Bioökonomie
13. Mai 2022 6:06  Uhr

Wohlstand im Einklang mit der Natur

Am Ersatz fossiler Rohstoffe durch biogene Alternativen führt kein Weg mehr vorbei. Ein Lösungsansatz ist die Bioökonomie, die unter anderem in Straubing vorangetrieben wird.

Um die Ausbeutung der fossilen Rohstoffe nicht eins zu eins auf eine Ausbeutung – und Übernutzung – der natürlichen Ressourcen zu übertragen, gilt das erste Interesse der Nutzung land- und forstwirtschaftlicher Rest- und Nebenprodukte wie beispielsweise Stroh. Foto: stock.adobe.com – reimax16

Von Mechtild Nitzsche

STRAUBING. Häuser aus Holz statt Stein und Beton, Burgerpattys aus schwarzen Bohnen statt Rindfleisch, Kosmetik und Reinigungsmittel auf Pflanzenbasis, kompostierbare Plastikbecher aus regenerativen Biopolymeren, Verpackungen aus Pflanzenfasern: Für viele Produkte des Alltags gibt es bereits ressourcenschonende Alternativen. Selbst für Flugbenzin wird das Thema mittlerweile in Angriff genommen – doch ein Selbstläufer sind diese Produkte noch nicht.

Unser Wirtschaftssystem ist in wesentlichen Teilen auf fossilen Rohstoffen aufgebaut: Die größte Rolle spielen sie im Kraftstoff- und Energiebereich, auf die in Deutschland laut einer Veröffentlichung des Verbands der chemischen Industrie im Jahr 2017 78 beziehungsweise 17 Prozent fielen; nur 5 Prozent wurden als Basis für die stoffliche Nutzung verwendet – vom gesamten Erdölverbrauch sind es 15 Prozent und damit immerhin ein Sechstel.

Rohstoffe für den Klimaschutz

Mit nachwachsenden Rohstoffen befasst sich bereits seit 30 Jahren das Centrale Agrar-Rohstoff Marketing- und Energie-Netzwerk, besser bekannt als C.A.R.M.E.N. e. V. Das 1992 in Rimpar bei Würzburg gegründete Netzwerk wurde 2001 Teil des Kompetenzzentrums für Nachwachsende Rohstoffe mit Sitz in Straubing. Im Jubiläumsjahr lädt das Netzwerk zu einer Reihe von Informationsveranstaltungen ein, die unter anderem auch den Fokus auf einen möglichen Ausweg aus dem Rohstoffdilemma legen: die Bioökonomie.

Bioökonomie ist ein Wirtschaftssystem auf Basis biogener Roh- und Reststoffe, das dauerhaft mit den Zielen von Klimaschutz, Biodiversität, Ressourceneffizienz, Wohlstandssicherung und globaler Gerechtigkeit im Einklang ist. Sie hat das Ziel einer nachhaltigen, postfossilen Gesellschaft und vernetzt wissenschaftliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Innovationen für eine Entkopplung von Wachstum und Umweltverbrauch. Der letzte Punkt ist entscheidend, will man den Ausbeutungsgedanken nicht einfach aus der fossilen in die postfossile Welt übersetzen – was den Raubbau am Klima einfach durch den Raubbau an der landwirtschaftlich genutzten Fläche ersetzen würde: Auch Suffizienz, also die Beschränkung des Konsums auf das Notwendige zum Schutz der Ressourcen, gehört zu den Standbeinen einer nachhaltigen Bioökonomie. Deshalb liegt ein Fokus auf dem Heben noch ungenutzter Potenziale, etwa bei Abfall- und Nebenprodukten der Land- und Forstwirtschaft.

Sachverständigenrat Bioökonomie

In Bayern gibt es bereits einige Leuchtturmprojekte, die die Bandbreite der Bioökonomie aufzeigen: In einem Modellprojekt in Straubing wurden die Möglichkeiten einer Kaskadennutzung von Hemdchenbeuteln auf Biopolymerbasis erfolgreich getestet. Eine Studie am Kompetenzzentrum für Nachwachsende Rohstoffe untersuchte, ob Asche von Biomasseheizkraftwerken als Düngemittel verwendet werden kann. Und das Verbundprojekt BioReSt (Bayerische Biomassen-Ressourcenstrategie) mit der TU München befasste sich mit der Bewertung von Ressourcenpotenzialen auf Basis regionaler Daten zur Ressourcenverfügbarkeit und zu Biomassenströmen.

Zur Förderung der Bioökonomie in Bayern wurde 2015 der Sachverständigenrat Bioökonomie Bayern ins Leben gerufen. Zwölf Mitglieder, paritätisch besetzt aus Wirtschaft und Wissenschaft, bearbeiten konzeptionelle Fragen der Bioökonomie und sprechen Empfehlungen für die erfolgreiche Umsetzung einer biobasierten Wirtschaft aus. Die Besetzung des Rats deckt ein weites Spektrum ab: auf Unternehmensvertreterseite von biobasierten Verpackungen und Kunststoffen bis zum Thema Holzbaustoffe, aufseiten der Wissenschaftler von Sozialethik bis zu Verfahrenstechnik und Wissenschaftskommunikation. Unter anderem war der Sachverständigenrat federführend bei der Erarbeitung der 2020 vorgestellten bayerischen Bioökonomiestrategie, die in dem Strategiepapier „Zukunft. Bioökonomie. Bayern“ zusammengefasst wurde und 50 Maßnahmen zur Förderung der Bioökonomie in Bayern empfiehlt.

Möglichkeiten der Skalierung vorantreiben

Neben der Förderung von Innovationen, Forschung und Entwicklung empfiehlt das Strategiepapier, ein Problem anzugehen, das der Bioökonomie bei der Umsetzung im großen Maßstab besonders im Weg steht: Wenn Neuerungen den Labormaßstab verlassen, fehlt es an Möglichkeiten der Skalierung in industrielle Größenordnungen. In Straubing als bayerischer Modellregion für biobasierte Wirtschaft soll deshalb bis 2024 eine Mehrzweckdemonstrationsanlage für Prozesse der industriellen Biotechnologie eröffnet werden: der BioCampus MultiPilot. Nach Abschluss der Bauarbeiten können die Anlage Firmen und Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt mieten. Ihr Herzstück ist ein 25 Kubikmeter fassender Fermenter.

Im Rahmen der Bioökonomiestrategie hat das Bayerische Wirtschaftsministerium ein weiteres Förderprogramm zur Stärkung der industriellen Bioökonomie aufgelegt. Mit „BayBioökonomie-Scale-Up“ werden Unternehmen beim Aufbau von Produktionsanlagen unterstützt, in denen nachwachsende Rohstoffe stofflich genutzt, eine hohe Wertschöpfung und gleichzeitig positive Klimaeffekte erzielt werden. Dazu zählen unter anderem Bioraffineriekonzepte und Bioproduktewerke. Mit der Förderung von sogenannten Scale-up-Anlagen sollen vor allem die wirtschaftlichen Nachteile der Bioökonomie im Wettbewerb mit erdölbasierten Verfahren verringert und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen erhöht werden.

Das Bioökonomie-Strategiepapier steht zum kostenlosen Download bereit auf der Website des Bayerischen Wirtschaftsministeriums www.stmwi.de, Veranstaltungen des Netzwerks C.A.R.M.E.N. finden sich auf carmen-ev.de. Außerdem informieren Mitglieder des Sachverständigenrats regelmäßig auf Konferenzen und Kongressen als Referenten über die Arbeit des Rats. Die nächsten Termine sind: 18. und 19. Mai, bioeconomy 2022, The European Summit, www.bioeconomy-conference.eu; 21. Juni, Investorenkonferenz VentureConBioEconomy, www.venturecon-bioeconomy.de; 4. Juli, C.A.R.M.E.N.-Symposium, „Rahmenbedingungen für den Klimaschutz aus Sicht der Bioökonomie“

Interview

Es geht darum, Potenziale zu heben

Patricia Eschenlohr, Gründerin und CMO Landpack GmbH und
Sprecherin des Sachverständigenrats Bioökonomie Bayern, spricht im Interview über Fortschritte, Leuchtturmprojekte und den offenen Dialog über kontroverse Themen.

Hier geht’s zum Interview …