Serie: Transformation der Berufsbilder
1. Oktober 2021 9:26  Uhr

Vom Videospiel zur Chance für Managementtalente

Von den großen Sportverbänden wird E-Sport noch immer nicht anerkannt. Dabei hat sich längst eine millionenschwere Branche um die professionellen Gamer gebildet, die mit dem E-Sportmanager ein attraktives Karrierefeld bietet.

E-Sportevents setzen weltweit Hunderte Millionen um. Die Organisation solcher Veranstaltungen und von Vereinen und Ligen eröffnen E-Sportmanagern genauso wie das Marketing und Sponsoring im E-Sport-Bereich zahlreiche Karrierechancen. | Foto: pexels.com

Von Rebecca Sollfrank

REGENSBURG. Das Wort „Sport“ ist eine Abkürzung des englischen Wortes „disport“. Und das bedeutet „Zerstreuung“ oder „Vergnügen“. Von der Warte aus betrachtet läuft die Kritik des sportlichen Establishments ins Leere, E-Sport sei kein echter Sport, weil er nicht mit körperlicher Anstrengung verbunden sei. Was im Übrigen auch nicht stimmt, wie Stephan Burmeister im Interview erklärt. Der Referent der Jahn-Geschäftsführung und Ansprechpartner der Sparte E-Sports betont: „Mit 70 Millionen Euro Umsatzvolumen 2019 ist Deutschland Europas größter E-Sportmarkt. Trotzdem muss seine langfristige Verankerung als Wirtschaftsbranche zukünftig noch durch eine weitere Professionalisierung sichergestellt werden.“

Wettkampf, Spannung, Teamgeist

Ein Teil dieser Professionalisierung ist die Ausbildung zum E-Sportmanager. „Wie im Sportmanagement begeistern auch hier Spannung, Wettkampf, Leistungsfähigkeit, Teamgeist und der besondere Live-Charakter, was schließlich auch den beruflichen Alltag abwechslungsreich und attraktiv macht“, sagt Michael Weber, Sportmanager und Studientutor in der E-Sportmanager-Ausbildung der Deutschen Sportakademie in Köln. „In den Vereinen und Ligen, bei den hochdotierten Events, den Medien und der Rechtevermarktung bieten sich unglaublich viele spannende Möglichkeiten, E-Sports aktiv zu gestalten.“ Die Deutsche Sportakademie bietet zweimal im Jahr, im März und im November, eine jeweils einmonatige, 100-prozentig digitale Fortbildung an. Laut Akademie ist der Kurs unter bestimmten Voraussetzungen förderfähig. In fünf Webinaren erlangt man das Zertifikat E-Sport-Manager. Angesprochen werden aktive E-Sportler, die sich mehr in der Organisation einbringen wollen, aber auch Mitarbeiter aus Vereinen, Verbänden, Unternehmen sowie Event- und Sponsoringagenturen.

Bisher hauptsächlich junge Männer

Interessenten für diesen Beruf sind laut Weber bisher hauptsächlich Männer zwischen 18 und 28 Jahren, aber auch immer mehr Frauen interessierten sich für die boomende Zukunftsbranche. „Gleiches gilt auch für Menschen jenseits der 40, die in einem jungen Berufsfeld neue Aufgaben suchen und finden“, sagt Weber. Wie in allen Managementbereichen sollten auch E-Sportmanager begeisterungsfähig und teamfähig sein sowie Organisationstalent und ein umfangreiches Wissen über die Marktgegebenheiten mitbringen. Mit der reinen Begeisterung für das Gaming ist es definitiv nicht getan. Die Professionalisierung durch solide Ausbildung sieht Weber genauso wie Burmeister als wichtigen Aspekt für die Zukunft des E-Sports. Aktuell erkennen ihn die großen Sportverbände national und international noch nicht als Sportart an. „Obwohl Sportwissenschaftler bei den Sportlern Herzfrequenz- und Stressmessungen durchführten und ihnen Belastungsniveaus von Hochleistungssportlern attestierten“, sagt Weber. Eine repräsentative Studie im Auftrag des Digitalverbands Bitkom habe zudem ermittelt, dass E-Sports für jeden dritten Deutschen Sport sei.

Vielfältige Karrierechancen

Fortbildungsanbieter haben das berufliche Potenzial aber schon längst entdeckt. So auch die Academy of Sports GmbH in Backnang. Sie hat ein zwölfmonatiges Modularstudium im Angebot, das man ebenfalls komplett online absolvieren und jederzeit starten kann. Es schließt mit dem Zertifikat E-Sportmanager Professional ab. Auch diese Weiterbildung ist förderfähig nach den Richtlinien der Bildungsprämie. Wie vielfältig die Karrierechancen sind, zeigt eine Liste von möglichen Spezialisierungen, die die Academy aufzählt. Angefangen vom sogenannten „Gamer Coach“, vergleichbar mit klassischen Sporttrainern, über den spezialisierten Eventmanager E-Sport oder den Experten für Sponsoring bis hin zum Online Marketing Manager E-Sport tun sich zahlreiche mögliche Berufsfelder auf. Sogar der Ernährungsberater für E-Sportler wird sich als Berufsbild künftig etablieren.

Interview

Deutschland ist Europas größter E-Sportmarkt

Stephan Burmeister, beim SSV Jahn Regensburg Ansprechpartner für das Thema E-Sports, spricht im Interview über die Faszination des E-Sports, aber auch über das wirtschaftliche Potenzial und das Berufsbild des E-Sportmanagers.

Hier geht’s zum Interview …

Serie „Transformation der Berufsbilder“

325 anerkannte Ausbildungsberufe gab es 2020 in Deutschland, 1971 waren es noch 606. Doch auch wenn die Zahl der Berufe absolut abnimmt, gibt es auf der anderen Seite Bedarf für neue Berufe. Für einen beschleunigten Wandel gewohnter Berufsbilder sorgt derzeit besonders die Digitalisierung – wenn auch nicht nur. In der Serie „Transformation der Berufsbilder“ stellen wir einige konkrete Beispiele für Transformationen und Neuerungen vor, wie etwa zum Auftakt den Smart Farmer, den Feelgoodmanager oder in dieser Folge den E-Sportmanager. In den kommenden Folgen geht es zum Beispiel um neue kulinarische Perspektiven: Insektenzüchter werden künftig nicht nur für eine alternative Tierfutterquelle sorgen, sondern den Grundstoff für neuartige Lebensmittel ohne den gesellschaftlich immer umstritteneren Fleisch- und Fischbestandteil liefern. Selbst die Art, wie uns künftig Waren im Handel schmackhaft gemacht werden, ändert die Digitalisierung – zusätzlich beschleunigt durch Corona: Sie hat den Digital Category Manager Einzelhandel hervorgebracht. In die Luft gehen wir mit den Drohnenpiloten: Die Perspektive auf die Welt ist in ihrem Job im wahrsten Sinne des Wortes „abgehoben“.