Außenwirtschaft
19. November 2021 6:05  Uhr

Vom Partner zum „systemischen Rivalen“

Vom Entwicklungsland zur Weltmacht: Im Herbstgespräch der vbw-Bezirksgruppe Oberpfalz erläuterte Prof. Dr. Herfried Münkler die Rolle Chinas in einer künftigen Weltordnung.

Prof. Dr. Herfried Münkler beleuchtete in seinem Vortrag geopolitische Machtverschiebungen, die das 21. Jahrhundert dominieren dürften. | Foto: vbw -Stefan Hanke

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Gast und Gastgeber des diesjährigen Herbstgesprächs der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) waren sich in einer Bewertung einig: Die Volksrepublik China als die offenbar neue überragende Weltmacht ist derzeit speziell für die deutsche Wirtschaft zugleich Partner, Wettbewerber und in zunehmendem Maße auch „systemischer Rivale“. Hatte Johannes Helmberger in seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender der vbw-Bezirksgruppe Oberpfalz insbesondere die wirtschaftlichen Beziehungen im Auge, so legte der Gastredner des Abends, Prof. Dr. Herfried Münkler, den Schwerpunkt auf die politischen Machtverschiebungen, die wohl das 21. Jahrhundert dominieren werden.

China steckt Claims ab

An eine schlichte Staffelübergabe von den lange Zeit als „Hüter“ der Weltordnung auftretenden USA an die künftig wohl dominierenden Chinesen glaubt Prof. Münkler jedenfalls nicht, da China seine Rolle völlig anders interpretieren dürfte. Den Chinesen gehe es bei ihrer strategischen Ausrichtung offensichtlich um das Abstecken von geopolitischen Einflusszonen und damit auch um geoökonomische Abhängigkeiten, wie sie sich schon im Rahmen der „Neuen Seidenstraße“ andeuten. Auch Johannes Helmberger hatte zuvor auf dieses gigantische Netz aus Infrastrukturprojekten verwiesen, für das zwischen 2013 und 2019 bereits nicht weniger als 625 Milliarden Euro in 70 Ländern investiert wurden. Zum Vergleich: Bayerns Bruttoinlandsprodukt bewegte sich im letzten Jahr in einer ähnlichen Größenordnung.

Kontrolle über Logistikketten

Mit dem Ausbau diverser Kooperationen – inzwischen mit 130 Ländern – sichert sich China auch die Kontrolle von Logistikketten. War China über lange Jahre hinweg in Bezug auf Investitionen deutscher, speziell auch bayerischer Unternehmen vor allem Empfängerland, derzeit mit einem Bestand von 23 Milliarden hinter den USA auf Platz zwei bayerischer Direktinvestitionen, so investieren chinesische Firmen inzwischen selbst auf bemerkenswerte Weise in anderen Regionen, unter anderem in Deutschland. Prof. Münkler nannte den Erwerb des Augsburger Roboter-Experten Kuka oder auch des griechischen Hafens Piräus als Beispiele, während Helmberger generell auf die Sektoren Maschinenbau, Autoindustrie, Chemie, Pharma sowie die IT- und Kommunikationsbranche abhob.

Sensible Bereiche schützen

Gerade sensible Bereiche mit einer hohen Relevanz für die staatliche Sicherheit werden aus Sicht des Politikwissenschaftlers Prof. Münkler für die künftige Weltordnung von entscheidender Bedeutung sein. Auch wenn Kriege in der herkömmlichen Form, zumal zwischen den Großen dieser Welt, also den laut Münkler fünf Mächten – neben USA und China auch noch Russland, Indien und die Europäische Union – wohl kaum noch stattfinden dürften, so wird man sich künftig vor allem gegen Cyberattacken und Angriffe auf die Kommunikations- und Steuerungssysteme zur Wehr setzen müssen.

Ebenso wie sich Johannes Helmberger aus Sicht der bayerischen Wirtschaft gegen Abschottung und Protektionismus sowie für offene Märkte und wirtschaftliche Gleichbehandlung aussprach, dürfte nach Auffassung von Prof. Münkler das politische Instrumentarium der Sanktionen zumindest gegenüber China und Russland kaum mehr anwendbar sein. Hier werde nämlich sehr schnell auf die staatliche Souveränität verwiesen und jede Form einer Gegenwehr als Eingriff in die inneren Angelegenheiten attackiert.

Bayerns Wirtschaft stark exportorientiert

Auch wenn der Löwenanteil der Ausfuhren bayerischer Unternehmen – 2020 im Wert von 168 Milliarden Euro – in die EU geht, stechen zwei außereuropäische Länder in der Statistik besonders heraus. Die USA kamen im vergangenen Jahr trotz der Auswirkungen der Coronapandemie auf 17 Milliarden Euro, was einem Anteil von 10 Prozent entspricht, dicht gefolgt von China mit 16 Milliarden Euro. Nimmt man die Importe aus China hinzu, war dieses Land mit einem Gesamtvolumen von 34 Milliarden Euro der bedeutendste Handelspartner Bayerns.