Transport und Logistik
13. September 2021 6:05  Uhr

Wer wird auf der letzten Meile unterwegs sein?

Die Ansprüche der Kunden an die Geschwindigkeit und Individualisierung von Lieferungen steigen. Die individuelle Zustellung zum Kunden wird für alle Beteiligten zur Herausforderung der Zukunft.

In Berlin stellt ein Lieferdienst Bestellungen von verschiedenen Anbietern zu. Foto: David Fuentes – stock.adobe.com

Rebecca Sollfrank

REGENSBURG. Die letzte Meile, also die endgültige Zustellung einer Ware zum Endverbraucher, war lange Zeit ein Thema nur für große Zustellunternehmen. Zwei aktuelle Entwicklungen unserer Zeit haben das grundlegend geändert: der Klimawandel und die Coronakrise. Im verdichteten städtischen Raum sind große Transportflotten gleich mehrerer Anbieter nicht mehr zeitgemäß. Gleichzeitig befeuerte die Coronakrise den Trend „go local“, also das Beziehen von Waren regionaler Anbieter.

Doch egal ob das Hemd von Amazon oder der Einkauf im nachhaltigen Shop aus der Nachbarschaft – die letzte Meile muss entweder von einem Lieferdienst oder dem Verbraucher selbst bewältigt werden. Immer mehr Start-ups spezialisieren sich auf smarte Lastmile-Lösungen basierend auf Apps und Plattformen, die offen sind für die großen Versender.

Ansprüche der Kunden steigen

„Auf einen Markt mit ohnehin geringen Margen entfallen ungefähr 50 Prozent der Kosten auf die letzte Meile“, erklärt Thomas Doblinger, Gesamtleiter Transporte & Services der Regensburger M-Logistik GmbH. Die Ansprüche der Kunden an die Geschwindigkeit und Individualisierung von Lieferungen seien immer mehr gestiegen. Die Sensibilität der Kunden für die wirtschaftliche Finanzierbarkeit der individuellen letzten Meile nimmt dagegen zunehmend ab. Die daraus resultierende Konkurrenz großer Lieferunternehmen führt zu immer mehr Logistikmodellen und zu mehr Verkehr. „Bisher gab es keine zentrale Logistikplattform wie Pickshare, die regionalen Logistikunternehmen wie Citymail in Regensburg eine Zusammenarbeit mit großen Versendern ermöglicht und den Empfänger gleichermaßen berücksichtigt“, berichtet Doblinger. Im regionalbasierten, konzertierten Miteinander großer und kleiner Logistikunternehmen sieht Doblinger aber eine große Chance für die nachhaltige letzte Meile. Und damit ist er nicht alleine. Das Doku-Magazin Galileo berichtet über das Pilotprojekt Kiezbote in Berlin. Wer den Kiezboten nutzt, bekommt alle seine Bestellungen von verschiedenen Anbietern zunächst an eine zentrale Sammelstelle in seinem Viertel geliefert. In diesem Mikrodepot bleiben die Pakete, bis der Kunde über eine App einen gewünschten Lieferzeitraum auswählt. Die Pakete werden dann vom örtlichen Kiezboten mit dem Lastenrad direkt zum Empfänger gebracht. Retouren können an ihn zurückgegeben werden.

Mikrodepots bündeln Synergien

Die Vorteile: Im Viertel sind nicht mehr unzählige Lieferdienste mit Einzellieferungen unterwegs. Gleichzeitig werden Fehlzustellungen vermindert. Start-ups, die entsprechende Plattformen oder das digitale Rückgrat, dafür anbieten, haben derzeit Hochkonjunktur. „Regensburg als Pilotgebiet“, versichert Doblinger, „bringt für einen entsprechenden Service die richtigen Rahmenbedingungen grundsätzlich mit“.

Dass das stark zergliederte Logistikgeschäft auf der letzten Meile dringend einen frischen Ansatz der Nachhaltigkeit braucht, zeigen neue Branchennetzwerkplattformen wie Last Mile City Logistics, die von der Hinte Messe- und Ausstellungs GmbH aus Karlsruhe gegründet wurde. Bereits zweimal in diesem Jahr lud die Plattform zum digitalen Symposium über zukünftige Logistik für die letzte Meile ein.

Die Plattform soll etablierte Paketdienstleister mit dem stationären Einzelhandel und der Städteplanung zusammenbringen. Beim Treffen im Juli war auch Michael Strobel, damals noch für das E-Mobilitätscluster Regensburg der R-Tech GmbH, mit einem Vortrag vertreten. Inzwischen wurde aus diesem Cluster und dem Cluster IT-Logistik das neue Cluster Mobility & Logistics. Ein interessanter Schritt, der zeigt, dass Mobilität und Warenlogistik längst zusammen gedacht werden müssen.

Strobel beschrieb in seinem Vortrag unter anderem ein neues innovatives Wohnquartier. Ein Mobility-Hub schnürt hier ein durchdachtes Gesamtpaket aus letzter Personen- und Warenmeile. Es enthält neben individuellem Mikro-ÖPNV Lastradangebote, Etablierung von Mikrodepots für kietzbotenähnliche Plattformen oder die nachgekoppelte zentralisierte Zustellung durch Drohnen. Letzteres dürfte durch eine aktuelle Meldung allerdings erst einmal weiter in Ferne gerückt sein. Die DHL Group hat überraschend ihre ambitionierten Drohnenversuche eingestellt.

Der Nachbar als neuer Bote

Möglicherweise wird ja ohnehin wieder der Mensch der Faktor auf der letzten Meile im Quartier. Die Justus-Liebig-Universität in Gießen untersucht in einem Projekt seit Mai 2020 die Möglichkeit des Community Delivery. Natalie Schmiede, Mitarbeiterin von Projektleiter Professor Dr. Stefan Hennemann, stellte bei Last Mile City Logistics die Idee einer Mischung aus Mikrodepots, Crowdlogistik und Nachbarschaftshilfe vor. Dabei stehen in zentralen städtischen, aber auch ländlichen Lagen Mikrodepots, die für alle Paketdienste offen sind. Über eine App kann man seine eigenen Lieferungen gebündelt 24 Stunden am Tag abholen. Oder man vernetzt sich mit Nachbarn und holt auch deren Pakete gleich mit ab, respektive nimmt Retouren mit zur Station. Mithilfe einer Umfrage konnte Natalie Schmiede für das innovative Modell eine Nutzungswahrscheinlichkeit von 80 Prozent nachweisen.

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Überraschende Kursänderung

Die DHL Group schien mit ihrer 2013 gestarteten ambitionierten Drohnenanwendungsforschung bis vor kurzem auf Zukunftskurs zu sein. Nun beendet DHL die ambitionierte Versuchsreihe mit der Drohnenzustellung.

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