Energiewende
4. August 2021 5:50  Uhr

Wegweisend: Kelheim setzt auf Wasserstoff

Weg von fossilen Brennstoffen: In den nächsten Jahren soll mit Donau H2UB in der Stadt an der Donau ein ambitioniertes Projekt entstehen, das die Energiewende entscheidend vorantreiben könnte.

Auf dem ehemaligen Areal der Süd-Chemie, dort, wo lange Jahre Schwefelsäure hergestellt wurde, soll ein Wasserstoffzentrum entstehen. | Foto: Hermann Meier

Von Lucia Pirkl

KELHEIM. Ein Transportschiff zuckelt gemütlich am Wasser entlang. Sein Ausstoß ist klimaneutral. Die schöne Natur drum herum nimmt keinen Schaden. Noch ist das Zukunftsmusik, aber in Kelheim will man mit einem ehrgeizigen Projekt die Energiewende vorantreiben. Schockierende Bilder in den Nachrichten zeigen, wie vulnerabel unser Ökosystem ist. Die Stoßrichtung ist klar: Man muss weg von fossilen Brennstoffen, die die Umwelt belasten. Mit der Nationalen Wasserstoffstrategie will der Bund den Brennstoff, der die Zukunft bewegen könnte, weiter befeuern. Und nun will man auch in Kelheim diesen Weg in Richtung Zukunft mitgestalten.

Neue Zeitrechnung in Sachen Energie

Auf dem Gelände der ehemaligen Süd-Chemie soll Donau H2UB entstehen, ein Wasserstoffkonzept für die Region und darüber hinaus. Das englische Wort „Hub“, Dreh- und Angelpunkt, stehe dafür, dass von Kelheim aus eine neue Zeitrechnung in Sachen klimaneutrale Energie eingeläutet werden soll, erklärte Bürgermeister Christian Schweiger, Ideengeber des Projekts, bei einer Pressekonferenz. Kelheim sei als etablierter Chemiestandort und dank seiner geografischen Lage am Mündungsbereich des Rhein-Main-Kanals in die Donau prädestiniert für so ein Projekt.

Wasserstoff lässt sich prima speichern, beispielsweise über Pipelines oder per Schiff transportieren und er verbrennt ohne CO2-Ausstoß. Er enthält mehr Energie als Diesel oder Benzin. Allein: Der meiste Wasserstoff wird derzeit noch mit hohen Treibgasemissionen aus Erdgas hergestellt, nennt sich dann grauer Wasserstoff. Soll die Energiewende gelingen, braucht man aber den sogenannten grünen Wasserstoff, hergestellt aus regenerativen Energien. Und hier setzt das Projekt in Kelheim an.

Von grau zu grün: Multikonversion als Schlüssel

Der Schlüssel ist die Multikonversion, das heißt die vielfältige Umwandlung organischer Reststoffe in Wasserstoff und deren Derivate. Wasserstoff lässt sich nämlich nicht nur durch Elektrolyse unter Verwendung regenerativer Energiequellen, sondern auch aus Klärschlamm, Gülle oder Biogas gewinnen. Deshalb baut hier die Firma Bavaria Hydro eine Biogasanlage, in der aus organischen Abfällen, zum Beispiel Klärschlamm oder Gülle, über Biogas Wasserstoff hergestellt wird. Parallel dazu soll angeliefertes Biogas verwertet werden. Der gewonnene Wasserstoff wird idealerweise lokal verwendet, zum Beispiel in der Schifffahrt oder dem Schwerlastverkehr. Zum nachhaltigen Gedanken passt auch das zweite Projekt, das auf dem Areal entstehen soll: Die Firma Ecomet Urban Mining will aus Elektronikabfall wertvolle Rohstoffe, wie zum Beispiel leitende Metalle, rückgewinnen. Ecomet Urban Mining trennt Metall, Glas und Kunststoffe und führt diese in den Wirtschaftskreislauf zurück.

Das Projekt verläuft in drei Phasen und beginnt mit der Produktion von Biogas und der Verbindung zur Kläranlage in Kelheim. Der Produktionsstart im dritten oder vierten Quartal 2022 soll bis zu 80 Arbeitsplätze schaffen. Das Recyclingprojekt startet etwa in zwei Jahren.

Drehscheibe für bayerische Wasserstoffinfrastruktur

Weil der in Kelheim hergestellte Wasserstoff nicht ausreichen wird, wird in einer weiteren Phase Wasserstoff aus Ungarn oder der Ukraine angeliefert, wo er mithilfe von Solar- oder Windenergie hergestellt wird. Dass es sich dabei wirklich um grünen Wasserstoff handelt, sollen wiederum Kooperationspartner sicherstellen, die die Produktionsstätten vor Ort mit aufbauen, aber auch unabhängige Zertifizierungen. In Phase drei, deren Zeitpunkt jetzt noch nicht genau absehbar ist, ist Kelheim dann Wasserstoffhauptstadt und Drehscheibe für die bayerische Wasserstoffinfrastruktur. Mit Bedacht hätte man einen frühen Zeitpunkt zur Vorstellung des Projekts gewählt, um möglichst viele regionale Akteure mit ins Boot holen zu können, so Schweiger.

Begleitet wird das Ganze von der Universität Augsburg. Eingebunden ins Projekt ist auch Dr. Ing. Hans-Peter Rabl, Professor für Fahrzeugtechnik und Verbrennungsmotoren an der OTH Regensburg, der sich unter anderem auch mit Wasserstoffanwendungen im Transportsektor befasst.