Währungsstabilität
21. August 2021 6:03  Uhr

Was folgt auf die Schockinflation?

Im Juli verteuerten sich Waren und Dienstleistungen im Vergleich zum Vorjahresmonat um 3,8 Prozent. Experten diskutieren, ob der höchste Wert seit 13 Jahren ein temporäres Phänomen darstellt.

Durch hohe Inflationsraten bei gleichzeitigen Null- und Negativzinsen auf Sparkonten wird derzeit viel Geld verbrannt. Foto: photoschmidt – stock.adobe.com

Von Robert Torunsky

FRANKFURT/REGENSBURG/WACKERSDORF/PARKSTEIN/NEUTRAUBLING. Die Verkündung des sprunghaften Anstiegs der Inflationsrate auf 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat durch das Statistische Bundesamt war ein Paukenschlag. Waren und Dienstleistungen in Deutschland hatten sich somit allein schon gegenüber Juni um 0,9 Prozent verteuert. Nach Einschätzung von Experten liegt die Ursache der Schockinflation am Mehrwertsteuereffekt – ab Juli 2020 griff die temporäre Reduzierung bis Jahresende – sowie generell an den in Verbindung mit der Coronakrise getroffenen Maßnahmen. Ein Ende dieser Entwicklung scheint vorerst nicht in Sicht. Bundesbankpräsident Dr. Jens Weidmann rechnet damit, dass sich die Inflationsraten zum Jahresende in Richtung 5 Prozent bewegen könnten, um danach wieder deutlich zu fallen. Nicht alle befragten ostbayerischen Geldexperten teilen Weidmanns Einschätzung, dass es sich um ein temporäres Phänomen handelt.

Mögliche Zweitrundeneffekte

„Ich bin da etwas vorsichtiger, denn die aktuellen Tendenzen können sich durchaus verfestigen“, sagt Prof. Dr. Franz Seitz, Professor für Volkswirtschaftslehre an der OTH Amberg-Weiden. Der Berater der Europäischen Zentralbank (EZB) und Deutschen Bundesbank begründet dies mit Zweitrundeneffekten, also Preissteigerungen als Reaktion auf vorangegangene Kostensteigerungen. „Es gibt Gewerkschaften, die bereits jetzt sagen, dass wenn die Preise in Deutschland im Laufe des Jahres bis zu 5 Prozent steigen, dann würden sie auch höhere Lohnforderungen stellen“, erläutert Seitz. „Wenn es zu Zweitrundeneffekten über den Arbeitsmarkt kommt, kann die Phase mit höheren Inflationsraten durchaus für eine längere Zeit andauern“, lautet die Einschätzung von Robert Beer. Der Geschäftsführer der Robert Beer Investment GmbH aus Parkstein führt die durch die Notenbanken beeinflussten extrem niedrigen Zinsen als Argument an. Ähnlich wie Beer sieht auch Tobias Koch, geschäftsführender Gesellschafter der SCA Portfoliomanagement GmbH aus Neutraubling Gründe, die für und wider die temporäre Entwicklung sprechen würden. Koch prognostiziert, dass die Inflationsrate wahrscheinlich auf einem höheren Niveau im Vergleich zu den Vorjahren verbleiben werde, da die EZB ihre Strategie geändert habe und mittlerweile Inflationsraten über 2,0 Prozent akzeptiere.

Abschwächung in 2022?

Doris Biersack-Press geht davon aus, „dass wir zukünftig wieder mit Inflationsraten zwischen 1 bis 2 Prozent rechnen müssen“. Die Geschäftsführerin der Regensburger Mando-Finanz GmbH sieht die Inflationsraten in der aktuellen Größenordnung aber „auch eher als temporäres Phänomen“. Auch für Florian Lingl, Kundenberater der R & M Vermögensverwaltung GmbH in Wackersdorf, sind in den kommenden Jahren Inflationsraten über dem 2,0-Prozentziel der EZB denkbar. Lingl erwartet jedoch eine Abschwächung der Inflationsrate ab dem nächsten Jahr aufgrund des Wegfalls des sogenannten Basiseffekts und der extrem gestiegenen Rohölpreise in diesem Jahr.

Die Preisentwicklung verfolgt auch OTH-Dozent Franz Seitz mit großem Interesse. „Alle Unternehmen, mit denen ich spreche, sagen eindeutig, dass die Engpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten am Jahresende nicht Geschichte sind. Sie gehen von einem längerfristigen Szenario aus.“ Die Unternehmen würden die Mehrkosten sicher nicht allein schlucken, sondern versuchen, sie an ihre Kunden weiterzugeben. „Das treibt die Preise nach oben und gleichzeitig stellt sich auch noch ein positiver Nachfrageeffekt ein“, beschreibt Prof. Dr. Franz Seitz das erwartete Szenario.

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