Nominiert für den Gründerpreis 2020
23. April 2021 5:55  Uhr

Hohe Flexibilität und Ideenreichtum

Die jungen Unternehmen aus Ostbayern, die sich im vergangenen Jahr um den Gründerpreis beworben haben, wagen sich allesamt mit ihren Geschäftsideen auf Neuland. Die aus Sicht der Jury vielversprechendsten haben es ins Finale des Wettbewerbes geschafft.

Bühne für die Keimzellen wirtschaftlichen Wachstums: Der Gründerpreis präsentiert auch in der vierten Auflage spannende neue Geschäftsideen. | Grafik: Irene Daxer

Von Thorsten Retta und Julia Kellner

REGENSBURG. „Gründer und Start-ups zeichnen sich durch hohe Flexibilität und Ideenreichtum aus. Sie hinterfragen etablierte Strukturen und wagen sich eher auf unbekanntes Terrain“, sagt Alexander Rupprecht, Geschäftsführer der Techbase-Betreibergesellschaft R-Tech. Mit dieser Charakterisierung beschreibt er das Bewerberfeld des Gründerpreises der Wirtschaftszeitung ausgezeichnet. Die jungen Unternehmen aus Ostbayern, die sich im vergangenen Jahr um den Preis beworben haben, wagen sich allesamt mit ihren Geschäftsideen auf Neuland. Die aus Sicht der Jury vielversprechendsten haben es ins Finale des Wettbewerbes geschafft.

Mit dem Wettbewerb möchten wir auch dem persönlichen Engagement der Gründer selbst Rechnung tragen, die ein persönliches Risiko eingehen, von dem, setzt sich die Idee durch, später Mitarbeiter wie auch der gesamte Standort der Unternehmung profitieren. Gründungen als Keimzelle wirtschaftlichen Wachstums sollen dadurch auch eine entsprechende Bühne bekommen, die besonders in der Frühphase des unternehmerischen Handelns von großer Bedeutung ist. „Gerade in Coronazeiten braucht es Unternehmen, die gute Ideen, interessante Strategien und erfolgreiche Projekte verwirklichen. Hier geht es um Menschen, die nicht nur das Risiko sehen, sondern auch eine Chance“, erklärt Christoph Bräu, Leiter Unternehmerkunden bei der Commerzbank in Regensburg. Dieser Mut sei für die Weiterentwicklung des Wirtschaftsraumes Ostbayern von zentraler Bedeutung. „Der Gründerpreis der Wirtschaftszeitung stellt diese herausragenden Unternehmer vor. Die Commerzbank unterstützt seit 2020 diese Aktion, denn auch wir begleiten Gründer und junge Unternehmer von Anfang an als kompetenter Partner. Dabei stehen neben der Innovationskraft der Unternehmensgründung auch Aspekte wie Kreativität, gesellschaftliche Verantwortung und Umweltbewusstsein im Fokus der Zusammenarbeit. Für viele Unternehmer ist dabei eine Ressourcenschonung von grundsätzlicher Bedeutung. Diese Entwicklung begrüßen wir außerordentlich.“

Drei Finalisten gibt es beim diesjährigen Gründerpreis der Wirtschaftszeitung. Mit ihren Gründungsideen haben sie nicht nur Problemlösungskompetenz bewiesen, sondern auch unternehmerischen Ehrgeiz. Im Folgenden stellen wir Ihnen unsere Finalisten für den Gründerpreis vor.

„Jemand müsste mal …“: Ideenplattform verleiht Innovationen Schwung

„Jemand müsste mal…“ – wie oft gibt es diesen Gedanken doch im Alltag? Dahinter steckt meist ein konkretes Problem oder eine Ineffizienz im Ablauf. „Manchmal gibt es dazu auch eine Lösungsidee, die man aber nicht selbst umsetzen kann oder will“, sagt Christian Preis, Gründer der Ideenplattform „Jemand müsste mal…!“. Viele gute Ansätze schlummerten so in den Köpfen Einzelner oder in Unternehmen – völlig ungenutzt als verlorenes Kapital. „Mit unserer Plattform bieten wir ein sicheres Zuhause für alle Ideen.“ Denn anders als alle bisherigen Ideenplattformen nutze das Regensburger Start-up die Blockchaintechnologie: Sobald eine Idee eingereicht wird, bekommt sie über ein fälschungssicheres Verfahren einen Zeit- und Datumsstempel. „Die Idee behält zudem den Neuheitsschutz und kann weiterhin patentiert werden.“ Laut Preis können Unternehmen über einen geschlossenen Mitgliederbereich auf die Ideen zugreifen und daraus echte Innovationen entwickeln. „Dabei werden der Ideengeber und alle Mitwirkenden am Erfolg beteiligt – die Höhe wird individuell vereinbart.“ Das Einreichen der Idee hingegen sei völlig kostenlos. Weil gerade in kleinen und mittleren Unternehmen eine Innovationsabteilung fehle, sei die Plattform ein Gewinn. Genauso lasse sich das System als internes Ideenmanagementtool nutzen. Dass „Jemand müsste mal…!“ den Markt aufwirbelt, zeigen Preis zufolge auch die vielen Anfragen von erfahrenen Innovationsmanagern, die via Social Media auf das Konzept aufmerksam geworden sind. „Sie schätzen es, dass der Prozess aus dem Blick des Ideengebers gedacht ist.“

 

Christian Preis hat im vergangenen Jahr die Ideenplattform „Jemand müsste mal…!“ gegründet. | Foto: Maria Preis

Labelbird: Ein Herz für junge Designer

Was aus dem Hochschulwettbewerb „5 Euro Business“ entsprungen ist, entwickelt sich zu einem vielversprechenden Geschäftsmodell: Mode aus der Region von Kufstein bis Kiel, die dazu nachhaltig ist, vereint in einem einzigen Onlineshop. „Mit Labelbird folgen wir aus Überzeugung einem Trend: Immer mehr Kunden wollen wissen, woher ihre Kleidung kommt und sichergehen, dass sie unter fairen Bedingungen hergestellt wurde. Gleichzeitig schaffen wir ein Bewusstsein für Slow Fashion, also dem bewussten Konsum“, sagen die Jungunternehmer Corbinian Kempf und Robert Weckerling. Weil Gütesiegel für junge Designer oft zu teuer sind, haben die vier Labelbird-Gesellschafter eigene Nachhaltigkeitskriterien zu Materialien und Produktion definiert. Mit ihren Pop-up-Stores wollen sie zudem das Beste aus zwei Welten verbinden. „Im Ladengeschäft verlinken wir via QR-Codes auf unseren Onlineshop, um die Geschichte der Designer zu erzählen und langfristige Kunden zu gewinnen.“ Dass sie mittlerweile über 65 Modelabels mit mehr als 1300 verschiedenen Produkten in ihrem Shop gelistet haben, habe seine Gründe: Laut Weckerling machen sie junge Designer online und offline sichtbar – und zwar deutschlandweit. „Passend zu unserem Namen wollen wir ihnen das Fliegen beibringen“. Für die Marken selbst entstehen dabei keine Fixkosten, abgerechnet wird auf Provisionsbasis. Künftig bindet Labelbird verschiedene regionale Fachgeschäfte ein. Bestellt werden kann dann per App und mit Click & Collect. „Wir wollen ein regionales Amazon werden“. Dafür sind sie derzeit auf der Suche nach Investoren.

 

Corbinian Kempf, Jakob Liese, Mathias Müller und Robert Weckerling (v. li.) von Labelbird. | Fotos: Thomas Habersetzer

ESy-Labs: Reststoffquellen effizient erschließen

Was recht technisch klingt, ist ein großer Schritt für den Klimaschutz. „Wir nutzen die Technologie der Elektrosynthese, um organische und anorganische Rohstoffe herzustellen, etwa Aromastoffe oder Metalle“, sagt Dr. Tobias Gärtner, Gründer und CEO der Regensburger ESy-Labs GmbH. So können etwa anorganische Reststoffquellen effizient erschlossen werden. Der Clou sei, dass durch dieses Verfahren keine zusätzlichen Oxidations- oder Reduktionsmittel nötig sind. „Unsere Kunden können so Chemikalienabfälle um bis zu 90 Prozent reduzieren.“ Die Produkte, die ESy-Labs entwickelt, werden laut Gärtner in der Lebensmittelindustrie oder in pharmazeutischen und metallverarbeitenden Betrieben genutzt. Elektrosynthese habe sogar das Potenzial, als Regelenergie zu fungieren: Schwankungen bei der Erzeugung von erneuerbaren Energien ließen sich so ausgleichen. Dazu arbeite das Start-up mit dem Zweckverband Müllverwertung Schwandorf zusammen. „Gemeinsam wollen wir den vor Ort produzierten Strom nutzen, um damit Verbrennungsrückstände zu recyceln und Metalle zurückzugewinnen.“ Die Gründer sehen sich als Prozessentwickler, die ihre Kunden in die Lage versetzen, Elektrosynthese selbst durchzuführen. Damit hat ESy-Labs, eine Ausgründung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Fraunhofer Gesellschaft, eine Marktlücke geschlossen. Derzeit entwickelten nur wenige Forschungseinrichtungen Elektrosyntheseprozesse. Kommerzielle Anbieter gebe es keine. „In fünf Jahren kommt kein Chemieunternehmen mehr an unserer Schlüsseltechnologie vorbei.“

 

Die ESy-Labs Gründer Dr. Tobias Gärtner und Prof. Dr. Siegfried R. Waldvogel (v. li.) | Foto: Johannes Seidler