Einzelhandel
14. Dezember 2021 6:04  Uhr

Wenn die Innenstädte langsam sterben

Überdurchschnittlich viele Händler in Ostbayern befürchten eine Verödung der Citys. Die Entwicklung, die sich bereits seit Jahren anbahnt, wird nun durch die Coronapandemie zusätzlich beschleunigt.

Der Einzelhandel entscheidet mit über die Entwicklung der Innenstädte. Foto: Christian Schwier – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Mit der „Verödung der Innenstädte“ beschäftigt sich Thomas Puschner, im Raum Straubing und Passau für die Unternehmerkunden der Commerzbank zuständig, schon seit Jahrzehnten. Und auch Günter Hölzl als Oberpfälzer Bezirksgeschäftsführer des Handelsverbands Bayern sieht das Thema als Dauerbrenner. In der täglichen Arbeit überlagere derzeit die Coronapandemie fast alle anderen Aspekte des Einzelhandels. Gleichzeitig aber werde sich durch Covid-19 das Bild der Innenstädte natürlich „dramatisch verändern“. Noch drastischer drückte sich Johannes Huber, Geschäftsführer der Modehaus Garhammer GmbH in Waldkirchen, in einem Interview für das IHK-Magazin der IHK Niederbayern aus: Er ist davon überzeugt, dass es für viele Städte „fünf vor zwölf“ ist.

Digitalkonzepte allein reichen nicht

Huber, der seit Sommer im Präsidium des Bayerischen Handelsverbands vertreten ist, warnte auch, dass es nicht ausreichen werde, schlaue Konzepte zur Digitalisierung des stationären Handels zu bezuschussen. Vielmehr sei es speziell in kleineren Städten eine Tatsache, dass die zumeist von kulturellen Institutionen getragenen Strukturen „sterben werden, wenn die Innenstadt stirbt.“ Auch dürfe man nicht immer nur Industrie und Versandhandel fördern, wenn es der Politik mit dem Erhalt der Innenstädte ernst sei. Weit wirkungsvoller ließe sich der innerstädtische Handel mit einer generellen Mehrwertsteuersenkung für den stationären Einzelhandel stützen. Als dritten Punkt brachte der Modehausunternehmer eine Versandkostenpflicht im E-Commerce ins Gespräch: „Versandkosten sollten zwingend vom Kunden erhoben werden.“ So wäre es für kleinere stationäre Händler leichter möglich, online zu verkaufen, ohne draufzuzahlen. Außerdem würde dadurch die Retourenquote gesenkt, mit auch aus ökologischer Sicht positiven Folgen.

Angesichts dieser Entwicklung befürchten laut der vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos durchgeführten Commerzbank-Studie 76 Prozent der Einzelhändler in Ostbayern, dass in den nächsten fünf Jahren aufgrund von Geschäftsschließungen die Innenstädte veröden werden. Dieser Wert liegt weit über den für ganz Deutschland ermittelten 68 Prozent. Rund die Hälfte der befragten Einzelhändler in Niederbayern und der Oberpfalz erwartet, dass Kunden vermehrt in den großen Einkaufszentren außerhalb der Innenstädte einkaufen werden. Auch hier liegt der Wert von 52 Prozent weit über dem Bundesdurchschnitt von 39 Prozent. Um die Innenstadt attraktiver zu machen, wünschen sich 56 Prozent der Befragten mehr Radwege und Grünflächen. Ein Großteil, nämlich 60 Prozent, würde sich zudem über eine Verbesserung des Parkplatzangebots inklusive Elektroladestationen freuen.

Keine Patentlösung möglich

Vor dem Hintergrund einer bundesweiten Onlinebefragung „Zukunftsfeste Innenstädte: Zwischenbilanz und Strategien“ unter Kommunen und Wirtschaftsverbänden, die kürzlich vom Deutschen Industrie-und Handelskammertag (DIHK) vorgestellt wurde, machte die DIHK-Vizepräsidentin Marjoke Breuning auf einen Aspekt besonders aufmerksam: „Es gibt keine Patentlösungen, um Innenstädte zukunftsfest zu machen.“ Vor dem Hintergrund einer innerstädtischen Leerstandsquote, die in der Zeit „nach Corona“ dauerhaft auf 14 bis 15 Prozent ansteigen wird, und einer um 10 Prozent sinkenden Besucherfrequenz in den Innenstädten braucht es nach Auffassung des DIHK neue Instrumente, Strategien und Konzepte.

Als Sofortmaßnahmen geht es beispielsweise um die Erreichbarkeit der Citys, alternative Nutzungsformen öffentlicher Flächen oder um ein Immobilien- und Leerstandsmanagement. Wichtig seien aber auch die Stärkung und Präsentation von regional produzierendem Gewerbe und das Erlebbarmachen von Alleinstellungsmerkmalen der Innenstadt.

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