an die aktuelle Situation angepasst und „bestimmte Geschäftsbereiche ausgebaut oder komplett umgekrempelt“. Trotzdem tut Unterstützung Not. Thomas Jarzombek, Beauftragter des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) für die Digitale Wirtschaft und Start-ups stellt eine neue staatliche Soforthilfe vor: „Covid 19 trifft auch die Start-up-Branche hart. Viele Unternehmen waren Anfang des Jahres auf klarem Wachstumskurs und werden jetzt durch Corona ausgebremst. Daher steuern wir hier bewusst gegen und haben mit einem Zwei-Milliarden-Euro-Maßnahmenpaket eine passgenaue Hilfe für Start-ups und kleine Mittelständler auf den Weg gebracht.“

Infos zu Steuerentlastungen und Förderprogrammen

Über diese und andere Förder- und Hilfsprogramme informiert die Techbase laut Alexander Rupprecht regelmäßig und in engem Austausch mit der Stadt Regensburg. „Wir haben auch selbst gemeinsam mit Experten aus unserem Netzwerk eine Webinar-Reihe mit aktuellen Themen aufgesetzt, etwa zu Steuerentlastungen oder Förderprogrammen für Technologieprojekte“, sagt Rupprecht. „Da das reale Netzwerken und Kontakteknüpfen aktuell kaum möglich ist, haben wir mit ,Pitch & Match‘ ein neues digitales Format entwickelt, bei dem wir etablierte Unternehmen mit Start-ups vernetzen.“ Auch Thomas Keller und Tamara Schneider haben derzeit viele individuelle Gespräche mit eingemieteten Start-ups und versuchen, jeden Einzelnen bestmöglich zu unterstützen – unter anderem auch mit Webinaren.

Interview

„Der große Exodus muss verhindert werden“

R-Tech-Geschäftsführer Alexander Rupprecht im Gespräch über die Coronafolgen für die Start-up-Unternehmen in der Techbase – und sein Vertrauen in die Innovationskraft der Gründer.

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