Serie: Gründerpreisträger
14. August 2021 6:05  Uhr

Wuidi rettet Wildtieren das Leben

2018 wurde die Wildwarnapp Wuidi mit dem allerersten Gründerpreis der Wirtschaftszeitung ausgezeichnet. Heute nutzen die Anwendung Autofahrer im ganzen deutschsprachigen Raum.

Jozo Lagetar, Vollblutinformatiker und einer der drei Gründer von Wuidi, hat die künstliche Intelligenz für den Wildwarner programmiert. | Foto: Andreas Raun

Von Maria Stich

SALLACH. Über 80.000-mal kracht es auf bayerischen Straßen pro Jahr, weil ein Auto mit einem Wildtier zusammenstößt. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Rehe. Für die Fahrer sitzt nach einem Wildunfall der Schock tief, für die Tiere endet er meist tödlich, ist aber in jedem Fall mit viel Leid verbunden. Nachdem die damaligen Studenten Alfons Weinzierl und Alexander Böckl 2014 selbst in so einen Unfall geraten waren, kam ihnen die Idee für eine App, die das Unfallrisiko senken soll. Sie holten den Entwickler Jozo Lagetar aus Sallach bei Geiselhöring mit ins Boot und entwickelten den Wildwarner Wuidi.

Die App hat zwei grundlegende Funktionen: Zum einen warnt sie Autofahrer vor möglichen Gefahrenstellen. Zum anderen ist es über sie ganz einfach möglich, den zuständigen Jäger und die Polizei zu kontaktieren, falls es doch einmal zu einem Zusammenstoß kommt. 2016 gründeten die drei ihre GmbH, 2018 wurden sie mit dem allerersten Gründerpreis der Wirtschaftszeitung ausgezeichnet. Damals nutzten bereits etwa 70.000 Menschen Wuidi. Heute, nur wenige Jahre später, ist das Team hinter der App zwar geschrumpft, doch die Nutzerzahlen haben sich vervielfacht.

Auf der Jagd nach den besten Daten

Dabei lief in den ersten Jahren längst nicht alles reibungslos. „In manchen Regionen hatten wir viele Daten und haben oft gewarnt, in anderen hatten wir wenige Daten und haben gar nicht gewarnt. Das gab teils heftige Kritik“, erinnert sich Lagetar. Nach und nach habe sich das Selbstverständnis der Gründer dadurch gewandelt – weg von einem reinen Portal, in das Nutzer ihnen bekannte Gefahrenpunkte eintragen können, hin zu einer möglichst verlässlichen Warnapp mit flächendeckend hoher Qualität.

Über ein vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur gefördertes Projekt und in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Deggendorf sowie Wildtierbiologen der Universität Freiburg bauten sie zu diesem Zweck eine künstliche Intelligenz. Die Wildtierbiologen haben Rehe mit Sonden versehen und über drei Jahre hinweg ihre Bewegungsmuster aufgezeichnet. „Dadurch fanden sie heraus, dass Rehfamilien ihre festen Regionen haben, durch die sie ziehen, und dass das über Generationen hinweg vererbt wird“, sagt Lagetar.

Schon seit 2017 deutschlandweit nutzbar

Mit diesen Erkenntnissen sowie Daten zu Wildunfällen in Bayern und einer Reihe an anderen Informationen – Verkehrshäufigkeit, Landbebauung, Beschilderungen, Baustellen – fütterten sie ihren Algorithmus: „So konnten wir auch für Regionen, für die wir gar keine Daten zur Wildunfallsvergangenheit hatten, Hotspots ermitteln.“ Bereits Ende 2017 war die App im gesamten deutschsprachigen Raum nutzbar, die Daten wurden seitdem laufend aktualisiert und verbessert.

Wie erfolgreich die App in dem ist, was sie verspricht – Wildunfälle zu verhindern –, lässt sich schwer sagen. „Wir können ein Ereignis, das nicht stattgefunden hat, logischerweise nicht messen“, bestätigt auch Lagetar. Eine Nutzerumfrage hätte allerdings einige aufschlussreiche Ergebnisse gebracht: 75 Prozent der Nutzer haben demnach schon mindestens einmal ein Wildtier gesehen, nachdem sie von der App gewarnt wurden. Bei über 50 Prozent trat dieses Ereignis zwei- bis fünfmal auf, bei fast einem Viertel sogar sechsmal oder noch öfter. „Das ist für uns die signifikanteste Kennzahl: Wir warnen und man sieht tatsächlich ein Wildtier. Das ist das einzige, was wir statistisch korrekt nachweisen können.“

Über den Anbieter POI-Base können Autofahrer Gefahrenstellen für das Navi herunterladen. Foto: Wuidi GmbH

Hessen setzt auf den bayerischen Wildwarner

Nicht nur die Qualität der Daten, auch das ursprüngliche Geschäftsmodell rief bei Nutzern, speziell bei den Jägern, anfangs viel Unmut hervor. „Uns wurde oft vorgeworfen, dass die Jäger, die uns Daten zur Verfügung stellen und auf die wir angewiesen sind, auch noch für unseren Service zahlen müssen“, erklärt Lagetar. Jetzt ist das gesamte Angebot für Jäger kostenlos, Gewinn macht Wuidi nur durch den Verkauf der Daten an Drittanbieter. „Für die Autofahrer ist unsere App aber schon immer kostenfrei und soll es auch bleiben.“

Den bisher größten Zuwachs an Nutzern hatte Wuidi im Oktober 2020, als der Wildwarner in die App Hessenwarn integriert wurde, die von 1,2 Millionen Menschen genutzt wird. „Wenn ein anderes Innenministerium ebenfalls eine Wildwarnfunktion für die jeweils landeseigene Warnapp einführen will, werden wir dort automatisch auch reinrutschen“, verrät Lagetar. Neben staatlichen Kunden arbeitet Wuidi auch mit der Autobranche zusammen, unter anderem mit einem Datendienstleister, der sogenannte Points of Interests für Navigationsgeräte pflegt. Eigentlich hat sich daraus auch ein weiteres Projekt mit einem größeren Automobilzulieferer ergeben – doch wegen Corona wurde es bis auf Weiteres auf Eis gelegt.

Während der Pandemie hat sich auch hinter den Kulissen des Wildwarners einiges verändert: Lagetars Mitgründer Alfons Weinzierl und Alexander Böckl arbeiten inzwischen beide in Vollzeit an der TH Deggendorf und beraten Studierende, die selbst gründen wollen. Im April hat Lagetar, der seit 20 Jahren als selbstständiger Informatiker für unterschiedliche Projekte arbeitet, die Marke Wuidi und die dazugehörige Software übernommen – mit seiner eigenen Firma Lagetar Solutions. „Wir haben die Anwendung aber so weit automatisiert, dass der Aufwand für mich inzwischen sehr gering ist. Pro Woche stecke ich nur noch ein paar Stunden Arbeit in Wuidi; die meisten entfallen dabei auf Gespräche mit möglichen neuen Kooperationspartnern.“

Ausgezeichneter Gründergeist

Gründerpreis für Unternehmermut

Die Wildwarnapp Wuidi wurde mit dem allerersten Gründerpreis der Wirtschaftszeitung geehrt – mit dem Gründerpreis 2017, der 2018 im Rahmen einer großen Gala im Cinemaxx verliehen wurde. Weitere Informationen über den Preis und die Teilnahmebedingungen finden sich hier …