Hochschule
21. Februar 2022 6:01  Uhr

Wichtiges Unternehmer-Gen in der Forschung

Forschung und Wissenstransfer sind die wichtigsten Aufgaben von Universitäten und Hochschulen, aber längst nicht mehr die einzigen. Das belegt die große Zahl erfolgreicher Ausgründungen etwa aus der OTH Regensburg.

Im Gründungsradar 2020 des Stifterverbands belegte die OTH Regensburg Platz 3 unter den gründungsfreundlichsten mittelgroßen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften Deutschlands. Foto: Istvan Pinter

Von Rebecca Sollfrank

REGENSBURG. „Lehre ist Transfer aus der Forschung in die Köpfe der Studierenden.“ Mit diesem Bild weist Professor Dr. Sean Patrick Saßmannshausen, Professor für BWL und Entrepreneurship und Leiter des Start-up-Centers der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, auf ein Gründersegment hin, das längst zur DNA der Forschung allgemein gehört. „Transfer ist heute fast immer integraler Bestandteil von Forschung und kann schon strukturell nicht getrennt von Forschung gedacht werden“, sagt er.

Die konkreten Früchte dieser Strukturen sind erfolgreiche Ausgründungen aus den Hochschulen und Universitäten, von denen die OTH Regensburg allein seit 2017 über 40 für sich verbucht. Dazu gehört der 2007 gegründete Automotive-Spezialist Intence, der sich zum bedeutenden Arbeitgeber mit heute 200 Mitarbeitenden und Firmensitz am Techcampus gemausert hat. Unterstützt wurde Intence bei seiner Gründung von den Professoren Dr. Jürgen Mottok und Dr. Eberhard Auchter.

Professur mit Start-up-Feeling

Ein interessantes Beispiel für die Kombination aus Lehre und Unternehmertum ist Professor Dr. Johannes Jungwirth. 2017 hat er zusammen mit seinem Partner Philipp Schaltenberg seine Firma VK Energie gegründet. Der Ingenieur arbeitete in einem Direktvermarktungsunternehmen für erneuerbaren Strom aus dezentralen Anlagen. „Als Ingenieur in einer kaufmännischen Stellung wurde mir klar, dass die technische und kaufmännische Seite manchmal nicht unbedingt dieselbe Sprache sprechen. Auch die Zielsetzungen weichen mitunter etwas ab. Wir haben damals erkannt, dass das Optimum in der Mitte liegt. Um dieses Problem zu lösen, haben wir die VK Energie gegründet.“ Das Geschäftsmodell der VK Energie ist die energetische Betriebsoptimierung durch den Einsatz innovativer Kraft-Wärme-Kopplung.

Drei Jahre nach Betriebsgründung bekam Jungwirth den Ruf an den Campus Feuchtwangen der Hochschule Ansbach, um den neuen internationalen Studiengang „Smart Energy Systems“ aufzubauen. „Überraschend hat sich für mich damals die Chance ergeben, nicht nur meinen Traum von einer Professur zu verwirklichen, sondern auch noch in meinem ureigenen Themenfeld einen neuen Studiengang aufbauen zu dürfen. Diese Situation, an einer jungen Außenstelle Pionierarbeit zu leisten, hatte einmal mehr das Feeling eines Start-ups. Besonders die Möglichkeit, meine Erfahrungen aus dem Unternehmensalltag in die Lehre einfließen zu lassen, macht diese Konstellation für mich so charmant.“

Input aus der Anwendung

Die Zukunftsthemen des Studiengangs von Professor Dr. Jungwirth lassen sich mit den drei Adjektiven dekarbonisiert, dezentral und digital charakterisieren. Der Input aus der echten Anwendung seines Start-ups heraus ist nach Jungwirths Einschätzung ein Erfolgsfaktor des neuen Studiengangs. Prinzipiell bestätigt Jungwirth die Doppelbelastung mit Unternehmensführung und Professur, doch er betont: „Ich habe das große Glück, dass ich mich sowohl an der Hochschule wie auch im Unternehmen mit Dingen beschäftigen darf, die mir wahnsinnig Spaß machen.“

Die Zeitaufteilung des früheren Vollzeitunternehmers hat sich aber mit der Professur stark verändert. Heute verbringt Jungwirth vier Tage die Woche an der Universität und einen Tag im Unternehmen. Die digitalen Kommunikationsmöglichkeiten würden das gut unterstützen. „Aber noch wichtiger ist unsere tolle Mannschaft in München und das gegenseitige Vertrauen ineinander. Ohne den Rückhalt meiner Mitarbeitenden bei VK Energie für meine Professur wäre das nicht möglich.“ Das gelte umgekehrt genauso für sein Team an der Hochschule.

Technologie für die Gesellschaft

„Meiner Meinung nach darf die Kombination aus Unternehmensgründung beziehungsweise -führung und Lehrtätigkeit ruhig noch etwas salonfähiger werden, besonders wenn es um Bereiche wie die Energiewirtschaft geht, in der die Halbwertszeit des Wissens immer kürzer wird“, sagt Jungwirth. Die künftige Rolle der Forschung sieht er zunehmend darin, bei Politik und Wirtschaft auch für den Transfer innovativer Forschungsergebnisse zu werben, die vielleicht nicht auf den ersten Blick ein lukratives Geschäftsmodell darstellen, jedoch für die technologischen Herausforderungen der Gesellschaft hilfreich sein könnten. „Wenn die beteiligten Forscher dann noch unternehmerisches Denken mitbringen, umso besser.“

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