Innovationspreis: Monatssieger März
31. März 2022 5:49  Uhr

Weniger Plastik, mehr Knuspern

Christian Zippel will mit seinen Knusperhalmen die Strohhalmbranche nachhaltiger gestalten. „Es gibt nichts Vergleichbares“, sagt er und erklärt, warum Durchhaltevermögen das Wichtigste beim Gründen ist.

Christian Zippel ist der Gründer des Start-ups „Knusperhalm“. Sein Anliegen ist es, ein nachhaltiges Produkt auf den Markt zu bringen, das den Einsatz von Plastik reduziert. | Foto: Jonathan Ederer

Von Jonathan Ederer

REGENSBURG. Es ist ein erschreckendes Video aus dem Internet, das mittlerweile viele kennen: Ein Tierarzt doktert an einer Schildkröte herum und zieht einen ellenlangen Strohhalm aus ihrem Schnabel. Das Tier leidet offensichtlich enorme Qualen. Meist sind es Aktivisten, die so etwas filmen und klarmachen wollen: Noch immer wird zu viel Plastik produziert, das biologisch kaum oder gar nicht abbaubar ist. Jemand, der jetzt wenigstens für Plastikstrohhalme eine Lösung gefunden hat, ist Christian Zippel. Seine Erfindung, der Knusperhalm, kommt komplett ohne Plastik aus. Seine Zutaten sind vegan, der Halm ist geröstet – man kann ihn sogar essen. Eine Idee, aus der mittlerweile ein Produkt wurde, von dem im Jahr 2021 bereits 500.000 Stück produziert worden sind.

Zippel hat große Pläne. Er will etwas verändern in der Welt, etwas in die Welt bringen, „was notwendig ist“, wie er sagt. Es gebe zwar Papierstrohhalme, bei deren Herstellung man auch kein Plastik braucht, doch die würden zu schnell aufweichen. Es musste also etwas Festeres her. Etwas, das länger in der Flüssigkeit hält.

Stiftung Warentest: beste Plastikalternative

Die Idee ist Zippel 2019 gekommen – und sie klingt so einfach: ein Strohhalm, den man nicht wegschmeißen muss, sondern essen kann. Warum ist da vorher noch keiner draufgekommen? „Die einfachsten Ideen sind die schwierigsten“, erwidert Zippel trocken. Bei der Umsetzung sei Durchhaltevermögen das Wichtigste gewesen, denn er uns sein Team mussten viele Rückschläge hinnehmen. Sein Team, das mittlerweile aus seiner Frau und zwei Aushilfen besteht, hatte es zwischenzeitlich mit Knusperhalmen zu tun, die aus unerklärlichen Gründen brachen. Man musste Lösungen finden – das war zeitintensiv. Aber: Das Durchhaltevermögen hat sich gelohnt. Das Produkt wurde seither immer weiter optimiert: Der Halm weicht nicht nur nicht auf, das Getränk, das man mit dem Knusperhalm trinkt, darf bis zu 70 Grad heiß sein. Stiftung Warentest urteilte: beste Plastikalternative. Auch der Handel ist vom Knusperhalm überzeugt: Allein Kaufland nimmt Zippel heuer 500.000 Stück ab.

Kein Wegwerfprodukt, sondern ein hochwertiges Lebensmittel

Welche Zutaten man braucht, um diese Knusperhalme herzustellen? Auch diese Antwort klingt zunächst einfach: Rapsöl, Hartweizengrieß und Wasser. Mehr nicht? „Mehr nicht.“ Doch es kommt auf das Mischverhältnis an: nicht zu viel Wasser und schon gar nicht zu viel Grieß, sonst bricht er. Der vegane Teig, der aus diesen Zutaten hergestellt wird, muss anschließend geröstet werden. Statt eines Wegwerfprodukts wie beim herkömmlichen Strohhalm hat man dann ein hochwertiges Lebensmittel. Geschmacklich neutral, dafür knuspert er aber, wenn man von ihm abbeißt.

Zippels Erfindung hat sich mittlerweile herumgesprochen. Nicht zuletzt dank dem Social-Media-Auftritt, den seine Frau managt. Sie und ihre Arbeit bezeichnet er als „einen Schlüsselfaktor“. Denn über 5000 Abonnenten bekommt man nicht von allein. Fast täglich wird gepostet: Smoothie-Rezepte, Gewinnspiele, Partnerschaften mit anderen Firmen wie Rehorik oder der Grünen Bar im Donau-Einkaufszentrum. Doch richtig groß raus kommt der Knusperhalm erst dann, wenn Corona vorbei ist, glaubt Zippel. Im Frühling und vor allem im Sommer, wenn Sonne, Party und Cocktails wieder an der Tagesordnung stehen. Im Mai beginnt die neue Saison. Wie viele Knusperhalme er im laufenden Jahr insgesamt verkaufen wird, kann er noch nicht absehen, aktuell produziert er 20.000 am Tag. Es gibt einen zusätzlichen Wert zur Orientierung: Allein die Grüne Bar im DEZ hat vor Corona monatlich 5.000 Stück geordert. Dieses Jahr sei sein Start-up populärer, weshalb Zippel von noch größeren Produktionsmengen ausgeht. Hergestellt werden die Halme in einer Lagerhalle in Neutraubling. Zippel, ein gelernter Kaufmann, bezeichnet sich heute als „Entrepreneur“. Also jemand, der „am Unternehmen arbeitet und nicht im Unternehmen“. Einer, der organisiert, sich damit beschäftigt, wie man das Start-up noch erfolgreicher machen kann.

Bei den großen Händlern sieht Zippel den Großteil der Verantwortung, die Lebensmittelindustrie nachhaltiger zu gestalten. „Die können Innovationen auf den Markt bringen.“ Zippel selbst kann diese nur anbieten. In seinem Fall plastikfreie Strohhalme, die auch noch vegan sind. Und wenn sie wieder brechen? „Das bekommen wir schon gebacken“, sagt er.