Veranstaltung
11.09.2019

„Angewiesen auf das, was andere wissen“

Der bekannte Zukunfsforscher Erik Händeler referierte im Wirtschaftszeitung Businessclub

Bildunterschrift: Erik Händeler blickte optimistisch in die Zukunft. Foto: Stefan Hanke

Von Robert Torunsky

Regensburg. Über 100 Mitglieder und Gäste des Wirtschaftszeitung Businessclubs waren in die Continental Arena gekommen, um sich von Bestsellerautor Erik Händeler “Die Geschichte der Zukunft” erzählen zu lassen. Die sei laut dem bekannten Zukunftsforscher zwar offen, dennoch gebe es Dinge, die bereits heute ziemlich sicher seien, etwa dass neue Märkte, Infrastruktur und Arbeitsmethoden sowie Innovationen aus ökonomischer Knappheit entstünden. Das sei in der Historie schon öfters der Fall gewesen, wie Händeler anschaulich und sehr unterhaltsam mithilfe der Kondratjewtheorie der langen Strukturzyklen erklärte. “An der Knappheit entsteht die Zukunft.” Das sei historisch bei der Eisenbahn, der Elektrizität, dem Auto und dem Computer so gewesen. “Jede Generation arbeitet immer mit einem bestimmten Mix an Werkzeugen und Kompetenzen.” Diese Produktionsfaktoren würden nicht gleichmäßig mit der gesamten Volkswirtschaft mitwachsen, deshalb änderten sich die relativen Faktorkosten. Irgendwann würde ein Produktionsfaktor dann zu knapp und teuer, sodass es sich nicht mehr lohne, zu investieren. “Und dann wird es ungemütlich, dann gibt es eine Wirtschaftskrise”, sagte Händeler. Der wichtigste Flaschenhals ist für ihn gesamtwirtschaftlich aktuell nicht der Bereich Energie und Umwelt. “Ich bin diesbezüglich sehr optimistisch. Wir werden beispielsweise Fenster haben, die Strom erzeugen können, und wandeln Klärschlamm in Kohle um.”
Wenn man einen Mittelständler frage, welche Probleme er denn hätte, dann würden nicht Energiekosten, sondern der Fachkräftemangel und die steigenden Lohnnebenkosten genannt, die durch einen Mangel an Gesundheit sich entsprechend entwickeln würden. Dieser Mangel werde laut Händeler die Gesellschaft zu Veränderungen zwingen: “Weil die Welt so komplex geworden ist, waren wir historisch gesehen noch nie so angewiesen auf das, was andere können oder wissen.” Die systemische Produktivität werde deshalb viel wichtiger als die Einzelleistung: “Drei Mittelmäßige, die gut zusammenarbeiten, sind bedeutend produktiver als der Super-Crack. Die Knappheit, die heute den Veränderungsdruck erzeugt, liegt also in der Arbeitskultur, in der Fähigkeit, mit Wissen zwischen Menschen produktiv zu arbeiten”, sagte Händeler. Hier bräuchte es einen Wandel, sowohl in fachlichem als auch in disziplinarischem Sinne. Befehl und Gehorsam funktionierten nicht mehr, denn Gedankenarbeit könne nicht befohlen werden. Heutzutage müssten sich vom Chef bis zur Fachkraft alle hinterfragen lassen, um produktiver zu werden.
Dennoch brauche es in den Unternehmen eine klare Verantwortlichkeit, ja sogar mehr Chef denn je. “Aber eben weniger auf der fachlichen Ebene, sondern eher in der Funktion des Konfliktentscheiders. Er sorgt dafür, dass Leute mit guten Ideen nicht nach zwei Sätzen von Neidern, Blendern und Wadlbeißern gestört werden”, erklärt Händeler. Im Unternehmen müsse ein Klima herrschen, wo auch die schrägsten Meinungen geäußert werden könnten. Eine am Eigennutz orientierte Denkweise wie der Werbeslogan “Unterm Strich zähle ich” sei kontraproduktiv, denn: “Ökonomischer Wettbewerb wird durch die Kultur der Zusammenarbeit entschieden”. Diese sei der künftige Wohlstandsgarant.
Auf die Frage nach der nächsten Knappheit nach der Gesundheit und hier speziell der seelischen Gesundheit hatte Händeler zum Abschluss keine Prognose parat. Der Zukunftsforscher meinte aber mit Blick auf Kondratjew: “An der seelischen Gesundheit haben wir ohnehin die nächsten 50 Jahre zu arbeiten.”