Porträt
24. Mai 2020 6:00  Uhr

Bekenntnis zu Leistung und sozialer Verantwortung

Dr. Nicolas Maier-Scheubeck, Geschäftsführer der Maschinenfabrik Reinhausen, hält viel von klaren Worten und von dezidierter Meinung. Von der Politik fühlt er sich oft im Stich gelassen.

Dr. Nicolas Maier-Scheubeck ist seit 24 Jahren Geschäftsführer der Maschinenfabrik Reinhausen. Foto: Helmut Koch

Von Stephanie Burger


REGENSBURG. Mit der Baskenmütze auf dem Kopf, einem Baguette unter dem Arm und der Weinflasche auf dem Gepäckträger der südfranzösischen Sonne entgegenradelnd – so beschreibt Dr. Nicolas Maier-Scheubeck den Gegenentwurf von sich selbst. Doch es ist auch ein wenig sein Alter Ego, das in dieser Beschreibung steckt, wie er freimütig zugibt. Eine latente Sehnsucht nach dem ganz Anderen, dem Überwinden des Höher-Weiter-Schneller der modernen Arbeitswelt ist ihm nicht fremd. Doch Maier-Scheubeck, der an diesem Freitagmorgen tatsächlich schon geradelt ist, allerdings im windigen und kühlen Regensburg, wäre womöglich gar nicht er selbst, könnte er nicht gestalten, entscheiden und Visionen entwickeln. Das macht er seit inzwischen 24 Jahren äußerst erfolgreich – als einer von drei Geschäftsführern der Maschinenfabrik Reinhausen, Weltmarktführer unter anderem für Stufenschalter, die in Großtransformatoren verbaut werden.

Es war eine nicht ganz einfache Entscheidung, die den heute 58-Jährigen an die Spitze der MR geführt hat. Sein Vorgänger in der damals noch aus zwei Personen bestehenden Geschäftsführung war an Krebs erkrankt. Man suchte einen Nachfolger, jünger und mit kaufmännischem Hintergrund. „So geriet ich in den Fokus. Das war eine einzigartige Chance, aber ich musste erst einmal meine Schwiegersohn-Hürde überwinden“, gibt Maier-Scheubeck zu. Letztendlich sei die Entscheidung, den Schritt zu wagen, aber doch ganz einfach gewesen. „Hätte ich nein gesagt, wäre dieser Zug wohl ein für alle Mal abgefahren gewesen.“ So zog der damals 35-Jährige zurück in die Heimatstadt und stieg in die Geschäftsführung der MR ein, aus deren Gründerfamilie seine Frau Susanne entstammt.

Faktor acht

Heute sei die MR achtmal so groß wie bei seinem Einstieg 1996, sagt Maier-Scheubeck. „Das ist ein schöner Erfolg, aber viele Dinge passieren mit und nicht wegen einem“, bilanziert er nüchtern. Auch der eine oder andere Rückschlag sei zu verkraften gewesen, wie die gescheiterte Expansion in Haslbach. „Wir wollten aus drei Standorten einen machen, anstatt überall kleinteilig umzubauen. Dass das nicht geklappt hat, tut immer noch weh. Denn dadurch entwickeln sich auch verschiedene Kulturen an einzelnen Standorten. Der Gewerbepark kann manchmal von Reinhausen genauso weit entfernt sein wie China“, seufzt Maier-Scheubeck. Den in bestimmten Zeiten ohnehin hohen Kommunikationsaufwand empfindet er mitunter als besonders anstrengend. Überhaupt verbringe er ein Drittel seines Tages nur mit Kommunikation. Auch das erklärt die Sehnsucht nach dem Schweigen der Natur. Aber im Hier und Jetzt gibt es für Maier-Scheubeck einfach noch viel zu sagen und vor allem zu tun. Nicht verschweigen möchte er beispielsweise die herausragenden positiven Entwicklungen in der MR-Geschichte der vergangenen Dekaden – viele gelungene Firmenübernahmen, eine Umsatzverdoppelung von 2005 bis 2008 – und der frühe Einstieg in den asiatischen Markt.

Herausforderungen überlagern sich

Als Unternehmer habe man es derzeit – abgesehen von der Coronakrise – mit einer ungewohnten Überlagerung von drei Faktoren zu tun, von denen jeder für sich schon eine Herausforderung darstelle. Da ist erstens der auslaufende Konjunkturzyklus. „Zwölf Jahre Boom ist eigentlich nicht normal.“ Zweitens gilt es, strukturelle Veränderungen, ausgelöst durch Brexit, Handelskonflikte, Klimawandel und Energiewende zu berücksichtigen. Bedauerlicherweise werde die jahrzehntelang verfolgte internationale Angleichung technischer Standards zugunsten einer an den deutschen Zollverein erinnernden Vielfalt nationaler Standards zurückgedreht, klagt Maier-Scheubeck. „Mit Technik wird heute leider Politik betrieben.“

Den dritten Faktor sieht er im technologischen Wandel, den er anhand der zyklischen Konjunkturtheorie erklärt. Deren erster Vertreter, der sowjetische Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Kondratjew, hat die Theorie der langen Wellen entwickelt, die den österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter später zur Theorie der schöpferischen Zerstörung geführt hat. Die sogenannten „Kondratjew-Zyklen“ beschreiben grundlegende technologische Veränderungen, Paradigmenwechsel, wie die Ablösung des Pferdes durch den Verbrennungsmotor. Derzeit sei die Weltwirtschaft vom Übergang zum sechsten Kondratjew-Zyklus geprägt – mit seinen neuen Paradigmen erneuerbare Energien und künstliche Intelligenz, erklärt Maier-Scheubeck. Herausfordernd sei dabei die ungewohnte Gleichzeitigkeit von konjunkturellen, strukturellen und technologischen Herausforderungen.

„Zu viele faule Kompromisse“

„Das erzeugt ein Hamsterrad-Gefühl. Und es drängt sich die Frage auf, treibe ich das Rad voran oder halte ich mich nur noch darin fest?“, so Maier-Scheubeck. Je mehr äußere Einflüsse aufträten, desto mehr gerate man als Manager von der Aktion in die Reaktion. Von der Politik sieht er sich als Unternehmer oft alleingelassen. Er spricht sogar von einer Entfremdung zwischen Wirtschaft und Politik. „Es gibt zu viele faule Kompromisse, die nach mittlerer Empfindungslage des Volkes geschlossen werden.“ Um die CO2-Ziele zu erreichen werde beispielsweise nicht auf den Wettbewerb um die beste Idee, sondern einseitig auf die E-Mobilität gesetzt. „Jeder weiß, dass Wasserstoff-Antriebe perspektivisch den E-Antrieben überlegen sein werden. Und was machen wir? Wir krempeln die Infrastruktur für die E-Mobilität um“, kritisiert der Manager. In seinen Augen ist es die falsche Politik, mit Gesetzen unmittelbar auf die Wirtschaft einzuwirken.

„Mein Credo lautet: Die direkte Verbindung zwischen zwei Punkten ist der Umweg. Das soll heißen, anstatt mit Gewalt eine Lösung durchzudrücken, sollte man vielmehr die Selbsterkenntnis stimulieren, um die besten Lösungen über dezentrale Erkenntnisgewinne zu befördern.“ In einer Schieflage ist nach Ansicht von Maier-Scheubeck auch das Verhältnis von Ökonomie und sozialer Verantwortung. „Durch die vielen Umverteilungen, Tarifverträge, die kaum Spielräume lassen, und überbordenden Regularien untergraben wir systematisch das Leistungsprinzip.“ Der Mensch sei ein Individuum, jeder müsse die Möglichkeit haben, sich entsprechend den Umständen zu entfalten. „Menschen uniform ausrichten zu wollen ist Sozialromantik“, meint Maier-Scheubeck. Er spricht sich klar gegen Systeme aus, die individuelle und auch unternehmerische Freiheit beschneiden und kritisiert die permanent steigende Staatsquote.

Verpflichtung als Familienunternehmer

Mit der gleichen Leidenschaft, mit der er diese Kritik vorträgt, betont er auch die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmers. „Als Familienunternehmer ist es meine Aufgabe, die Generationenfolge bewahren zu helfen. Das heißt zum Beispiel, alles für den Erhalt der Arbeitsplätze zu tun.“ Auch das Gefühl der Angst sei ihm nicht fremd, gibt er zu. „Angst ist ja der notwendige Gegenpol zum Mut.“ Angst mache es ihm zum Beispiel, nicht schnell genug für den technischen Wandel zu sein, dass sich am Markt nicht die beste Lösung durchsetzen könnte – und die „ausufernde Regelungswut“ der Politik.

Wenn sich aber Maier-Scheubeck zu sehr an den Widrigkeiten des Alltags aufreibt, bedarf die VUCA-Welt – das Akronym steht für die englischen Begriffe volatility (Volatilität), uncertainty (Unsicherheit), complexity (Komplexität) und ambiguity (Mehrdeutigkeit) – einer Vereinfachung. Dazu taucht der Manager kurz in die Welt der Comics ein. Unter anderem zieren Pluto sowie Tim und Struppi die Wände seines aufgeräumten Büros. „Humor hilft natürlich, die Niederungen des Alltags auszuhalten. Aber was mir bei diesen Comics immer wieder gefällt ist die Vereinfachung, die Klarheit der Perspektive.“ Klar in der Aussage – das trifft jedenfalls zu 100 Prozent auf den Unternehmer selbst zu. Und weil er sich zu vielem Gedanken macht und zu den Themen, die er durchdrungen hat, auch etwas sagen möchte, muss das Radeln in den südfranzösischen Sonnenuntergang noch ein wenig warten. Unternehmertum verpflichtet. Derweilen ist der Wochenendtrip an den Tegernsee auch schön.