Monatssieger September: BAM GmbH
20. September 2019 13:31  Uhr

Fertigung ganzheitlich gedacht

Die Plattform www.up2parts.com der BAM GmbH ist ein großer Schritt zur intelligenten Fabrik von morgen.

Mehr als 20 Softwarespezialisten haben an der Entwicklung von up2parts gearbeitet.
Mehr als 20 Softwarespezialisten haben an der Entwicklung von up2parts gearbeitet. Foto: Attila Henning

Von Franz Rieger

WEIDEN. Mit der KI-basierten Fertigungsplattform up2parts ist der BAM GmbH in Weiden ein Meilenstein in der industriellen Digitalisierung gelungen. Bekannt ist BAM unter anderem als Spezialist für die Produktion von Prototypen bis hin zu Großserien sowohl aus Metall als auch Kunststoff mit engsten Toleranzen. Neben der klassischen Fertigung arbeitet das Unternehmen an Digitalisierungsprojekten. Dazu zählt das Portal up2parts, das die klassische Fertigung mit den Vorzügen des Internet of Things verbindet: Der Kunde kann in Sekundenschnelle das 3-D-Modell seines Bauteils hochladen, konfigurieren und direkt bestellen. So lassen sich auch individuelle Bauteile ab Losgröße 1 kostengünstig, effizient und umweltschonend produzieren.

Das Team um Geschäftsführer Marco Bauer hat sich ein klares Ziel auf die Fahnen geschrieben: die Vernichtung der 2-D-Zeichnung. Denn so war es bisher: Bauteile werden zwar in einer 3-D-Anwendung konstruiert, die Datenübermittlung erfolgt dann jedoch mithilfe einer 2-D-Zeichnungsableitung als PDF. Auf der Grundlage der 2-D-Zeichnung werden dann Arbeitsplan und Fertigungskosten manuell von einem Mitarbeiter erstellt und kalkuliert. Die Erstellung des NC-Codes erfolgt wiederum auf Grundlage der 3-D-Konstruktion. Durch diese Medienbrüche ist der Prozess fehleranfällig, nicht reproduzierbar und langsam. Die Lösung der BAM GmbH: Mithilfe der KI-basierten geometrischen Bauteilanalyse und -kalkulation können Bauteile einfach online bestellt werden. Was bisher durch menschliche Einschätzung und unnötige Prozesse mehrere Tage dauerte, ist nun in wenigen Sekunden erledigt.

Sekundenschnelle Kalkulation

Über up2parts erhält der Kunde von der zerspanenden über die additive bis hin zur umformenden Fertigung alle Verfahren aus einer Hand. Er lädt einfach die Step-Datei seines individuellen Bauteils im Onlinekonfigurator hoch, der Preis wird sofort angezeigt. Im nächsten Schritt hat der Kunde die Möglichkeit, Zusatzoptionen wie eine Qualitätskontrolle oder auch eine Reinraumverpackung dazuzubuchen. Nachdem das individuelle Bauteil konfiguriert wurde, kann er dieses entweder direkt online bestellen oder sich ein Angebot mit allen relevanten Informationen generieren lassen und zu einem späteren Zeitpunkt ordern.

Die Berechnungsalgorithmen von up2parts konzentrieren sich auf Volumen, Bohrungen und Toleranzen, aber auch auf den einzigen weichen Faktor – den Komplexitätsfaktor. Dieser beinhaltet unter anderem die Fertigungsstrategie. Er wird durch künstliche Intelligenz bewertet und basiert auf dem Datenstand der achtjährigen technischen Expertise im Fertigungsumfeld. Somit können auch komplexe Bauteile, bei denen eine umfassendere Bearbeitung notwendig ist, automatisiert und binnen weniger Sekunden kalkuliert werden. Auch Drittanwender können von dieser Software profitieren, da die künstliche Intelligenz und seine einzelnen Module separat lizenziert und einfach in andere Fertigungsunternehmen und deren individuelle Prozesse integriert werden können. Dafür sind nur wenige Anpassungen notwendig.

Dr.-Ing. Christian Heining und Marco Bauer (v. li.)
 

Dr.-Ing. Christian Heining und Marco Bauer (v. li.) Foto: BAM

„Die Plattform up2parts wurde vollständig mit internen Ressourcen entwickelt, genauso erfolgt auch die Fertigung der online bestellten Bauteile ausschließlich durch unsere eigenen Maschinen und Mitarbeiter“, sagt Marco Bauer. Acht Monate lang haben über 20 Softwarespezialisten an der Entwicklung gearbeitet. Dabei bleibt wie in analogen Zeiten Qualität Trumpf: In den vergangenen Monaten wurden in den Maschinenpark rund 20 Millionen Euro investiert. „Für uns ist wichtig, dass was unser Haus verlässt perfekt ist – auch bei kleinen Stückzahlen durchlaufen die Bestellungen die gleichen Qualitätskontrollen wie andere Bauteile in größeren Serien“, sagt Dr.-Ing. Christian Heining, Bereichsleiter Forschung & Entwicklung.

Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Start-ups nutzen den Service bereits intensiv, doch auch größere Unternehmen testen up2parts. „Wir werden inzwischen auch von den großen Firmen ernst genommen, plötzlich hat man da einen ganz anderen Zugang“, so Dr. Heining weiter.

KI-basierte Wertschöpfung

Aufgrund der Flexibilität und Individualität der Leistungen sprechen die Verantwortlichen der BAM GmbH auch gern von einer Manufaktur. „Wir wollen unseren Kunden einen kompletten KI-basierten, vollautomatisierten Wertschöpfungsprozess bieten – von der Kalkulation bis hin zur hochkomplexen Produktionsplanung. Ab Ende dieses Jahres werden wir die Erkenntnisse auf weitere Fertigungstechnologien übertragen“, beschreibt Marco Bauer seine ehrgeizigen Ziele. Dann wäre er auch seinem Großziel – der Vernichtung der 2-D-Zeichnung – einen großen Schritt näher.