Interview
30. September 2020 6:00  Uhr

Zu komplex für absolute Wahrheiten

Prof. Dr. Claus Hellerbrand, Professor an der FAU Erlangen-Nürnberg, spricht heute im Businessclub über „Fakten statt Fiction zu Covid-19“. Im Interview erklärt er, warum gerade die einfachen Wahrheiten meistens falsch sind.

Prof. Dr. Claus Hellerbrand, Professor für Biochemie und molekulare Pathobiologie | Foto: FAU – Georg Pöhlein

Von Mechtild Nitzsche

Herr Professor Hellerbrand, Sie selbst sind ja kein Virologe, sondern Professor für Biochemie und molekulare Pathobiologie an der Friedrich-Alexander-Universität. Womit beschäftigen Sie sich und wo berührt Ihre Tätigkeit das Thema Corona?

Prof. Dr. Claus Hellerbrand: Ja das stimmt, ich bin Facharzt für Innere Medizin und beschäftige mich in der Forschung vor allem mit Tumor- und Lebererkrankungen. Doch auch hier spielen Viren eine Rolle, und in meiner Lehrtätigkeit vermittle ich den Medizinstudenten allgemeine Grundlagen zu Viren und zur Abwehr von Viren durch das Immunsystem. Zu meinem Vortrag zu „Fakten statt Fiction zu Covid-19“ hat mich vor allem bewegt, dass es mich ärgert, wenn – in meinem engeren Forschungsgebiet, aber auch generell – über wissenschaftliche Halb- oder Unwahrheiten berichtet wird. Und hier liegt derzeit gerade einiges im Argen. Für Corona gilt wie generell in der Wissenschaft: Wir lernen jeden Tag dazu, doch auch das vorhandene Wissen reicht bereits, um einige Dinge klarzustellen beziehungsweise richtig einzuordnen.

Sie nennen Ihren Vortrag „Fakten statt Fiction“: Wie lässt sich für Nichtmediziner das eine vom anderen unterscheiden? Kann der „gesunde Menschenverstand“ schon hilfreich sein – oder gar gefährlich?

Gerade hier will ich ansetzen: Der gesunde Menschenverstand ist sehr wichtig. Das aktuelle Sars-CoV-2-Virus ist eine für unsere Zeit nicht vorstellbare Bedrohung. Auch wenn die Pandemie nun schon über ein halbes Jahr anhält, lernt die Wissenschaft jeden Tag neu dazu. Trotzdem handelt es sich auch hier um Viren, also um Erkrankungserreger, die wir seit Langem kennen – und so können Mediziner wie Nichtmediziner auch Rückschlüsse aus der Erfahrung mit anderen Viruserkrankungen ziehen.

Welche zum Beispiel?

Jeder weiß aus Erfahrung, dass sich Verlauf und Schwere einer Erkrankung stark unterscheiden können. Warum sollte das bei Corona anders sein? Wenn also von absoluten Wahrheiten die Rede ist, etwa dass eine bestimmte Personengruppe nicht oder nie schwer erkrankt, kann das doch nicht stimmen. Natürlich wissen wir zum Beispiel, dass Kinder weniger häufig schwer erkranken, an Covid-19 wie auch an vielen anderen Infektionserkrankungen. Aber es gibt auch in jüngeren Patientengruppen solche, die schwer erkranken, an Covid-19 versterben oder bleibende Schäden behalten. Das Risiko ist geringer, aber vorhanden. Andere Aussagen sind nicht nur Fiktion, sondern schlichtweg falsch und gefährlich. Die Übertragung von Viren hängt von vielen Faktoren ab. Deshalb sollten alle Alarmglocken läuten, wenn irgendwelche absoluten Aussagen getroffen werden, etwa dass Covid-19 nicht durch Schmierinfektion übertragen wird, oder dass bei Einhaltung eines Mindestabstandes auch in geschlossenen Räumen kein Infektionsrisiko besteht.

Allerdings argumentieren gerade Zweifler gern mit dem „gesunden Menschenverstand“, etwa, wenn sie die Größe des Virus mit der Gewebedichte der Atemmasken in Relation setzen – und damit „beweisen“, dass diese gar nicht schützen können.

Ja, dieses Beispiel zeigt, wie falsch verstandener „gesunder Menschenverstand“ auch schädlich sein kann: Denn Teil des gesunden Menschenverstands ist, dass man sich selbst nicht überschätzt, und die Sache ist hier eben ein bisschen komplexer: Neben dem Durchmesser der Stoffporen ist zum Beispiel auch die Dicke des Stoffes für die Filterwirkung von Bedeutung. In den Größendimensionen des Virus ist der Weg durchs Gewebe einer Maske ein kilometerlanger Gang, wo es bildlich gesprochen überall anstoßen, sich anheften und damit abgefangen werden kann.

Welche Hauptgefahr geht für Sie von der Corona-„Fiktion“ aus?

Was ich mit Sorge verfolge ist, dass Aussagen von Wissenschaftlern aus dem Kontext gerissen werden oder versucht wird, sie sogar gegeneinander auszuspielen. Ein Paradebeispiel lieferte die „Bild“, als sie im August titelte: „Das Virus wird schwächer“. Als scheinbarer Beleg wurde der Essener Virologe Ulf Dittmer mit den Worten zitiert: „Es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass sich das Virus bereits abschwächt. Und es könnte auch sein, dass das Virus im Zuge der Veränderungen irgendwann nur noch eine Erkältung oder einen Schnupfen auslöst.“ Auf Nachfrage von „FOCUS Online“ erklärte Dittmer, seine Zitate seien extrem verkürzt worden: „Ich habe gesagt, dass wir Veränderungen von anderen Viren, die zur Abschwächung einer Erkrankung geführt haben, schon gesehen haben. Ob das auch bei Sars-CoV-2 passiert oder passieren wird, wissen wir noch nicht.“ Ähnliches haben wir bei der Konstruktion des angeblichen Streits zwischen Drosten und Streeck gesehen.

Kritische Nachfragen und der Diskurs sind die Basis von Wissenschaft und Forschung. Sie sind auch notwendig, um neue Daten, die gerade vielfältig erhoben werden, richtig einzuordnen.

Den wissenschaftlichen „Streit“ muss man als Nichtmediziner also „aushalten“?

Ja, aber Streit wirklich in Anführungszeichen. Kritische Nachfragen und der Diskurs sind die Basis von Wissenschaft und Forschung. Sie sind auch notwendig, um neue Daten, die gerade vielfältig erhoben werden, richtig einzuordnen. Und dass es unterschiedliche Positionen gibt und geben muss, liegt an der Fülle der Fachbereiche, die einzubeziehen sind, um das große Problemfeld Corona abzudecken. Denn das ist ja hochkomplex und reicht von der Identifikation des Virus selbst über die Entwicklung von Testverfahren, die medizinische Behandlung, die Eindämmung der Infektionen bis hin zur Impfstoffentwicklung – und zu der Entscheidung, welche Schutzmaßnahmen zu treffen sind. Dazu braucht man die Expertise und den Diskurs von Virologen, Epidemiologen, Infektiologen, Statistikern, Pharmakologen ebenso wie von Wirtschaftsexperten, Psychologen, Soziologen und Politikern. Und die Liste ließe sich noch lange fortführen.

Corona ist ein Dauerbrenner, doch seine Medienpräsenz verwirrt auch. Wie orientiert man sich im Mediendschungel zwischen wahr und falsch? Was raten Sie denen, die sich informieren wollen – welche Quellen, welche Strategie?

Die Homepage des Robert-Koch-Instituts. Und für alle, die gerne Podcasts mögen, ist auch das „Corona-Update“ mit Christian Drosten eine gute Sache. Dieses Format hat viel für die Information der breiten Masse geleistet, und das fachlich wie bei der Vermittlung auf hohem Niveau. Drosten ist nicht nur in Deutschland, sondern weltweit einer der führenden Coronaexperten. Besonders schätze ich an ihm, dass er auch seine eigenen Aussagen kritisch hinterfragt und gegebenenfalls revidiert. Dagegen sollte man sich vor Autoren oder Medien hüten, die glauben, die eine, absolute Weisheit zu verkünden. Doch das trifft nicht nur für Corona zu, sondern für alle Bereiche der medizinischen Forschung.

Zuletzt noch Fazit und Ausblick: Was hat Corona grundlegend verändert, und wie soll und wird es weitergehen?

Neben allem Negativen gibt es auch etwas Positives festzustellen: In der Pandemie ist der Wert der Forschung und medizinischen Versorgung deutlich geworden. Und es sind auch auf allen Ebenen mutige und schnelle Entscheidungen getroffen worden. Was die Zukunft angeht: Wie alle hoffe ich, dass möglichst bald ein Impfstoff zur Verfügung steht. Spätestens dann, aber beginnend auch schon jetzt, sollte man sich überlegen, welche Lehren aus der Pandemie zu ziehen sind. Wir sollten dringend Einsparungen im Gesundheitswesen kritisch hinterfragen, uns ernsthafter mit dem Vorhalten von Ressourcen an Medikamenten und Schutzkleidung beschäftigen, wie auch mit hinreichenden Kapazitäten, um jene im eigenen Land zu produzieren. Es gab auch schon in der jüngeren Vergangenheit gefährliche Viruserkrankungen, die sich wahrscheinlich nur durch Glück nicht bis Europa ausgebreitet hatten. Ich hoffe, dass es für sehr lange Zeit nicht wieder zu einer vergleichbaren Pandemie kommt. Wir sollten aber alles dafür tun, darauf so gut wie möglich vorbereitet zu sein.

Claus Hellerbrand

Prof. Dr. med. Claus Hellerbrand ist Professor für Biochemie und molekulare Pathologie an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg. Er ist ein „echter“ Regensburger, ging dort zur Schule und studierte auch zunächst in Regensburg und dann in München Humanmedizin. Nach einem dreijährigen Forschungsaufenthalt in den USA an der University of North Carolina absolvierte er am Universitätsklinikum Regensburg (UKR) seine Facharztausbildung zum Internisten. Von 2010 bis 2016 war er Professor für Experimentelle Hepatologie am UKR, ehe er nach Erlangen an das Institut für Biochemie wechselte.