Interview
16. Mai 2020 11:45  Uhr

„Wir haben bisher noch jede Krise gemeistert“

Der Bionorica-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Michael A. Popp hat großes Vertrauen in den russischen Markt.

Prof. Dr. Michael A. Popp, Vorstandsvorsitzender der Bionorica SE| Foto: Jan Voth

Von Gerd Otto

Herr Professor Popp, Ihr Unternehmen ist inzwischen schon seit mehr als zwei Jahrzehnten auf dem russischen Markt tätig. Was hat Sie von Anfang an an Russland gereizt?

Prof. Dr. Michael A. Popp: Die russische Bevölkerung ist gegenüber pflanzlichen Arzneimitteln seit jeher sehr aufgeschlossen. Dieses Vertrauen in die Heilkräfte aus der Natur verbindet uns. In den letzten 20 Jahren haben wir zudem enorme Fortschritte bei der Erforschung der von uns eingesetzten Heilpflanzen machen können. Und wir konnten mit international anerkannten klinischen Studien den Beleg für die Wirksamkeit und Sicherheit der Präparate von Bionorica erbringen. Die Evidenz unserer Phytopharmaka und das „Made in Germany“ waren damals und sind heute noch stärker große Pluspunkte für uns.

Und heute? Welchen Einfluss haben die Coronapandemie und die geopolitischen Herausforderungen zwischen dem Konkurrenten China und den Wirtschaftssanktionen der EU auf Ihr Unternehmen?

Wir leben in einer Zeit, in der viel über das die Völker Trennende gesprochen wird. Wir dagegen setzen uns für eine nachhaltige Partnerschaft mit dem medizinischen und pharmazeutischen Fachpersonal zum Wohle der Patienten in allen Ländern ein. Auch in Russland leisten wir gemäß unserer Nachhaltigkeitsstrategie einen wichtigen Beitrag zu den UN-Entwicklungszielen „Sustainable Development Goals“, also „ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters zu gewährleisten und ihr Wohlergehen zu fördern“. Aus diesem guten Grund sind Medikamente stets von allen politischen Maßnahmen und Sanktionen ausgenommen. Die Coronapandemie stellt uns vor ganz andere Herausforderungen. Durch das Social Distancing und die Hygienemaßnahmen ist unser Erkältungsmittelabsatz in den letzten Monaten zurückgegangen. Dennoch blicken wir optimistisch in die Zukunft. Wir haben bisher noch jede Krise gemeistert.

Welchen Stellenwert hat Ihr Engagement in Russland für Ihre gesamte Firmengruppe und was bedeutet Russland für Bionorica, speziell auch für den Standort Neumarkt?

Russlands Stellenwert ist für Bionorica sehr hoch, denn das Land ist unser wichtigster internationaler Absatzmarkt. 2019 haben wir in Russland über 100 Millionen Euro Umsatz erzielt, das ist fast ein Drittel unserer gesamten Erlöse. Seit 2010 führt Bionorica die Umsatzliste der in Russland tätigen Phytopharmaka-Hersteller an, wir sind dort der Marktführer für pflanzliche Arzneimittel. Die Erfolge im russischen Markt sind für das ganze Unternehmen und damit auch für den Standort Neumarkt wichtig.

Wie beurteilen Sie die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland politisch? Wohin sollte diese Entwicklung gelenkt werden?

Wir sind ein Gesundheitsunternehmen, das zum Wohle der Patienten forscht, pflanzliche Arzneimittel entwickelt und vertreibt. Wir haben nur dieses Ziel und mischen uns nicht in die Politik ein. Für uns ist vor allem eines wichtig: die langjährigen Beziehungen zu unseren Partnern, die von Fairness, gegenseitigem Respekt und tiefem Vertrauen geprägt sind. Das können wir als wirklich „bilateral“ bezeichnen. Unser Vertrauen in den russischen Markt belegen wir auch durch unseren neuen Produktionsstandort in Woronesch, der nahezu fertiggestellt ist und im nächsten Jahr in Betrieb gehen soll.

Für wie wichtig erachten Sie aus Sicht Ihres Unternehmens die Eurasische Wirtschaftsunion EAWU, zu der neben Russland auch Kasachstan, Belarus, Kirgisien und Armenien gehören?

Die Eurasische Wirtschaftsunion ist aus Sicht von Bionorica sehr wichtig, schließlich wollen wir von unserem neuen Standort im russischen Woronesch aus demnächst Länder der EAWU beliefern. Die Stadt Woronesch liegt etwa 500 Kilometer südlich von Moskau in Zentralrussland. Dort wird die Konfektionierung unserer Medikamente erfolgen, sprich das Abfüllen beziehungsweise Verblistern und Verpacken – unter Einhaltung höchster Qualitätsstandards. Das Gesamtinvestment in den Standort wird rund 40 Millionen Euro betragen. Mit unserem eigenen Werk in Russland erweitern wir Kapazitäten und erzielen kürzere Lieferwege und Lieferzeiten. Zudem ergeben sich Zoll- und Transportkostenvorteile, Stichwort Eurasische Wirtschaftsunion.

Vor zehn Jahren ist Wladimir Putin ja mit der Idee eines gemeinsamen Wirtschaftsraums von Lissabon bis Wladiwostok an die Öffentlichkeit gegangen. Wie wünschenswert und wie sinnvoll wäre eine derartige Union?

Eines vorweg: Wirtschaftliche Kooperation ist immer gut. Wenn der zwischenstaatliche Warenverkehr erleichtert wird oder der Geld- und Kapitalverkehr, wenn hochqualifizierte Arbeitskräfte einen Fachkräftemangel in anderen Staaten ausgleichen können, dann ergeben sich für viele Wirtschaftsakteure echte Vorteile. Ob sich ein solcher Wirtschaftsraum in der Praxis umsetzen ließe, können die damit befassten Politiker besser beurteilen als ich. Erzielbar erscheint mir derzeit, die deutsch-russischen Beziehungen zu pflegen und zu intensivieren. Bionorica ist hier beispielsweise über die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer aktiv. Diese Form der Förderung des Wirtschaftsverkehrs beurteilen wir sehr positiv.