Serie: Transformation der Berufsbilder
8. Juli 2021 5:59  Uhr

Vom Digitalingenieur bis zum Insektenzüchter

Die Berufswelt steckt in einem tiefgreifenden Wandel mit Chancen und Herausforderungen. Die Serie „Transformation der Berufsbilder“ richtet den Fokus darauf, wo wir uns künftig beruflich verwirklichen können.

Die Digitalisierung durchdringt immer mehr Lebensbereiche, was auch neue Berufsbilder notwendig macht. Die Berufe der Zukunft bilden allerdings auch noch weitere Trends und gesellschaftliche Entwicklungen ab. | Foto: Korn Vitthayanukarun – stock.adobe.com

Von Rebecca Sollfrank

BERLIN/REGENSBURG. „Die Digitalisierung erzeugt Bedarf für eine Vielzahl neuer Berufsbilder, über deren Ausgestaltung wir eine gesamtgesellschaftliche Diskussion brauchen. Mit den Vorschlägen zu drei eigenständigen neuen Berufsbildern möchten wir diese Debatte in Gang bringen.“ So begründete Dr. Frank Termer, Experte für Digital Design beim Digitalverband Bitkom, im März ein Positionspapier, das gemeinsam mit dem Deutschen Designer Club, der Gesellschaft für Informatik, dem Rat für Formgebung und dem Verband Deutscher Industriedesigner entwickelt wurde. „Deutschland kann durch die Etablierung der drei grundlegenden neuen Berufsbilder der Digitalisierung Vorreiter sein“, so Termer weiter. „Jetzt sind Politik, Unternehmen und Bildungswesen gefragt.“

Neue Fachrichtung „digitale Transformation“

Deutschland nimmt mit seinem klassischen und dualen Ausbildungs- und Studiensystem vor allem im Technik- und Gestaltungsbereich schon seit Langem eine Vorreiterrolle ein. Es sei selbstverständlich, so die Bitkom in ihrem Positionspapier, dass Menschen anspruchsvolle Studiengänge und Ausbildungen durchliefen, bevor sie technische Systeme, Maschinen, Gebäude oder Städte gestalteten. Die Rolle des bundesdeutschen Wohlstandsgaranten wird sich das klassische deutsche Ingenieurswesen künftig mit der Fachrichtung „digitale Transformation“ allerdings zumindest teilen müssen.

Eigenständige Berufsbilder fehlen

Das Positionspapier der Bitkom identifiziert die Digitalisierung als „systemkritischen Faktor“, der Lebensart und die gesamte Gesellschaft verändere. Das Bündnis, das hinter dem Appell steht, stellt die essenzielle Frage, welche Berufe eigentlich die Digitalisierung gestalten und vorantreiben sollen. Für diesen immer wichtigeren Bereich würden eigenständige Berufsbilder fehlen, die die „notwendigen Schlüsselkompetenzen kultivieren“.

Erste Schritte durch das BIBB

Aber was ist so neu an der Forderung von Bitkom und Co.? Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hat erst im August 2020 zum Beispiel die IT-Ausbildungsberufe modernisiert, um sie für die aktuellen Themen Vernetzung, Internet of Things und Industrie 4.0 zu ertüchtigen. Worum es dabei geht, zeigt zum Beispiel der neu definierte Zweig der Kaufleute für Digitalisierungsmanagement. Sie sind die „branchenübergreifenden Profis im Umgang mit Daten und Prozessen aus einer ökonomisch-betriebswirtschaftlichen Perspektive“, heißt es in der BIBB-Neuordnung. „Kaufleute für Digitalisierungsmanagement“ managen die Digitalisierung von Geschäftsprozessen auf der operativen Ebene.

Die DNA des Wissenstransfers

Was das Bitkom-Positionspapier meint, geht aber noch wesentlich weiter. Die drei geforderten neuen Berufsbilder „Digital Design“, „Digital Engineering“ und „Data Science” tragen die DNA des Wissenstransfers aus der Wissenschaft in die Wirtschaft in sich. Dabei geht es nicht darum, dass sich künftig Mitarbeiter aller Branchen digitale Kompetenzen und Denkweisen aneignen müssen. Vielmehr geht es um drei konkrete Fachrichtungen, die sich auf unterschiedliche Weise mit der alles durchdringenden Digitalisierung unserer Arbeits- und Lebenswelt beschäftigen werden. „Digital Design“ befasst sich mit der grundlegenden und individuellen Gestaltung digitaler Lösungen für Unternehmen und Lebenssituationen. Hier müsse sich, so die Bitkom, ein eigenständiges Wissenschaftsfeld ausbilden, das sich sowohl mit den eigenen Methoden als auch mit den Ergebnissen des eigenen Handelns auseinandersetze. Das Forschungsfeld, in dem sich Digital Designer bewegen werden, sind die durch die Digitalisierung ausgelösten Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Digital Designer werden die theoretischen Fachleute dafür sein, wie digitale Lösungen im Alltag umgesetzt werden können und was das für alle Beteiligten bedeutet.

Ingenieurswesen ins Datenzeitalter holen

„Digital Engineering“ holt das klassische Ingenieurswesen ins Datenzeitalter und befasst sich mit der konkreten Konstruktion und Realisierung digitaler Lösungen. Unter anderem müsse sich der „digitale Ingenieur“ der Erforschung und Weiterentwicklung der systemischen Aspekte des Digitalen widmen. Theorie und Praxis werden schließlich mit der Frage nach dem zentralen Werkstoff der Zukunft abgerundet: Daten und den in ihnen enthaltenen Informationen. „Data Science“ als Berufsbild für „Materialkundlerinnen und Materialkundler der Digitalisierung“, so heißt es in einer Bitkom-Pressemitteilung, setze sich perspektivenübergreifend, wissenschaftlich sowie empirisch und von der Mikro- bis zur Makroskala mit dem Rohstoff Big Data auseinander. Dies führe zu einer engen Verbindung zwischen MINT-Fächern sowie den empirischen Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften.

Neue Berufe auch jenseits der Digitalisierung

Und immer wieder klingt in der Diskussion um neue Berufsbilder ein weiterer wesentlicher Faktor an: die Reaktion auf gesamtgesellschaftliche Herausforderungen – wie etwa die Coronapandemie. Da passt es ins Bild, dass das BIBB selbst im Mai 2021 nach einem zweijährigen Forschungsprojekt empfiehlt, einen neuen dreijährigen dualen Ausbildungsberuf in der Medizinprodukteaufbereitung (MPA) zu schaffen. Die Bedeutung von Hygieneaspekten sei in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. Die verantwortungsvolle Aufbereitung von Medizinprodukten sei eine wichtige Aufgabe für qualifiziertes Fachpersonal in einem eigenständigen Beschäftigungssegment. Allein für die Aufbereitungseinrichtungen der Krankenhäuser schätzt das BIBB den Beschäftigungsumfang auf anfänglich rund 26.000 Personen, Tendenz steigend.

Interview

Berufsbilder unterliegen einem ständigen Wandel

Ralf Kohl, Leiter Berufsbildung bei der Industrie- und Handelskammer Regensburg für Oberpfalz/Kelheim, spricht im Interview über den Prozess  der Definition neuer Berufsbilder.

Hier geht’s zum Interview …

Serie „Transformation der Berufsbilder“

325 anerkannte Ausbildungsberufe gab es 2020 in Deutschland, 1971 waren es noch 606. Doch auch wenn die Zahl der Berufe absolut abnimmt, gibt es auf der anderen Seite Bedarf für neue Berufe. Für einen beschleunigten Wandel gewohnter Berufsbilder sorgt derzeit besonders die Digitalisierung – wenn auch nicht nur. In den nächsten Wochen stellen wir an dieser Stelle einige konkrete Beispiele für Transformationen und Neuerungen vor. Etwa den Smart Farmer: Der Digitale Landwirt arbeitet algorithmengestützt hochpräzise, muss aber auch grundsätzlich sein althergebrachtes Selbstverständnis hinterfragen. Und er hat einen völlig neuen „Kollegen“ bekommen: Insektenzüchter werden künftig nicht nur für eine alternative Tierfutterquelle sorgen, sondern den Grundstoff für neuartige Lebensmittel ohne den gesellschaftlich immer umstritteneren Fleisch- und Fischbestandteil liefern. Selbst die Art, wie uns künftig Waren im Handel schmackhaft gemacht werden, ändert die Digitalisierung – zusätzlich beschleunigt durch Corona: Sie hat den Digital Category Manager Einzelhandel hervorgebracht. Apropos Manager: Lebensqualität im Job wird immer mehr zum Argument für die Wahl des Arbeitgebers. Kann der Feel Good Manager die Arbeitsatmosphäre nachhaltig verbessern? Darüber müssen sich Drohnenpiloten vielleicht keine großen Gedanken machen, schließlich ist ihre Perspektive auf die Welt in ihrem Job im wahrsten Sinne des Wortes „abgehoben“. Ob die Arbeit des E-Sport-Managers wesentlich mehr Bodenhaftung hat, sei dahingestellt – der Spaß an der Arbeit scheint hier zumindest vorprogrammiert.