Blockchain
7. Dezember 2020 6:05  Uhr

Vom Heilsbringer zum Problemlöser

Die Erwartungen an die Blockchain-Technologie waren groß – fast kein Problem, das sich mit ihrer Hilfe nicht hätte lösen lassen sollen. Nachdem der Hype abgeklungen ist, kristallisieren sich nun realistische Anwendungen heraus.

Patienteneinwilligungen könnten in der Blockchain gespeichert werden. | Foto: WavebreakMediaMicro – stock.adobe.com

Von Stephanie Burger

KÖLN/WÜRZBURG. Informationen verteilt und manipulationssicher abspeichern, ohne dass dazu eine zentrale Instanz notwendig ist – so kann vereinfacht das Kernprinzip der Blockchain beschrieben werden. Schon vor Jahren wurde sie als Zukunftstechnologie ausgerufen, die auch den digitalen Wandel im Gesundheitswesen maßgeblich beeinflussen sollte. Bislang hat sich das Versprechen der Blockchain nicht erfüllt. Geht man aber davon aus, dass die Technologie einen klassischen Hypecycle durchläuft, könnten sich nun, nach dem Durchschreiten des auf einen Hype folgenden Tals der Ernüchterung, kleinere, aber sinnvolle Einsatzszenarien auftun.

Blockchain in Kombination mit künstlicher Intelligenz

„Der Durchbruch einer Technologie passiert in dem Moment, in dem nicht mehr die Technologie in den Vordergrund gestellt wird, sondern eine Technologie in der Lage ist, ein reales Problem einer größeren Gruppe so zu lösen, dass diese das Prinzip der Lösung versteht, ihr vertraut und sie für nützlich hält“, sagt Dr. Tobias Gantner, Digitalexperte und Geschäftsführer der Innovationsagentur Healthcare Futurists GmbH. Im Medizinbereich liegt laut Gantner das meiste Potenzial in der Kombination aus Blockchain und künstlicher Intelligenz. Konkrete Einsatzgebiete seien überall dort, wo Daten nicht korrumpierbar sein sollten, erhöhte Standards an den Datenschutz gestellt würden und Entscheidungen anhand eindeutiger Parameter und Prozesse getroffen würden. „Diese Entscheidungen können durch sogenannte Smart Contracts vollautomatisch durchgeführt werden, was Entscheidungsprozesse deutlich beschleunigt.“

Voraussetzung für sichere Datenspenden

Aber auch in allen Prozessen, in denen Daten ohne Mittelsmann ausgetauscht werden sollen, könne die Blockchain zum Einsatz kommen, so zum Beispiel, wenn Menschen ihre Daten anonym zu Forschungszwecken spenden möchten, so Gantner. Aktuell passiert das zum Beispiel bei der Coronadatenspende via App an das Robert-Koch-Institut. Die Daten sollen den Wissenschaftlern dabei helfen, die Ausbreitung von Covid-19 besser zu erfassen und zu verstehen. „Die Anforderung dabei ist, situative Daten, deren Wert sich auch daran bemisst, dass sie authentisch sind, beispielsweise aus Wearables zu übertragen und an einem anderen Ort zu aggregieren“, sagt Gantner. „Hier könnte man die Blockchain zusammen mit künstlicher Intelligenz einsetzen“, fügt der Digitalisierungsexperte hinzu, der davon ausgeht, dass die staatlich vorangetriebene digitale Transformation des Gesundheitswesens noch viele weitere Anwendungen schaffen wird.

Patienteneinwilligungen fälschungssicher hinterlegen

Die Entwicklung einer solchen ist den Informatikern Andreas Schütz und Tobias Fertig von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt gelungen. Ihre Idee war es, Patienteneinwilligungen, zum Beispiel vor Operationen oder einer Organspende, fälschungssicher in einer Blockchain zu hinterlegen. Sie entwickelten dazu eine App, mit der Patienten nach ihrer Authentifizierung all ihre Einwilligungen verwalten können. Die beiden Blockchainexperten, die sich 2019 mit ihrem Buch „Blockchain für Entwickler“ einen Namen in Fachkreisen machten, belegten mir ihrer App den zweiten Platz im „Ideenwettbewerb Blockchain“ des Bundesgesundheitsministeriums.

Erweiterte digitale Patientenakte

Aktuell sind Schütz und Fertig dabei, aus dem noch rudimentären einen umfangreicheren Prototyp zu entwickeln mit Medizinern zu evaluieren. Noch sei man nicht so weit, daraus ein Geschäftsmodell entwickeln zu können, meint Schütz. Aber es gebe bereits Überlegungen zu möglichen Zielgruppen. „Das wären sowohl Patienten als auch medizinische Einrichtungen. Die Bezahlung würde über Lizenzen erfolgen, die von den medizinischen Einrichtungen getragen werden.“ Eine andere Option wäre, die Anwendung als Erweiterung der digitalen Patientenakte zu nutzen. „Für diese müssen viele Standards geschaffen werden und eine Vielzahl an Akteuren muss sich auf einen gemeinsamen Austausch einigen. Dafür könnte unsere Anwendung eine gute Option sein.“

Falsche Erwartungen verhinderten bislang den Durchbruch

Ähnlich wie Gantner ist auch Schütz der Ansicht, dass der ausbleibende Durchbruch der Blockchain an falschen Erwartungen an sie liegt: „Die Blockchain wurde oft als das nächste Internet verkauft. Allerdings war sie als solche nie gedacht.“ Sie sei entwickelt worden, um sehr spezielle Aufgaben zu lösen, insbesondere die Verwaltung von Datensätzen in verteilten Systemen, in denen sich die Teilnehmer nicht vertrauen, aber auch auf keine zwischengeschaltete Instanz zurückgreifen möchten. Die hierfür notwendige unveränderbare Speicherung von Daten sei einerseits ein zentraler Vorteil der Blockchain, mache aber andererseits Systeme langsamer und sei zudem ressourcenintensiv. Schütz rät deshalb Unternehmen, zunächst unabhängig von einer bestimmten Technologie digitale Lösungen für reale Probleme zu suchen. Im zweiten Schritt gelte es dann, die notwendige Infrastruktur auszuwählen – die möglicherweise auch in der Blockchain bestehen könne. Einem breiteren Blockchaineinsatz im Healhcare-Sektor steht laut Schütz allerdings noch etwas anderes im Weg: ungelöste grundlegende Digitalisierungsaufgaben wie zum Beispiel die Digitalisierung von Informationen oder die Kommunikation der Systeme.

Blockchain

Einsatz im Kampf gegen Corona

Schon bald soll der erste Coronaimpfstoff verfügbar sein. Die Verteilung des Serums ist auch eine logistische Herausforderung. Eine Blockchain-Anwendung in Kombination mit künstlicher Intelligenz könnte eine Antwort auf sie sein – in sogenannten „Vaccitrains“.

Foto: pongmoji – stock.adobe.com

Mehr …