Innovationspreis
20. Mai 2020 6:00  Uhr

Wer gewinnt den Innovationspreis?

Zum neunten Mal vergibt die Wirtschaftszeitung den Innovationspreis. Wir stellen die zwölf nominierten Ideen und deren Erfinder vor. Der Gewinner des Innovationspreises der Wirtschaftszeitung 2019 wird am 22. Mai bekanntgeben.

Den Innovationspreis der Wirtschaftszeitung 2018 konnte das Team von Scarabot Technologies gewinnen. Auch im Wettbewerbszeitraum 2019 ist die Konkurrenz groß. Foto: Stefan Hanke

Textzusammenfassung von Mechtild Nitzsche

Januar: db-Matik druckt Elektronik auf Plastikabfall

CHAM. Die db-Matik hat ein Verfahren entwickelt, aus Kunststoffabfall flexible, gedruckte Elektronik herzustellen, die selbst wieder vollständig recycelt werden kann: Das Projekt „Ocean“ bringt LEDs auf eine Recyclingfolie auf. Die Folie ist das Ergebnis jahrelanger Forschung in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut. Das Projekt startete 2016, als die druckbare Elektronik so weit war, dass sie für die Erstellung massentauglicher LCD-Segment-Displays eingesetzt werden konnte.

„Ocean“ adressiert nicht nur das Problem der Plastikvermüllung der Weltmeere, sondern eröffnet auch eine neue Art, über die Gestaltung von Elektronikbauteilen nachzudenken.

Die Kooperation ist ein Beispiel dafür, wie sich Produktion und Forschung unter einen Hut bringen lassen. „Wir sind für unsere Kunden vor allem deshalb interessant, weil wir mit den allerneuesten Technologien arbeiten und eine große Bandbreite an Kompetenzen im Haus haben“, sagt Christian Daschner, der zusammen mit Martin Brahmer, Marc Werkmeister und Andreas Seliger die Geschäftsführung innehat.

Februar: Smart City System ermittelt freie Parkplätze

NÜRNBERG. Das Problem ist bekannt: Auf einem Parkplatz sind noch Stellplätze frei, doch um die zu finden, muss man erst ein paar Schleifen drehen. Dieses Problem hatte auch der Mechatronikstudent Stefan Eckart an der Uni in Nürnberg, und so machte er sich daran, eine Lösung zu finden, die einfacher zu handeln und günstiger als bereits bestehende Systeme sein sollte. Die Bemühungen mündeten in der Entwicklung des Sensorsystems Smart City System und der Gründung eines gleichnamigen Start-ups. Das System basiert auf einem Plastikgehäuse mit Sensoren, das auf den Stellplatz geklebt wird und sofort einsatzfähig ist. Die Sensoren erkennen mittels elektromagnetischer Messung, ob und wie lange ein Stellplatz besetzt ist. Die Daten werden in Echtzeit gesammelt und verarbeitet und können über eine offene Schnittstelle vom Parkraumbetreiber kontrolliert werden. So kann man über ein Parkleitsystem die Zahl freier Parkplätze anzeigen und Autos zum nächsten freien Platz lotsen. Auch eine kontinuierliche Auswertung wird möglich – etwa zur Verfügbarkeit von Stromladestationen für E-Autos.

März: Bayernwerk mit einer Lösung für ein fast 100 Jahre altes Problem

REGENSBURG. Der private Haushalt bemerkt sie nicht, Unternehmen mit sensiblen Fertigungsmaschinen jedoch sehr wohl: einpolige Fehler im Hochspannungsnetz, die Spannungseinbrüche im Millisekundenbereich auslösen. Verantwortlich dafür ist eine Verschmutzung der Isolatoren an Hochspannungsleitungen, die zu einem erheblichen Teil durch Vogelkot verursacht wird. Mit diesem Problem beschäftigte sich auch Wolfgang Tauber, Chef der Bayernwerk-Netzsteuerung. Auf eine Lösungsidee brachte ihn der Deckel eines Farbeimers: ein Schutzteller, der die Isolatoren vor Verkotung schützt.

Anfang 2017 wurde ein Prototyp angefertigt: ein Teller aus schwarzem, flexiblem Spezialkunststoff, der in Form und Größe einer Frisbeescheibe ähnelt. Die neue Erfindung, bei Bayernwerk intern auch „Tauber-Teller“ genannt, testete der Energieversorger im Anschluss bei Feldversuchen. Das Ergebnis: Auf den Teststrecken wurde eine Senkung der Spannungseinbrüche um bis zu 70 Prozent registriert. Seither wird der Tauber-Teller im großen Stil vom Bayernwerk montiert – bis Mitte 2019 waren es bereits über 10 000.

April: all2work hat eine Warnweste mit Induktionsheizung entwickelt

CHAM. Sichtbarkeit, Schutz, Wärme und Energieeinsparung: All diese Eigenschaften vereint eine Entwicklung der Firma all2work. In Kooperation mit Continental hat all2work eine intelligente Leuchtweste mit integrierter Induktionsheizung entwickelt, die ganz nebenbei auch noch die Reichweite von Elektroautomobilen erhöht.

Die Weste kann über Induktion geladen und beheizt werden und macht damit das energieintensive Heizen der ganzen Fahrerkabine überflüssig, was die Batterie des E-Mobils schont. Beim Aussteigen kann zudem die Leuchtfunktion der Jacke aktiviert werden – sie ist dann nicht nur warm, sondern auch noch gut sichtbar.

Die Firma all2work produziert und vertreibt Produkte für Arbeitsschutz und Betriebsausstattungen und unterstützt bei Firmenkonzepten. Zum Einsatz kommen, so Geschäftsführer Andreas Schmaderer, die Jacken, die in die Kategorie „Smart Clothing“ fallen, idealerweise bei städtischen Fahrzeugen wie zum Beispiel der Müllabfuhr, bei Zustellfirmen wie der Post, bei Paketdiensten oder auch bei Baustellenteams.

Mai: Der Adiuvad der Faber Biomechanik ist ein echter Rehabilitationshelfer

NITTENDORF. Stationäre Rehabilitationszeiten werden immer kürzer. Das verlangt nach ambulanten Therapieformen für das häusliche Umfeld. Ein Beispiel ist der Multitherapiewagen Adiuvad der Faber Biomechanik GmbH. Er kann bei den verschiedensten Krankheitsbildern angewendet werden, etwa nach einem Schlaganfall, nach Hüft-, Sprunggelenks- und Knieoperationen oder bei Lungenerkrankungen. Der Therapiewagen bietet vielfältige Trainingsmöglichkeiten und verbessert damit die Rehabilitationschancen, denn der Erfolg einer Bewegungstherapie hängt stark von Intensität und Häufigkeit des Trainings ab: Etwa 9000 Wiederholungen braucht das menschliche Gehirn, um eine Bewegung neu zu erlernen. Im Adiuvad ist der Patient sicher umschlossen. Er kann direkt vom Rollstuhl oder vom Bett aus in den Wagen gelangen und Gehübungen durchführen. Diese kann er jederzeit unterbrechen, indem er sich auf den integrierten Sitz zurückfallen lässt. Während dieser Pausen bietet sich die Gelegenheit, weitere Übungen mit Modulen durchzuführen, die auf der Arbeitsfläche angebracht sind.

Juni: Egate Digi von EMZ Hanauer hilft, Müll besser zu trennen

NABBURG. Vor mehr als zehn Jahren hatte man bei EMZ Hanauer mit dem Egate ein intelligentes Zugangssystem für Müllgroßcontainer auf den Markt gebracht. Das Prinzip ist einfach: Gemeinschaftsmülltonnen werden verschlossen und können nur von registrierten Nutzern mit einem personalisierten elektronischen Schlüssel geöffnet werden. Die Tonne hält fest, wer wann wie viel hineinkippt. Diese Daten werden an den Entsorger oder die Kommune übermittelt. Die Vorteile: Der Verbraucher zahlt nicht mehr pauschal, sondern nur die tatsächlich abgelieferte Abfallmenge, die Entsorger wissen über die Füllmenge ihrer Behälter Bescheid und Mülltouristen müssen zu Hause bleiben.

2017 hat EMZ Hanauer das System weiterentwickelt zur Applösung Egate Digi. Die App kann einfach aus dem Appstore heruntergeladen werden, ist benutzerfreundlich und bietet neben der reinen Öffnungsfunktion eine Fülle von Möglichkeiten: So bekommt man Informationen über den Standort und den Zustand der Tonne, oder der Müllkunde kann sich direkt beim Entsorger oder der Kommune beschweren.

Juli: Der Dynafill von Krones macht richtig Tempo

NEUTRAUBLING. Eine herkömmliche 0,5-Liter-Bierflasche wird in rund neun Sekunden abgefüllt. Der Dynafill der Krones AG schafft das in weniger als fünf Sekunden. Das Abfüllsystem, das Krones auf der Drinktec 2017 erstmals vorgestellt hat, verrichtet mittlerweile seit April 2019 seinen Dienst im täglichen Betrieb.

Der Dynafill darf als eine Revolution der Abfülltechnik bezeichnet werden: Die große Zeitersparnis wird dadurch realisiert, dass Füller und Verschließer nicht mehr zwei Funktionseinheiten, sondern hier erstmals auf einer Maschine kombiniert sind. Doch nicht nur die annähernde Verdopplung der Geschwindigkeit zeichnet den Dynafill aus. Da die Ressource Raum bei Brauereien eine große Rolle spielt, ist er für sie auch wegen seines geringeren Platzbedarfs interessant: Trotz seiner höheren Leistungsfähigkeit ist er um 50 Prozent kompakter als gängige Anlagen. Dazu kommt eine höhere Abfüllqualität, der im Vergleich zu konventionellen Systemen um 20 Prozent geringere CO2-Verbrauch, eine größere Stabilität im Füllprozess, eine ideale Innenreinigung und eine leichtere Zugänglichkeit.

August: Truck2park von Euro Rastpark lindert die Parkplatznot

REGENSBURG. 40 Prozent der Lkw-Fahrer nennen die Parkplatzsuche als größten Stressfaktor in ihrem Job. Eine mögliche Lösung präsentiert die Euro Rastpark Gruppe, die mit der Gesellschaft für Service-Informationssysteme mbH (ServiceXpert) Truck2park entwickelt. Das „Parkplatz im Parkplatz“-Konzept wurde in einem Pilotprojekt im Autohof Himmelkron bereits getestet. Das System erlaubt es Disponenten und Fahrern, Premiumparkplätze zu buchen statt lange zu suchen. Die Fahrer laden sich eine App auf ihr Smartphone und erhalten einen QR-Code als Eintrittsticket. Nähert sich der Fahrer auf zehn Kilometer der Anlage, erhält er eine Benachrichtigung auf sein Smartphone. Gleichzeitig sorgt eine Schnittstelle zum Schrankensystem dafür, dass alle Vorgänge auf dem Parkplatzareal synchron ablaufen. Der reservierte Parkplatz wird bis 20.30 Uhr freigehalten, ehe sich die Schranke öffnet und die nicht beparkten Plätze allgemein freigibt. Das „Parkplatz im Parkplatz“-System, also die Abtrennung der zu reservierenden Plätze vom großen Parkplatz, macht es möglich, das Areal optimal zu nutzen.

September: up2parts sorgt für schnelle Konfiguration

WEIDEN. Die KI-basierte Fertigungsplattform up2parts ist ein Meilenstein in der industriellen Digitalisierung. Die up2parts GmbH ist ein ausgegründetes Schwesterunternehmen der BAM GmbH, bekannt als Spezialist für die Produktion von Prototypen bis hin zu Großserien aus Metall oder Kunststoff mit engsten Toleranzen. Das Portal up2parts verbindet die klassische Fertigung mit den Vorzügen des Internet of Things: Der Kunde kann in Sekundenschnelle das 3-D-Modell seines Bauteils hochladen, konfigurieren und bestellen. So lassen sich auch individuelle Bauteile ab Losgröße 1 kostengünstig und effizient produzieren.

Über up2parts erhält der Kunde von der zerspanenden über die additive bis hin zur umformenden Fertigung alle Verfahren aus einer Hand. Die Berechnungsalgorithmen konzentrieren sich auf Volumen, Bohrungen und Toleranzen, aber auch auf den einzigen weichen Faktor: den Komplexitätsfaktor, der etwa die Fertigungsstrategie beinhaltet. So können auch komplexe Bauteile, bei denen eine umfassende Bearbeitung nötig ist, in wenigen Sekunden automatisch kalkuliert werden.

Oktober: Imago Insects macht hochwertige Nahrungsmittel aus Insekten

ERLANGEN. Sven Hochstrat will mit seinem Unternehmen Imago Insects mehr Fleisch auf die Esstische der Deutschen und der Europäer bringen. Allerdings nicht Rind oder Schwein, sondern – Insekten. Er weiß, dass hier zunächst ein kulturell bedingter Ekelfaktor zu überwinden ist, dennoch überwiegen für Hochstrat die Vorteile: Die Zucht ist quasi CO2-neutral, gezüchtete Grillen erzeugen 99 Prozent weniger Treibhausgase als Kühe, außerdem werden für ein Kilo essbare Insekten nur 1,5 Kilo Futtermittel benötigt – bei Rindern sind es zehn, bei Schweinen sechs und bei Geflügel immerhin noch 2,5 Kilo. Auch bei den Nährwerten punktet die Grille: Ihr Proteinanteil ist mit gut zwei Dritteln fast dreimal so hoch wie bei Huhn, Rind oder Lachs. Zudem sind Grillen reich an Omega-3-Fettsäuren, Mineralien und Vitamin B12. Imago Insects lässt sein Mehl aus Grillen beispielsweise in Dinkel- oder Knäckebrot, einer Bolognesesoße oder Müsliriegeln beimischen. Es gibt die zerkleinerten Insekten auch für Gemüseburger mit Grillenmehl oder als Ganzes zum Knabbern mit Paprika- oder Orientalnote.

November: Gefasoft optimiert die Bauteilinspektion

REGENSBURG. Die Gefasoft Automatisierung und Software GmbH entwickelt und vertreibt Automatisierungssysteme für komplexe Aufgabenstellungen in der Industrie. Eine Kernkompetenz sind Anwendungen mit modernen Bildverarbeitungs- und Lasersystemen. Auf eine Anfrage aus der Automobilbranche entwickelte das Unternehmen ein neues Verfahren zur Bauteilinspektion. Die Anforderung lautete, im Produktionsprozess Metallhülsen für den Airbag auf ihre Qualität zu prüfen. Da Fehler in weniger als zwei Sekunden detektiert werden müssen, entschied man sich für den Einsatz des Photometric line scan: Dieses Verfahren basiert auf der Erzeugung höchstauflösender 3-D-Reliefbilder von Oberflächen mithilfe einer Zeilenkamera. Für die dazu notwendige LED-Beleuchtung gab es allerdings noch keine Ansteuerung. So wurden die Ingenieure von Gefasoft tätig und entwickelten eine schnelle Steuerung für LED-Beleuchtungen. Im konkreten Beispiel betreibt diese eine Serie von vier LED-Beleuchtungen mit 46 kHz. Das Einschalten der jeweiligen LED-Zeile ist dabei exakt zur Kamera synchronisiert.

Dezember: Linhardt entwickelt eine neuartige recyclebare Plastiktube

VIECHTACH. Die Firma Linhardt gehört zu den führenden Verpackungsherstellern in Europa. Nun hat Linhardt sein Produktportfolio erweitert und stellt eine leicht recyclebare Tube her, deren Mantel zu 96 Prozent aus Kunststoffabfällen aus dem gelben Sack besteht.

Für dieses Projekt kooperiert Linhardt mit dem Grünen Punkt und dem japanischen Chemie- und Kosmetikunternehmen Kao. Der Grüne Punkt beliefert Linhardt mit Systalen, einem Recyclingkunststoffgranulat in Premiumqualität, der geruchsminimiert und für hochwertige Anwendungen technisch geeignet ist. Auf Spezialanlagen wird der körnige Rohstoff im Tubenschlauch-Extrusionsverfahren verarbeitet. Kao nutzt die Tuben für Shampoos, Duschgel und Co. etwa seiner Marken Guhl oder Goldwell.

Mit seiner Recyclingtube schlägt Linhardt zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen wird der weiße Kunststoff, der unter anderem in Großbritannien für Milchkanister verwendet wird, knapp; zum anderen wird Recyclingmaterial im Zuge der Nachhaltigkeitsdebatte immer mehr zum Kaufargument für umweltbewusste Kunden.