Energiewende
1. November 2021 5:59  Uhr

Wasserstoff für die Region Nordbayern

In Wunsiedel entsteht eine Anlage, die dezentral und mit unterschiedlicher Branchenausrichtung die Region von Oberfranken über die Oberpfalz bis Westböhmen mit grünem Wasserstoff versorgen wird.

Zu den Gesellschaftern der WUN H2 GmbH gehören neben Siemens Project Ventures der örtliche Energieversorger SWW Wunsiedel GmbH sowie die Firma Rießner Gase aus Lichtenfels, die Kunden vom Bodensee bis zur polnischen Grenze und von Frankfurt bis Prag beliefert. Die Anlage soll zuerst einen Wasserstoffbedarf von über 900 Tonnen pro Jahr decken, im Vollausbau sind später mehr als 2000 Tonnen möglich. Illustration: Siemens AG

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Warum die Verbraucher in Deutschland am 8. Januar, als das europäische Stromversorgungssystem haarscharf an einem Blackout vorbeischrammte, kaum etwas davon merkten – auf diese Frage hat Andreas Schmuderer eine eindeutige Antwort: „Ein wesentlicher Grund für die Resilienz speziell des deutschen Netzes ist sein zunehmend dezentraler Aufbau.“ Gerade heterogene Energiequellen und Speichertechnologien, so der Projektleiter von Siemens Smart Infrastructure am Rande eines Unternehmerabends bei Mercedes-Benz, seien schließlich in der Lage, Spannungs- und Frequenzschwankungen kleinteilig auszugleichen und damit zur Netzstabilität beizutragen.

Um das Ziel der Klimaneutralität spätestens bis 2050 zu erreichen, kommt dem aus erneuerbaren Energien, also aus den regenerativen Quellen Photovoltaik und Windkraft hergestellten grünen Wasserstoff eine große Bedeutung zu. Ein aktuelles Projekt, das Siemens gemeinsam mit regionalen Technologiepartnern im nordbayerischen Wunsiedel umsetzt, zeigt, wie die intelligente Erzeugung und Nutzung des neuen Energieträgers in der Praxis aussehen könnte.

Universell einsetzbarer Energieträger

Grüner Wasserstoff bietet breit gefächerte Anwendungsmöglichkeiten. So erscheint das Gas in vielen Prozessen der Industrie unentbehrlich, gleichgültig ob in Raffinerien, der Metallurgie, der Stahlproduktion und Chemieindustrie oder auch bei der Herstellung von Chips. Im Verkehrssektor, woran sich an diesem Abend die Gäste der erst kürzlich neu gebildeten HSW Lkw-Vetrieb Südostbayern besonders interessiert zeigten, kann Wasserstoff darüber hinaus als emissionsfreier Treibstoff dienen, und das nicht nur bei Autos mit Brennstoffzelle. Inzwischen sind auch Busse und sogar Züge im Nahverkehr mit Wasserstoff unterwegs. Auch für den Schwerlast-, Schiffs- und Flugverkehr ist der Einsatz von klimaneutral produziertem Wasserstoff oder auf Basis von Wasserstoff erzeugten synthetischen Treibstoffen eine denkbare Alternative, ist Andreas Schmuderer überzeugt.

HSW-Geschäftsführer Wolf Strigl wiederum erinnerte daran, dass der erste bereits weiterentwickelte Prototyp des GenH2-Trucks von Mercedes-Benz schon seit dem Frühjahr auf Teststrecken unterwegs sei. Daimler Trucks bevorzugt im Übrigen flüssigen Wasserstoff, da der Energieträger in diesem Aggregatszustand im Gegensatz zu gasförmigem Wasserstoff und in Bezug auf das Volumen eine deutlich höhere Energiedichte aufweist. Ein derart betankter Brennstoffzellen-Lkw kommt deshalb auch mit erheblich leichteren Tanks aus. Als Ziel hat Daimler Reichweiten bis zu 1000 Kilometer und mehr ohne Tankzwischenstopp ausgegeben, die ersten Serienfahrzeuge sollen den Kunden ab 2027 übergeben werden.

Bewusst dezentrales Konzept

Eine wegweisende Anlage zur klimaneutralen Erzeugung von Wasserstoff entsteht derzeit im Wunsiedler Energiepark: eine neue Wasserstoffquelle für die Region Nordbayern. Muss das Gas für Endkunden bisher über relativ lange Transportwege angeliefert werden, so wird der Wasserstoff künftig in Wunsiedel für die lokale Verteilung in Druckgasbehälter abgefüllt und über Lkw-Trailer an Kunden in der Region geliefert werden. Entsprechend dem bewusst gewählten dezentralen Konzept geht es hier im Wesentlichen um die Regionen Oberfranken, die nördliche Oberpfalz, das südliche Thüringen und Sachsen sowie um Westböhmen. Auch eine öffentliche Wasserstoffbetankungseinrichtung für Lkw und Busse soll in Wunsiedel errichtet werden. Dadurch können der Schwerlastverkehr und der ÖPNV auf CO2-freie Antriebstechnik umgestellt werden.