Interview
21. Mai 2021 15:58  Uhr

„Wir sind keine Metropole – und das ist auch gut so“

Im Gespräch mit Stephanie Fichtl, Geschäftsführerin des Digitalen Gründerzentrums FRG (GreG) und Stefan Schuster, Regionalmanager im Landkreis Freyung-Grafenau

Stefan Schuster, Stephanie Fichtl | Fotos: Fotostudio A (Bild Schuster), Simona Kehl Fotografie (Bild Fichtl)

Von Jonas Raab

Frau Fichtl, Herr Schuster: Bemerken Sie seit Corona einen verstärkten Trend zur Stadtflucht?

Stephanie Fichtl: In der Pandemie macht sich jeder über sein Leben Gedanken. Das führt zwangsläufig zu der Frage, wie und wo man leben möchte. Gleichzeitig stellen viele Menschen in Großstädten fest, dass Raum und Freizeitmöglichkeiten fehlen. Kino und Bar um die Ecke haben auf einmal zu, Homeoffice und Homeschooling auf 40 Quadratmetern zehren an den Nerven. Ich bekomme mit, dass die Sehnsucht steigt. Die Natur gewinnt zunehmend an Bedeutung. Ich glaube schon, dass das einen Prozess auslöst. Es wird dauern, bis er sich bemerkbar macht, auch wenn ich in letzter Zeit schon vermehrt mit Anfragen zu diesem Thema zu tun hatte.

Was sind das für Menschen, die in den Bayerischen Wald ziehen?

Stefan Schuster: Auch bei mir schlagen mehrere Rückkehrwillige pro Woche auf. Das sind ganz oft Münchner, die eine Familie gründen wollen. Sie haben in der Regel einen Bezug zur Region. Die Daten, die uns vorliegen, sind aber bestenfalls aus dem vergangenen Jahr, eher von 2019. Momentan ist der Trend statistisch noch nicht greifbar.

Welche Rolle spielen neue Homeoffice-Möglichkeiten für Rückkehrwillige?

Fichtl: Homeoffice ermöglicht alternative Wohn- und Lebensmodelle. Die Unternehmen sehen, dass es funktioniert. Das Arbeitsleben wird mit Sicherheit noch digitaler und ortsunabhängiger werden. Für den ländlichen Raum ist das eine Chance, aber jetzt braucht es mehr Möglichkeiten von struktureller Seite. Mit dem Gründerzentrum wollen wir vormachen, wie Arbeit auch aussehen kann: Man kann sich mit seinem Laptop hinsetzen, wo man gerade lustig ist. Nicht nur Gründer, auch Arbeitnehmer, die sich das Pendeln sparen wollen, können sich bei uns einen Arbeitsplatz nehmen. Einige Entwicklungen sind aus der Not geboren und müssen sich jetzt in der Praxis bewähren.

Ist der ländliche Raum auf Zuzug angewiesen, oder kommt er auch ohne zurecht?

Fichtl: Nicht unbedingt in der Quantität, aber in der Qualität. Städte bieten einen Nährboden für Ideen. Das ist mit Sicherheit etwas, das auf dem Land gebraucht wird. Aber auch hier ist der Boden dafür fruchtbar, weil die Notwendigkeit eine andere ist.

Was muss sich im ländlichen Raum ändern, damit er für Städter noch attraktiver wird?

Fichtl: So viel muss sich nicht ändern. Wir haben natürlich Herausforderungen: Breitband, Mobilfunk oder ÖPNV. Aber wenn sich etwas wirklich ändern muss, dann das Image. Wenn ich mit Freunden spreche, können die sich oft gar nicht vorstellen, was auf dem Land alles möglich ist. Diesbezüglich könnten wir uns noch viel selbstbewusster positionieren: Wir sind keine Metropole – und das ist auch gut so.

Schuster: Die Wahrnehmung ist leider oft eine andere, selbst bei Einheimischen. Bis weit in die 1980er-Jahre gab es hier Winterarbeitslosenquoten von 50 Prozent, heute haben wir sehr gute Jobs. Das müssen wir kommunizieren. Ohne den passenden Job gibt es keinen Zuzug, auch wenn wir noch so oft unsere Natur loben.

Wo punktet der ländliche Raum gegenüber Großstädten, abgesehen von den offensichtlichen Vorzügen wie Natur, Platzangebot und Kostenstruktur?

Schuster: Bei uns gibt es jede Menge Platz. Das macht wohnen generell günstiger und großzügiger als in der Stadt. Die Durchschnittsmiete in Freyung-Grafenau liegt etwa bei sechs Euro pro Quadratmeter, in München bei Minimum 20 Euro. Natur ist bei uns unmittelbar vor der Haustür. Das spielt eine große Rolle, wenn es um Lebensqualität, Naherholung und Freizeitwert geht. Ein weiteres Plus ist die Verfügbarkeit von Kinderbetreuung.

Fichtl: Das klingt vielleicht paradox, aber die Wege auf dem Land sind kürzer. Ich meine die zwischenmenschlichen Wege, wenn man den Kontakt zu Entscheidern sucht. Es ist leichter, mit einer Idee oder einem Anliegen Gehör zu finden.

Sind Stadt und Land zwei unterschiedliche Welten?

Fichtl: Ich betrachte das nicht als abgegrenzte Welten, sondern als unterschiedliche Chancen- und Bedürfnisräume. Ich spreche auch ungern von Flucht in die eine oder andere Richtung. Das impliziert ein Weglaufen. Vielmehr ist das eine Entscheidung hin zu etwas, das einem attraktiv erscheint. Das ist eine Frage von persönlichen Präferenzen: Sind mir Bank, Bäcker und Supermarkt in 500 Meter Laufweg wichtiger oder ein fünf Hektar großer Garten?

Wie nachhaltig ist das Leben auf dem Land? Schließlich ist man dort deutlich häufiger auf ein Auto angewiesen als in der Stadt.

Schuster: Klar, in Sachen Mobilität schneidet der ländliche Raum im Vergleich zur Stadt nicht so gut ab. Aber man muss das Thema im großen Kontext sehen. Gerade auf dem Land gibt es viele Möglichkeiten für nachhaltige Modelle, privat wie öffentlich. E-Mobilität wäre eines davon.

Fichtl: Ich bin der grundsätzlichen Überzeugung, dass Nachhaltigkeit ein persönliches Thema ist. Ich kann in der Stadt genauso nachhaltig leben wie auf dem Land – oder eben nicht. Aber lebt man mitten in der Natur, ist es offensichtlicher, warum man sie schonen sollte.

Wie sind Sie selbst da gelandet, wo Sie heute sind?

Schuster: Ich habe lange in München gelebt. Wenn mir vor 20 Jahren jemand gesagt hätte, wo ich heute lebe und arbeite, hätte ich das nicht geglaubt. Ich habe das Leben hier schnell lieben gelernt. Ich musste lange Zeit zwei Stunden täglich pendeln. Heute brauche ich von meiner Wohnung bis an meinen Schreibtisch im Landratsamt eine Minute, wenn ich flott gehe. Ein Besuch in der Großstadt ist ok, aber leben und arbeiten auf dem Land ist der perfekte Lebensentwurf für mich.

Fazit

Seit Jahrzehnten zieht es immer mehr Menschen in die Städte. Urbanisierung wird auch die kommenden Jahrzehnte weiter prägen, zu verlockend sind die Vorzüge der Stadt: Arbeit, Bedarfsinfrastruktur und Freizeitangebote, gebündelt auf engstem Raum. Die hyperkomplexen Systeme dahinter und horrende Lebenshaltungskosten bei begrenztem Platzangebot zehren manchem Stadtbewohner allerdings schon jetzt an den Nerven. Die Sehnsucht nach Freiheit steigt; die nach Natur auch, weil die Klimadiskussion Fahrt aufnimmt. Währenddessen hat der ländliche Raum seit Jahrzehnten mit Verödung zu kämpfen. Bald könnte er aber eine kleine Renaissance erleben. Die Pandemie hat den leisen Tendenzen zur Rückkehr in ländlich(er)e Regionen Gehör verschafft, wie verschiedene Erhebungen zeigen. Ob sich der Trend zur Stadtflucht auch in offiziellen Zahlen niederschlägt, hängt nicht zuletzt an der weiteren Entwicklung der neuen Arbeitskultur, die seit dem ersten Lockdown zeitweise ganze Büros verwaisen lässt – und am Netzausbau.