Business Stream
26.05.2021 | Beginn 19 Uhr

Schmerz als positiver Schutzmechanismus

Physiotherapeut, Heilpraktiker für Physiotherapie und Personal Trainer Sebastian Stäbler referierte in seinem Vortrag „Das wussten Sie noch nicht über Schmerzen – so bleiben Sie in Bewegung!“ über die Ursachen von Schmerzen und wie man ihnen nachhaltig entgegenwirken kann.

Gesundheitsexperte Sebastian Stäbler (re.), Inhaber der Physiotherapiepraxen Physioworld Regensburg und der PT Lounge, sprach am 26. Mai im Businessclub. | Fotos: PT Lounge

Von Robert Torunsky

Herr Stäbler, wie hat sich die Behandlung von Schmerzen in den vergangenen Jahren entwickelt?

Sebastian Stäbler: Grundsätzlich hat sich die Behandlung stark gewandelt. Früher ist man sehr strukturell vorgegangen, da man davon ausgegangen ist, dass der Schmerz an einer bestimmten Position des Körpers ist. Mittlerweile hat die Schmerzforschung aber nachgewiesen, dass Schmerz in der Regel multifaktorelle Ursachen hat und deshalb die Behandlung entsprechend komplex ist.

Sie haben verschiedene Einflussfaktoren angesprochen. Welche sind dies konkret?

Man spricht von bio-psycho-sozialen Prozessen: Neben strukturellen, also körperbedingte Einflussfaktoren spielen auch die Psyche des Menschen und auch die soziale Komponente entscheidende Rollen. Die Corona-Beschränkungen rufen bei vielen Menschen Schmerzen hervor, da sie sozial isoliert werden – unabhängig von der Psyche, das sind zwei unterschiedliche Punkte. Ein Meniskusriss ist ein strukturelles Problem, aber man muss immer überprüfen, warum die Verletzung passiert ist. Der menschliche Bewegungsapparat ist sehr stabil und sehr stark, ein regelrechtes Wunderwerk der Natur, der enorme Selbstheilungskräfte besitzt. Deren Wirkung wird aber beispielsweise durch Angst gehemmt. Zur Aufgabe von Physiotherapeuten und Heilpraktikern gehört demnach neben der Behandlung auch die Aufklärung des Patienten, was das eigentliche Problem ist und woher es rührt, damit es an der Wurzel gepackt werden kann.

Warum beginnen viele Menschen mit der Schmerzbekämpfung erst sehr spät?

Schmerz wird immer als etwas Negatives gesehen, aber das ist er eigentlich ja nicht, sondern vielmehr ein Warnzeichen des Körpers, der uns vor Schlimmerem beschützen will. Bei speziellen Genkrankheiten, Demenz oder Diabetes funktionieren die Schmerz- und Gefahrrezeptoren des Körpers nicht wie bei gesunden Menschen. Hier fehlt der Schutzmechanismus Schmerz, aber man muss diese Signale eben auch wahrnehmen und entsprechend handeln. Leider ist es bei Schmerz ähnlich wie auch bei anderen Herausforderungen: Der Mensch reagiert häufig erst dann, wenn ein Problem bereits in einem fortgeschrittenen Stadium ist. Es liegt wohl in unserer Natur, einen gewissen Leidensdruck zu benötigen, um etwas zu tun.

Vielfach wird dann versucht, die Schmerzen auszusitzen und auf Linderung zu hoffen. Ist das die richtige Strategie?

Nein, denn es heißt ja auch Bewegungs- und nicht Rumsitzapparat. Ein Sprichwort das hier sehr gut passt ist: „Die Dosis macht das Gift“. Es gibt ganz wenige Problemstellungen oder Verletzungen, bei denen ich einem Patienten raten würde, nichts zu machen. Ein Knochenbruch braucht zwar seine Zeit zum Ausheilen, aber selbst diese Verletzung erfordert eine angepasste Behandlung. Bei Rückenschmerzen müssen angepasste Bewegungen gefunden und langsam gesteigert werden. Man spricht hier auch vom „Toblerone-Heilungsverlauf“, da das Ganze ein Auf und Ab wie der bekannten gezackten Schweizer Schokolade ist. Den Menschen muss bewusst sein, dass es manchmal einfach ein bisschen schmerzhafter ist beziehungsweise einfach gewisse Rückschläge gibt. Das ist ganz normal und keine Katastrophe. Sollte der Patient allerdings jeden Tag Schmerzen haben, dann liegt es oft daran, dass er sich überbelastet. Gartenarbeit im Frühjahr ist ein typisches Beispiel aber natürlich auch einfach Sport etc.

Inwiefern?

Wenn die Leute nach ihren Tätigkeiten gefragt werden, was sie den gemacht hätten, dann sagen sie: „Nichts, nur acht Stunden im Garten gearbeitet.“ An diese Belastung ist der Organismus aber erstmal nicht gewöhnt und er muss sich erstmal anpassen. Entscheidend für die Schmerzvermeidung ist eine gezielte und geführte Belastung, die sogenannte „Graded Activity“.

Welche Themenbereiche behandelt ihr Business-Stream-Vortrag „Das wussten sie noch nicht über Schmerzen – so bleiben Sie in Bewegung!“ im Businessclub am 26. Mai?

Ich möchte den Businessclub-Mitgliedern unter anderem vermitteln, dass es wichtig ist zu erkennen, dass man nicht einfach zum Physiotherapeuten geht, sich hinlegt und so das Problem gelöst wird. Er muss selbst Verantwortung übernehmen, aktiv dabei sein. Eigenverantwortung und Selbstreflexion sind wichtige Bestandteile, um zu analysieren, was man falsch gemacht hat oder besser machen kann. Viele gehen einfach von einem strukturellen und lokalen Problem aus und wissen nicht, dass die Ursachen multifaktorell sind. Das möchte ich mit meinem Vortrag gerne ändern und ihnen am Ende durch unseren Personal Trainer Andreas Richter auch einige Aktivierungsübungen mit auf den Weg geben, die ein erster Ansatz für ein Leben mit weniger Schmerzen sind.

Die Pandemie hat gezeigt, dass Gesundheit das Wichtigste im Leben ist.

Das ist auch ein ganz wichtiger Punkt des Vortrags. Man hat nur diese eine Gesundheit und mehrere wissenschaftliche Studien kamen zu dem eindeutigen Ergebnis, dass durch entsprechendes Training nicht nur der Körper, sondern gleichzeitig auch das Immunsystem gestärkt wird. Dass man nur diese eine Gesundheit hat, weiß jeder, aber die Wertschätzung fällt trotzdem häufig wesentlich geringer aus als bei Luxusgütern. Aber die Einsicht kommt immer mehr und ich hoffe, zu dieser positiven Entwicklung etwas beitragen zu können.

Zur Person:

Sebastian Stäbler verfügt über mehr als 20-jährige Erfahrung im Gesundheitsbereich. Der Physiotherapeut, Heilpraktiker für Physiotherapie und Personal Trainer ist Inhaber der Physiotherapiepraxen Physioworld Regensburg. Mit der Eröffnung der PT Lounge ging der Familienvater Ende 2020 neue Wege: PT steht dabei für Physiotherapie und Personal Training und kombiniert beide Bereiche in einer neuen Form.

LIVESTREAM VIA ZOOM