Interview
1. Juni 2020 6:00  Uhr

Soziale Marktwirtschaft muss sich weiterentwickeln

Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank, spricht über die Vorzüge der Sozialen Marktwirtschaft – und darüber, wie sie sich in den „neuen Zwanzigern“ weiterentwickeln sollte.

Geld – eine Form von Kapital, ebenso wie auch Produktionsmittel, Land, Immobilien oder Waren. Foto: fox17 – adobe.stock.com

Von Robert Torunsky

Herr Halver, hat der Kapitalismus in seiner bisherigen Form angesichts der aktuellen Herausforderungen ausgedient?

Robert Halver: Zunächst einmal müssen wir uns darüber einigen, über welchen „Kapitalismus“ wir eigentlich sprechen. Denn die in Deutschland und weiten Teilen Europas praktizierte Soziale Marktwirtschaft ist etwas vollkommen anderes als der angelsächsische oder gar der chinesische Kapitalismus. Für mich persönlich ist die Soziale Marktwirtschaft per se eine geläuterte Form des Kapitalismus. Im Idealfall sorgt der Staat für die ökonomischen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen und lässt Strauchelnde nicht ins Bodenlose fallen, greift aber selten in den Markt ein. Denn wenn der Staat sich einmischt, funktioniert es meistens nicht.

Ist der von Ludwig Erhard propagierte „Wohlstand für alle“ in den „Neuen Zwanzigern“ noch machbar?

Ja, der ist machbar. Wenn beispielsweise die Voraussetzungen für die digitale Transformation geschaffen werden und Unternehmen gerne bereit sind, in Deutschland zu investieren, entsteht eine Wertschöpfung. Natürlich werden durch die Digitalisierung auch Arbeitsplätze wegfallen, vor allem einfache Tätigkeiten. Lebenslanges Lernen wird deshalb immer wichtiger: Es müssen Anreize geschaffen werden, durch persönliche Weiterentwicklung dazu beitragen zu können, dass die Wertschöpfung im Inland und nicht im Ausland stattfindet. Früher hieß es: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Das trifft nicht mehr zu. Es ist heute wichtiger denn je, sich mit neuen Dingen auseinanderzusetzen. Dazu muss die Bereitschaft vorhanden sein.

Erfordert die Coronakrise eine Neuausrichtung des Kapitalismus?

Die Unternehmen merken selbst – gerade die, die Digitalisierung betreiben – was sie tun müssen, um im Wettbewerb zu bestehen. Aufgrund von Corona hilft der Staat zwar derzeit in einer Art und Weise, die man noch vor drei Monaten nicht für möglich gehalten hätte. Getreu der Redensart: „Wer die Musik bestellt, muss sie auch bezahlen.“ Allerdings bestimmt er dann aber auch, welche Musik gespielt wird. In diesem Sinne fordern ja auch neosozialistische Kreise dann gern schnell Dinge wie Kerosineinsparungen bei der Lufthansa oder dass Unternehmen auf Klimaschutz getrimmt werden. Dieser Versuchung sollte dringend widerstanden werden.

Ich finde, dass die Coronakrise die Chance ist, dass so manche Flause aus dem Kopf verschwindet.

Erfolgt durch die Coronakrise ein langfristiges Umdenken?

Ich finde, dass die Coronakrise die Chance ist, dass so manche Flause aus dem Kopf verschwindet. Der Drang zur Deindustrialisierung muss gestoppt und stattdessen in eine positive Richtung gelenkt werden. Klimaschutz ist wichtig, das unterschreibe ich jeden Tag – jedoch immer unter Berücksichtigung des Credos „Wie kann ich damit Geld verdienen?“ Denn seien wir ehrlich: Unternehmen, die lediglich gut ausschauen und dem eigenen Gewissen gut tun, aber hinter denen keine wirtschaftliche Substanz steht, nützen weder der Klimawende noch dienen sie der Aufrechterhaltung des Sozialstaates. In Bayern gibt es beispielsweise viele Mittelständler, die sich mit Klimaschutz und grüner Technik auskennen. Das ist toll und das muss man unterstützen – etwa mit einem Staatsfonds. Wir benötigen eine Fortentwicklung durch Corona, aber weiter im marktwirtschaftlichen Sinn.

Sehen wir verschiedene Kapitalismus-Modelle im Wettbewerb?

Absolut. Versetzen wir uns in einen Unternehmer, der weltweit mobil ist. Und fragen wir uns ganz ehrlich: Geht er eher dorthin, wo ihm die unternehmerischen Möglichkeiten nicht geboten werden, weil sie durch Bürgerinitiativen blockiert sind oder weil dort vom Staat nicht investiert wird? In den USA bekommen Investoren alles, was sie sich wünschen – und wenn sich ein Gouverneur am Ende selbst darum kümmert. Das sind attraktive Bedingungen, die wir in Deutschland auch mal hatten. Jetzt regiert bei uns meist die Bürokratie und da ist es nur allzu verständlich, dass sich Mittelständler auch in den USA und China bessere Bedingungen suchen. Die Geschwindigkeit des Kapitalismus ist in den Ländern groß, wo man etwas durchsetzen und als Unternehmer durchstarten kann.

Was muss sich bei uns ändern?

Natürlich wollen wir keine chinesischen Verhältnisse. Aber der deutsche Weg, durch den Projekte wie Stuttgart 21 manchmal über Jahrzehnte verhindert werden, kann es auch nicht sein. Eine demokratische Gesellschaft muss im Sinne der Allgemeinheit schneller entscheiden. Wenn es der Allgemeinheit dient, kann – überspitzt formuliert – der Lebensraum eines Grottenolms eben nicht kategorisch oberste Priorität haben. Ohne die Wirtschaft läuft gesamtgesellschaftlich nichts.

Wie sollte hierzulande die Soziale Marktwirtschaft bis 2030 modernisiert werden?

Ein durchgedrückter Kapitalismus wie in China funktioniert hier nicht, da wir die Demokratie zurecht niemals aufgeben dürfen. Aber wenn ich allein unsere Genehmigungsverfahren betrachte: Da muss ich ja als Zwanzigjähriger anfangen, um das Vorhaben kurz vor der Rente dann endlich umsetzen zu dürfen. Das machen viele Unternehmer zurecht nicht mit. Wir sind zu einem Exporteur von Arbeitsplätzen geworden – und das muss aufhören, sonst können wir unseren Sozialstaat nicht halten. Auf Deutschland wartet kein Unternehmen, nicht einmal deutsche Unternehmen, die aus Wettbewerbsgründen schlichtweg gezwungen sind, Deutschland zu verlassen.

Robert Halver

 

 

Robert Halver ist Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank in Frankfurt. Er verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernsehsendern und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie Fachpublikationen und als Kolumnist einem breiten Anlegerpublikum bekannt. Foto: Baader Bank

Fazit

Auch in den „Neuen Zwanzigern“ gilt, dass die Soziale Marktwirtschaft sich stetig weiterentwickeln muss, um sie selbst bleiben zu können. Das heißt: Herausforderungen wie die Digitalisierung, der demografische und der Klimawandel müssen ebenso entschlossen angegangen werden wie die Bewältigung der Coronakrise. Und: Der Standort Deutschland muss attraktiver werden für Unternehmer aus aller Welt. Dies gelingt am besten durch Bürokratieabbau sowie die punktuelle staatliche Unterstützung für Zukunftstechnologien und umweltfreundliche, dabei aber auch profitable Branchen und Unternehmen. Neue, durch die digitale Transformation vorangetriebene Arbeitsformen wie Remote Work beziehungsweise Homeoffice werden sich dort, wo sie aus Unternehmenssicht umsetzbar sind, verstärkt durchsetzen. Nicht nur hier kann der Staat bei der Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen hilfreich sein, ohne sich zu stark in innerbetriebliche Prozesse und Marktmechanismen einzumischen.„Dass der Staat wesentliche ökonomische Rahmenbedingungen schafft, ist für mich das Soziale an der Marktwirtschaft“, sagt Robert Halver. Möglicherweise ist die Soziale Marktwirtschaft bereits genau jener „Neokapitalismus“, nach dem weltweit so verzweifelt gesucht wird.