Interview
21. Mai 2022 6:03  Uhr

„Was einer nicht schafft, das schaffen viele“

Gregor Scheller, der Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern, hält auch heute noch das Bündeln der Kräfte für einen probaten Weg, um Herausforderungen zu meistern.

Gregor Scheller | Foto: Tino Lex

Von Gerd Otto

Dass von einer modernen Fußballarena eine große Faszination ausgeht, erscheint dem Präsidenten des vor über 125 Jahren gegründeten Genossenschaftsverbands Bayern (GVB) Gregor Scheller durchaus nachdenkenswert. Jedenfalls fühlte sich Scheller während des Interviews vom Fluidum selbst des leeren Jahnstadions in Regenburg derart animiert, dass er über den Tellerrand der Aktualität hinaus auch ordnungspolitische Aspekte nicht außer Acht ließ.

Herr Scheller, auch wenn die Genossenschaftsbanken im Freistaat das Geschäftsjahr 2021 mit einem durchaus robusten Ergebnis abgeschlossen haben, fiel Ihr Ausblick auf 2022 kürzlich sehr zurückhaltend aus. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen?

Gregor Scheller: Aktuell sehe ich die großen Herausforderungen in der Transformation der Banken in die digitale Welt und in der Niedrigzinsphase auf der einen Seite, trotz stark steigender Inflation auf der anderen Seite. Mit unserer traditionell engen Kundenbindung und der Digitalisierungsoffensive bin ich optimistisch, dass wir die digitale Transformation erfolgreich bewältigen. Sorge bereitet mir weiterhin die Niedrigzinsphase, trotz steigender Inflation. Sie belastet nach wie vor die Ertragskraft der Volks- und Raiffeisenbanken. Zudem belastet die Inflation die Sparer durch einen Vermögensverzehr, und auch die Wachstumsaussichten in der Wirtschaft könnten dadurch gedämpft werden. Neben diesen schon seit mehreren Jahren bekannten Herausforderungen kommt nun mit dem tragischen Krieg in der Ukraine eine weitere Herausforderung auf Deutschland zu. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf die Energieversorgung, die Lieferketten und somit auf die gesamte Wirtschaft. Die jetzt auf niedrigem Niveau angestiegenen Zinsen belasten im Geschäftsjahr 2022 mit den rückläufigen Kursen am Wertpapiermarkt die Ertragslage. Darüber hinaus ist ein geringeres Wachstum unserer Wirtschaft zu befürchten.

Im Einzelnen: Wie müssen Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch die einzelnen Finanzinstitute auf die vor Kurzem noch unvorstellbar hohe Inflationsrate reagieren?

Die Inflationsrate ist kurzfristig sehr stark angestiegen und bereitet der Wirtschaft insgesamt Sorge. Mittelfristig dürfte sich der Anstieg der Energiepreise nicht weiter fortsetzen, sie dürften auf höherem Niveau verharren. Darüber hinaus denke ich, dass es Lösungen geben wird, die Lieferkettenengpässe zu verringern, sodass wir durchaus zuversichtlich auf die mittelfristige Entwicklung unserer Wirtschaft schauen sollten. Verstärkt und notwendig erscheint mir ein stärkeres Augenmerk der EZB auf die Finanzstabilität in Form von erstens einer stärkeren Entkoppelung der Staatsfinanzierung von der Geldpolitik und zweitens einer Ausnutzung der Zinserhöhungsmöglichkeiten. Es wäre dringend geboten, Schritte einzuleiten und den Weg aus der ultralockeren Geldpolitik zu finden.

Aktuell sehen wir einen Trend, dass immer mehr Menschen aus Ballungsräumen in die Peripherie ausweichen, um den Preisentwicklungen entgegenzuwirken.

Die extrem angestiegenen Rohstoffpreise haben einerseits für eben diese Inflation gesorgt, auf der anderen Seite könnte diese Preisentwicklung nicht zuletzt auch das Immobiliengeschäft beeinträchtigen. Befürchten Sie hier einen Einbruch?

Die Weiterentwicklung des Immobiliengeschäfts wird auch künftig einerseits von der unverändert hohen Nachfrage und einem Mangel an Wohnungen getragen sein und kann andererseits durch steigende Zinsen und steigende Preise abgeflacht werden. Aktuell sehen wir einen Trend, dass immer mehr Menschen aus Ballungsräumen in die Peripherie ausweichen, um den Preisentwicklungen entgegenzuwirken. Eine Immobilie ist nach wie vor die beste Absicherung fürs Alter. Was mich allerdings besorgt ist, dass der Traum vom Eigenheim für immer mehr Menschen aufgrund der Preisentwicklung unerreichbar scheint.

Und dann natürlich der Krieg in der Ukraine. Wie bewerten Sie die Auswirkungen dieser und anderer Krisen auf die mittelfristige Entwicklung der Volksbanken und Raiffeisenbanken?

Dieser Krieg ist eine menschliche Tragödie, die uns alle erschüttert. Die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken zeigen ihre Solidarität mit den Menschen in der Ukraine. So haben sie zugesagt, mehr als 1,5 Millionen Euro zur Unterstützung von Geflüchteten in den einzelnen bayerischen Regionen zur Verfügung zu stellen. Wo nötig, haben die Banken schnell und unkompliziert geholfen. Die Sanktionen wurden in den bayerischen Genossenschaftsbanken entsprechend umgesetzt. Für die Volks- und Raiffeisenbanken haben die Sanktionen gegen Russland und die Entwicklung in der Ukraine so gut wie keine Auswirkungen auf das Geldgeschäft oder in der Eigenanlage. Es lässt sich aber nicht ausschließen, dass es Sekundäreffekte auf die Wirtschaft und damit auch auf die Firmenkunden der Volks- und Raiffeisenbanken geben kann, beispielsweise durch weiter steigende Energiepreise oder Versorgungsengpässe.

Kräfte zu bündeln ist natürlich immer ein probater Weg, um Herausforderungen zu meistern und leistungsfähiger zu werden.

Vor diesem Hintergrund die Kräfte zu bündeln könnte eine mögliche Strategie sein. Sehen Sie in nächster Zeit eine größere Fusionswelle auf die Genossenschaftsbanken zukommen?

Kräfte zu bündeln ist ja der Urgedanke der genossenschaftlichen Philosophie, denn Friedrich Wilhelm Raiffeisen hat ja schon gesagt: „Was einer nicht schafft, das schaffen viele.“ Eine Bündelung der Kräfte in Form von Fusionen würde ich daher losgelöst von den aktuellen Ereignissen sehen. Kräfte zu bündeln ist natürlich immer ein probater Weg, um Herausforderungen zu meistern und leistungsfähiger zu werden. Entscheidend für eine Bank ist immer, sich die Frage nach der Zukunfts- und Leistungsfähigkeit für ihr Marktgebiet zu stellen. Dabei gilt es, auch die Veränderungen in den Kundenansprüchen, in den Wirtschaftsräumen und in der wirtschaftlichen Entwicklung zu berücksichtigen. Wichtig ist es für uns dabei, auch bei zunehmender Größe die Kundennähe zu behalten. Derzeit bewegen sich die Fusionen, auch gemessen an den vergangenen Jahren, in einem üblichen Rahmen und wir sehen hier keine besondere Entwicklung.

Sind Ihre Banken in der Rechtsform der Genossenschaft gut aufgestellt, um mit den derzeitigen und künftig zu erwartenden Herausforderungen fertig zu werden?

Die Rechtsform der Genossenschaft ist geradezu ideal, um die heute anstehenden Herausforderungen erfolgreich zu meistern. In Genossenschaften, also auch bei den Volks- und Raiffeisenbanken, kann es keine Machtkonzentration geben und auch keine Investoren, die eine Mehrheit übernehmen wollen, um ihre Interessen durchzusetzen. Im Sinne ihrer Mitgliederförderung heißt es, dass Genossenschaften erfolgreich wirtschaften müssen, aber nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sind. Das gibt ihnen Spielräume zur Anpassung. Solidarität, Solidität und die Hilfe zur Selbsthilfe sind urgenossenschaftliche Prinzipien.

Solidarität, Solidität und die Hilfe zur Selbsthilfe sind urgenossenschaftliche Prinzipien.

Und über den Finanzsektor hinaus? Wie sieht der Instrumentenkasten bei Raiffeisen & Co. für die nächste Zeit aus?

Ein Beispiel dafür, wie sich Genossenschaften einbringen, Verantwortung übernehmen und die Bürgerbeteiligung stärken ist der Energiesektor. Mehr als die Hälfte der im vergangenen Jahr in Bayern gegründeten Genossenschaften waren Energiegenossenschaften, vor allem im Bereich Nahwärme. Genossenschaften können einen Beitrag dazu leisten, die Energiewende voranzutreiben, weil der Einzelne davon profitiert und nicht nur irgendein Investor.

„Morgen kann kommen“, so lautet eine Klimainitiative Ihres Verbandes, mit der für eine nachhaltige Wiederaufforstung geworben wird. Wie optimistisch sind Sie tatsächlich?

Es geht nicht darum, im Alleingang globale Probleme zu lösen. Es geht vielmehr darum, vor Ort einen Beitrag zu leisten, beispielsweise zum Aufforsten und zum Umbau unserer Wälder. Das kann dann anderen als Vorbild dienen. Und auch hier geht es um urgenossenschaftliche Werte wie Nachhaltigkeit. Genossenschaften haben schon immer nachhaltig gewirkt und gewirtschaftet. Wir leisten unseren Beitrag und übernehmen Verantwortung vor Ort.

Gregor Scheller

In seiner mehr als 40-jährigen Dienstzeit hat Gregor Scheller die heutige VR-Bank Bamberg-Forchheim eG zu einer der erfolgreichsten Volksbanken Raiffeisenbanken in Bayern geformt und als Vorstandsvorsitzender maßgeblich geprägt. Daneben bringt er langjährige Erfahrung als Mandatsträger in hochrangigen Gremien der genossenschaftlichen Finanzgruppe mit. Als stellvertretender Verbandsratsvorsitzender war er Teil des dreiköpfigen Präsidiums des GVB-Verbandsrats, ehe er am 1. Februar 2022 zum Verbandspräsidenten aufrückte.