Interview
30. Dezember 2020 6:05  Uhr

Von der Arbeit mit großen Zahlen

Franz-Xaver Lindl war 44 Jahre lang für die Sparkassenorganisation tätig, davon die letzten 21 Jahre als Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Regensburg. Kurz vor seinem Ruhestand zieht der gebürtige Berchinger im Interview Bilanz.

Abschied in den (Un-)Ruhestand: Franz-Xaver Lindl plant, seine Expertise zukünftig Gründern unentgeltlich zur Verfügung stellen und in die Imkerei einzusteigen.| Foto: Attila Henning

Von Gerd Otto und Thorsten Retta

REGENSBURG. Der Blick vom gläsernen Konferenzraum im vierten Stock der Sparkasse in der Regensburger Lilienthalstraße lässt den scheidenden Vorstandsvorsitzenden Franz-Xaver Lindl nicht nur von der landschaftlichen Schönheit schwärmen, die Regensburg umgibt. Lindl blickt vor allem auch deshalb zufrieden auf die rund um die Sparkasse sichtbare Immobilienentwicklung, weil das Institut daran großen Anteil hat. „Man sieht bei den Gebäuden, die wir hier errichtet haben, immer wieder die Sparkasse, auch wenn es nicht überall draufsteht.“ 44 Jahre war Lindl für die Sparkasse tätig, nun geht er in den Ruhestand. Ganz loslassen werden den gebürtigen Berchinger die Zahlen, Bilanzen und Geschäftsmodelle jedoch nicht. Er möchte seine Expertise unentgeltlich Start-ups und Gründern zur Verfügung stellen und so weiterhin helfen, in der Region etwas aufzubauen. Und er wird im kommenden Jahr „großer Arbeitgeber“ werden. „Ich werde in die Imkerei einsteigen“, verrät er. 60.000 und mehr Individuen kann ein Bienenvolk umfassen. So recht scheint der Sparkassen-Chef von den großen Zahlen auch im Ruhestand nicht loszukommen.

Herr Lindl, Sie waren 44 Jahre bei der Sparkasse, 21 Jahre als Vorstandsvorsitzender des größten Instituts in Ostbayern. In diese 21 Jahre fielen zwei große Krisen, eine davon war die Finanzkrise 2008. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Franz-Xaver Lindl: Vor allem, dass wir uns nicht vorstellen konnten, dass die Lehman-Bank pleitegehen könnte. Bis kurz vor dem Crash hatten alle Ratingagenturen Lehman mit Triple A, also der höchsten Bonität ausgestattet. Für uns als Sparkasse war es wichtig, dass wir nicht alles in unserem Bestand auf dieses eine Pferd gesetzt hatten, und aus Kundensicht ging es nach der Krise mit dem vielzitierten „schlanken V“ ja relativ schnell wieder nach oben.

Heute sind wir mitten in einer Krise, die Wirtschaft und Gesellschaft umfassender trifft – auch die Banken, wenngleich indirekter, etwa durch Veränderungen am Immobilienmarkt. Wird Homeoffice den Immobilienmarkt verändern?

Absolut, aber natürlich auf unterschiedliche Weise. Der Standort Regensburg, wo es bisher zu keinen nachhaltigen Änderungen gekommen ist, wird auch künftig interessant bleiben, nicht zuletzt aufgrund der Start-ups und den Aktivitäten unserer städtischen Geschwister rund um Techbase, R-Kom, Biopark und den Hochschulen. Dennoch werden auch wir als Sparkasse – derzeit sind 150 von 700 Mitarbeitern im Homeoffice tätig – bereits im kommenden Jahr unsere Büroflächenpolitik verändern und schon 2021 „drittverwenden“, wie es so schön heißt. Natürlich kommt es darauf an, dass wir für den frei werdenden Büroraum Dritte finden, die zu uns passen.

Homeoffice erscheint vielen als ein Schlüssel zur Bewältigung der Coronakrise und gilt auch als wesentlicher Teil der neuen Normalität. Wieweit entspricht dies Ihren Erfahrungen?

Auch wenn es in der Tat viele Arbeitnehmer gibt, die jetzt bereits seit Monaten im Fünf-Tage-Homeoffice tätig sind, so glaube ich inzwischen eine Gegenströmung erkennen zu können. Da manche jungen Leute dadurch kaum noch aus ihrer Wohnung rauskommen, wächst offenbar der Bedarf, das Verlangen, ja die Sehnsucht zu echtem sozialen Kontakt statt des kurzen, prägnanten Austauschs von Daten und Fakten. Ich sehe zwar die Vorteile von Homeoffice, doch eher in einer Dauer von zwei bis drei Tagen in der Woche.

Auch wenn es in der Tat viele Arbeitnehmer gibt, die jetzt bereits seit Monaten im Fünf-Tage-Homeoffice tätig sind, so glaube ich inzwischen eine Gegenströmung erkennen zu können.

Auch die Finanzbranche hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Wie haben Sie dies erlebt?

Sparkassen stehen vor enormen Herausforderungen. Wir Sparkassen sind tatsächlich branchengebeutelt, was nach außen vor allem in der Filialstruktur zum Ausdruck kommt. Auch wenn mir eine grundsätzliche Bewertung aus heutiger Sicht nicht zusteht, war es doch so, dass speziell in den 70er-Jahren ein enormer Ausbau des Filialnetzes stattfand. An jedem Ort sollte damals qua Wachstumsstrategie eine Filiale sein. Jetzt kann es nicht darum gehen, heute dort zu bleiben, wo wir gestern waren. Wir müssen ökonomische Zwänge ebenso beachten wie Aufsichtsrecht. Dass Sparkassen von der Öffentlichkeit anders beurteilt werden als die Konkurrenz liegt in der Natur der rechtlichen Struktur. Dieser Aspekt dürfte nicht zuletzt 2022 in den Mittelpunkt rücken, wenn die Sparkasse Regensburg 200 Jahre alt wird.

Wen haben Sie als Sparkasse vor allem im Blick?

Letztlich geht es darum, mit unserem Geschäftsmodell die Interessen der Kunden, der Gesellschaft und der Eigentümer gleichermaßen zu beachten. Selbst wenn unsere Branche etwa mit der Einführung des Girokontos in den 1960er im Jahren wichtige Voraussetzungen für erfolgreiche Wirtschaftstätigkeit schaffen konnte und auch im Bereich Bausparen sehr erfolgreich war, eines ist uns leider nicht gelungen, nämlich den Menschen die Idee der Sachanlagen-Beteiligung näherzubringen.

Warum?

So wichtig der Verbraucherschutz auch ist, auf dem Gebiet von Aktien und anderen Beteiligungsformen erwies er sich als verhängnisvolle Bremse. Bei Aktien und Sachanlagen sehe ich eine gewisse Unmündigkeit. Wer sich nicht selbst aktiv weiterbildet, versteht ihre Sinnhaftigkeit nicht. Das ist im Übrigen auch ein Versäumnis des Bildungsbereichs. Es ist nicht nachvollziehbar, warum ausgerechnet wir Deutsche die geringste Aktien- und Eigenheimquote aller vergleichbaren Staaten haben. Dass Länder wie Griechenland eine weit höhere Eigentumsquote aufweisen als Europas führende Industrienation Deutschland, ist fatal.

Dass Länder wie Griechenland eine weit höhere Eigentumsquote aufweisen als Europas führende Industrienation Deutschland, ist fatal.

Sie durften einen berühmten Aktienfürsprecher persönlich kennen lernen.

In der Tat: 1988, ich war damals im Personalwesen und Marketing der Sparkasse Neumarkt tätig, habe ich den gebürtigen Ungarn André Kostolany einen Tag begleiten dürfen. Dabei besuchten wir nicht nur das Ungarische Gymnasium in Kastl. Vielmehr wurde er auch bei diesem Ausflug in die Oberpfalz nicht müde, mir klar zu machen, dass schon mit 20 D-Mark im Monat Vermögen aufgebaut werden kann, indem man Wertpapiere kauft und sie nie wieder anschaut. Heute würde auch ich dieses Konzept mit Nachdruck unterstützen. 100 Euro monatlich reichen aus, um sich in den unterschiedlichsten Anlageklassen durchaus breit aufzustellen. Weil wir in Deutschland aber keine Aktienkultur haben, empfinden wir jede negative Kursschwankung als Selbstbestätigung nach dem Motto: Gut, dass ich nicht dabei war.

Welche Rolle hat die Sparkasse bei Umbrüchen?

Unser genetischer Code als Sparkasse ist es zweifellos, die jeweilige Region in ökologischer und ökonomischer Sicht nachhaltig zu unterstützen. Insbesondere bei strukturellen Veränderungen gilt es, die Menschen mitzunehmen. Wie ich selbst bei meinen Tätigkeiten im Raum Neumarkt in den 70er-Jahren oder vor allem auch nach der Wende im sächsischen Freiberg sowie in der mittleren Oberpfalz der 90er immer wieder erlebt habe, wird der Umbruch zuerst als gefährlich empfunden, dann aber folgen die politische oder unternehmerische Idee und anschließend deren Umsetzung. In all diesen Phasen kommt es auf die Sparkasse an, als Förderer der Unternehmen wie der Mitarbeiter.

Und womit beschäftigen Sie sich nach einem derart langen „Sparkassen-Leben“ im Ruhestand?

Allein mit dem Bewahren des Status quo werden wir für die Zukunft den Wohlstand nicht sichern können. Deshalb möchte ich mich dafür einsetzen, dass das Gründergeschehen in der Region unterstützt wird. Ich möchte Gründer mit meiner Expertise unterstützen und ihnen mit Rat, Tat und einem großen Netzwerk zur Seite stehen. Wir haben hier riesiges Potenzial, das wir nutzen müssen. Und ich werde im kommenden Jahr großer „Arbeitgeber“: Ich plane nämlich, in die Imkerei einzusteigen.

Franz-Xaver Lindl

Der 1959 in Berching geborene Franz-Xaver Lindl nimmt Ende 2020 nach 23 Jahren im Vorstand und 21 Jahren als Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Regensburg seinen Abschied. In der Sparkassenorganisation war Lindl 44 Jahre tätig, und zwar beginnend 1976 mit der klassischen Bankausbildung bei der Sparkasse Neumarkt-Parsberg auch an den Standorten Eichstätt und Schwandorf. Zwischen 1991 und 1996 brachte er seine Erfahrungen in das Amt des Vorstandsmitglieds der Sparkasse Freiberg/Brand-Erbisdorf ein. Neben zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten, etwa in der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer Regensburg für Oberpfalz/Kelheim oder auch in der Regensburger Universitätsstiftung, stuft Franz-Xaver Lindl seine Funktion als Aufsichtsrat der Real I.S. Gruppe als Teil des Netzwerks der Sparkassen-Finanzgruppe besonders hoch ein.