Inklusion
16. September 2021 5:55  Uhr

Weg mit den Missverständnissen

Arbeitende Autisten haben es oft schwer, ebenso wie die Betriebe, die sie beschäftigen. Das Projekt „AUT-1A“ der Berufsbildungswerke Abensberg, Lingen und Timmendorfer Strand soll beiden Seiten helfen.

Dr. Katrin Reich (li.) und Tanja Ederer beteiligten sich an einem Rechercheprojekt, um herauszufinden, wie man Autisten langfristig in Arbeit integrieren kann und welche Anliegen Firmen haben. Foto: Reich

Von Lucia Pirkl

ABENSBERG. Wer vor etwa 20 Jahren als Autist diagnostiziert wurde, dessen berufliche Zukunft war meist schnell besiegelt: Als einzige Möglichkeit blieb eine Werkstätte für behinderte Menschen. Diese Zeiten sind vorbei, längst arbeiten Autisten auch in normalen Arbeitsverhältnissen. Dass der Weg dorthin steinig war und immer noch ist, das wissen Dr. Katrin Reich und Tanja Ederer vom Berufsbildungswerk St. Franziskus Abensberg, kurz B.B.W., nur allzu gut. Hier kennt man beide Seiten – die der Autisten und auch die der Arbeitgeber.

Das Spektrum Autismus ist sehr breit. Den einen Autisten gibt es nicht. „Es gibt hochfunktionale Autisten oder jene mit Asperger-Syndrom, die überdurchschnittlich intelligent sind“, weiß Reich. Immerhin 137 Autisten wurden hier im vergangenen Jahr ausgebildet und nach der Ausbildung noch ein halbes Jahr lang in ihren Betrieben betreut. Danach jedoch sind sie und auch der Betrieb auf sich alleine gestellt. Und hier beginnt die Schwierigkeit.

In den vergangenen Jahren wurde viel geforscht, immer stand der Autist im Fokus. Die Arbeitgeberseite jedoch hat man dabei oft vergessen. Eine Ausnahme bildet hier „AUT-1A“, ein gemeinschaftliches Projekt der Berufsbildungswerke Abensberg, Lingen und Timmendorfer Strand, das den Fokus auf die Betriebe legt und jetzt im September ausläuft.

Mehr Unterstützung gewünscht

Reich und Ederer wissen: Nach der Ausbildung wird die Perspektive für Autisten oft sehr viel schlechter. Das Projekt sollte unter anderem klären, warum das so ist. Langfristig sind nur etwa 35 Prozent der Autisten in den Arbeitsmarkt integriert. „Die Quoten könnten aus unserer Sicht weitaus höher sein“, sagt Reich. Zu Beginn des Projekts wollte man eruieren, welche Unternehmen Autisten beschäftigen: Es sind kleine und große Firmen, quer durch alle Sparten, die autistische Arbeitnehmer anstellen. 60 Prozent der Stellen sind unbefristet und oft handelt es sich um Vollzeitstellen.

Die Befragung machte aber auch deutlich, dass sich die Unternehmen mehr Unterstützung wünschten. Ausnahmen gab es nur dort, wo sich ein Integrationsfachdienst einschaltete. „Aber das ist von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich gestaltet“, räumt Reich ein. Eine längere Unterstützung der Firmen wäre indes dringend notwendig, damit es mit dem autistischen Angestellten dauerhaft klappe. Denn oft gehe es um Kleinigkeiten: darum, dass ein Großraumbüro oder ständiger Durchgangsverkehr Autisten aus dem Konzept bringt, oder dass Autisten auch geruchs- oder lichtempfindlich sein können. Nicht selten sind Autisten aber auch Meister der Anpassung; sie mögen dann irgendwie anders wirken, aber nicht sofort auffallen.

„Autisten brauchen klare Worte“

Generell gilt aber: Betriebe, die jemanden zur Seite haben, der ihnen die Feinheiten im Umgang mit Autisten erklärt, der vermittelt, wenn es schwierig wird, haben es da deutlich leichter. Im Berufsbildungswerk Abensberg lernen die Autisten in ausbildungsbegleitenden Sozialkompetenztrainings, auf sich zu achten und zu artikulieren, was sie brauchen. „Aber Autisten unterscheiden sich. Und ein Jobwechsel bedeutet oft viel Veränderung“, weiß Reich. Viele mögen auch den prima meistern, weil ihnen die neuen Strukturen, die sie vorfinden, liegen. Andere wiederum fallen in einer neuen Firma wieder in alte Verhaltensmuster zurück. „Das ist leider nie vorhersehbar“, sagt Reich. Das kann ganz plötzlich auftreten und auch unerwartet. Ohne eine dritte Person von außerhalb stoßen die Unternehmen oft auf eine Kommunikationsbarriere, beobachtet Reich. „Die wissen dann nicht, was darf ich abfragen, was nicht. Da ist eine wahnsinnige Unsicherheit da. Eine unbeteiligte Stelle würde vieles erleichtern“, ist Reich überzeugt.

In der Tat habe sich gezeigt, dass gerade jene Firmen, die diese Unterstützung hatten, Autisten auch längerfristiger beschäftigten und Herausforderungen besser meisterten. Denn im beruflichen Alltag entstünden viele Missverständnisse: „Selbst Unternehmen, die Autisten beschäftigen, wissen oft gar nichts über Autisten.“ Oft seien es auch Mythen, die in den Unternehmen grassierten. „Wir erklären Sachen oft zwischen den Zeilen, weil wir nett sein wollen. Dabei brauchen Autisten klare Worte.“ Die Frage „Hast du denn heute schon die Post geholt?“ würde ein Autist nicht als Aufforderung verstehen. Würde er stattdessen mit „Nein“ antworten, verbliebe die Post auch weiterhin im Postkasten. Und ein Autist, der ständig danach fragt, wann er denn jetzt Urlaub habe, ist nicht etwa faul. Nein, er ist es vom früheren Arbeitgeber gewohnt, dass dort die Urlaubsplanung schon am Ende des Jahres für das Folgejahr gemacht wurde. Autisten brauchen diese Art von Verlässlichkeit, ein Gerüst, an dem sie sich sicher entlang bewegen können, ein klares Regelwerk. „Daran können sie sich gut orientieren“, betont Reich. Struktur und Sicherheit seien hier besonders wichtig.

Vorteile für Firmen

Was auf den ersten Blick mühsam erscheinen mag, kann den Firmen auch Vorteile bringen. „Uns erzählte mal ein Konditor, dass, wenn er seiner autistischen Angestellten einmal gezeigt hat, wie Plätzchen in den Guss getaucht werden, alle Plätzchen genau gleich aussehen.“ Sein Betrieb laufe seither viel besser. Er sage nun konkreter, was genau er brauche, jeder wisse jetzt exakt, wer wofür zuständig sei. „Er wurde dazu gezwungen, sein Qualitätsmanagement zu verbessern“, sagt Reich, die viele solche Beispiele kennt. Firmenchefs berichteten häufig darüber, dass die Anstellung eines Autisten sie dazu zwang, sich besser zu strukturieren.

Eines merken Reich und ihre Kollegin Ederer im Gespräch mit allen Beteiligten: Es ist angekommen, dass Unternehmen mehr und vor allem länger Unterstützung brauchen, damit Inklusion dauerhaft gelingen kann. „Aber das muss vonseiten der Politik auch finanziert werden.“

Nur Autisten, die als Schwerbehinderte eingestuft werden, haben bislang Zugriff auf weitere Unterstützungsleistungen wie zum Beispiel den Integrationsfachdienst. Ein guter Ansprechpartner in der Oberpfalz und in Niederbayern ist beispielsweise auch das Autismusnetzwerk. „Man muss am Ball bleiben“, ist Ederer überzeugt. Und genau deshalb schließt das Projekt „AUT-1A“ mit einer hybriden Fachtagung „Menschen mit Autismus – Mitarbeiter*innen mit Mehrwert für Ihr Unternehmen!“ am 28. September ab. Mehr Infos dazu gibt es auf www.bbw-abensberg.de/fachtagungen.

Interview

„Traut euch einfach!“

Markus Neumann ist Bäckermeister und Inhaber vom Bärenbeck in Saal an der Donau. Er hat eine autistische Konditorin angestellt. Im Gespräch berichtet er von seinen Erfahrungen.

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