Monatssieger Oktober: Imago Insects
25. Oktober 2019 12:50  Uhr

Leckerer Klimawandelbremser

Der Genuss von Insekten bietet sowohl bei Übergewicht als auch bei der CO-Reduzierung einen Lösungsansatz.

Sven Hochstrat, Gründer von Imago Insects, beißt gern in knackige Insekten. Foto: Thomas Tjiang.

Von Thomas Tjiang

ERLANGEN. Auf den ersten Blick ist das Geschäft von Sven Hochstrat reine Geschmackssache. Sein Unternehmen Imago Insects will mehr Fleisch auf die Esstische der Deutschen und der Europäer bringen. Allerdings nicht von der Rinderweide oder aus dem Schweinestall, sondern aus der Insektenzucht. Das ist für den studierten Ingenieur zwar keine Neuerung, die eine Lücke etwa im Maschinenbau schließt. Hochstrat ist sich aber sicher: „Es ist eine kulturelle Innovation bei Essengewohnheiten.“ Denn seine Produkte bieten bei vielen akuten Problemen der modernen Welt, von Übergewicht bis zum Klimawandel, einen Lösungsansatz.

Die Brände im Regenwald, mit denen auch Platz für Rinderzucht oder Futtermittelanbau geschaffen wird, verdeutlichen die Fehlentwicklung im Lebensmittelmarkt. Bei der Erzeugung von viel und günstigem Fleisch im deutschen Handel spielen nachhaltige Bewirtschaftung und Logistikketten kaum eine Rolle.

Auch wenn veränderte Essgewohnheiten eine langwierige Geschichte sind, liegen für Hochstrat die Vorteile auf der Hand. Bei der Zucht wird quasi kein CO ausgestoßen, gezüchtete Grillen erzeugen 99 Prozent weniger Treibhausgase als Kühe. Außerdem werden für ein Kilo essbare Insekten nur 1,5 Kilo Futtermittel benötigt. Im Vergleich dazu liegt das Verhältnis Futter zu Fleisch bei Rindern bei zehn zu eins, bei Schweinen sechs zu eins und bei Geflügel immerhin noch bei 2,5 zu eins. Auch der Wasserbedarf, im Agrarsektor des globalen Südens häufig ein Mangelprodukt, rangiert bei einem Bruchteil. Hochstrat kennt noch weitere Vorteile, wie etwa minimaler Flächenverbrauch bei der Produktion, schnelles Wachstum oder Zucht ohne Antibiotika. Alles Argumente, bei denen er auf Märkten und im Handel auf offene Ohren stößt. Doch schon wenn er eine frittierte und gewürzte Grille zum Probieren anbietet, schüttelt es viele Neugierige, die dann doch abwinken.

Entomophagie, also der Verzehr von Insekten durch Menschen, scheint nicht zur gelernten Esskultur im Westen zu passen. Dabei könnten die kleinen Krabbler als idealer Fleischersatz punkten. Ihr Proteinanteil, der alle essenziellen Aminosäuren enthält, ist mit gut zwei Dritteln fast dreimal so hoch wie bei Huhn, Rind oder Lachs. Zudem sind Grillen reich an Omega-3-Fettsäuren, Mineralien und Vitamin B12.

Den gelernten Ekel kennt der Imago Insects-Chef selbst. Seine ersten Insekten hat er auf einer Asienreise als „Mutprobe“ gegessen. Ein zunächst enttäuschendes Erlebnis, bis er mal frittierte Mehlwürmer mit etwas Salz und Zucker entdeckte. Heute beißt er bei Insekten beherzt zu, weil der überzeugte Vegetarier aus Tierwohl- und Nachhaltigkeitsgründen seine Ansprüche erfüllt sieht. „Insekten sind das Lebensmittel der Zukunft.“

Sein Grillenmehl bezieht Imago Insects von Zuchtfarmen in Thailand und neuerdings auch aus Spanien. Aktuell gibt es sogar Überlegungen, ob auch in Nordbayern eine eigene Zucht wirtschaftlich wäre. Die Marktchancen stehen nicht schlecht. Der globale Markt wird auf etwa 144 Millionen US-Dollar taxiert, die weiteren Wachstumsraten auf jährlich 45 Prozent geschätzt. Andere Prognosen gehen bis zum Jahr 2030 für den Markt mit essbaren Insekten auf über sieben Milliarden Euro – das wäre mehr als das Sushi-Segment. Von den 2,6 Milliarden Euro des europäischen Marktes will sich Hochstrat einen signifikanten Teil sichern.

Imago Insects startete zunächst in Regensburg und agiert seit letztem Jahr als GmbH von Erlangen aus. Das Unternehmen lässt sein Mehl aus Grillen beispielsweise in Dinkel- oder Knäckebrot, einer Bolognesesoße oder Müsliriegeln beimischen. Es gibt die zerkleinerten Insekten auch für Gemüseburger mit Grillenmehl ohne als Ganzes zum Knabbern mit Paprika- oder Orientalnote.
Über eine Crowdfundingkampagne bei die Plattform Startnext wird aktuell noch Geld eingesammelt. Damit sollen Sportsnacks zu Ende entwickelt und auf den Markt gebracht werden. Außerdem sollen die Mischungen in Bioqualität für Burger und Falafel in größeren Mengen hergestellt werden, um die Lieferfähigkeit für Supermärkte zu sichern. Nach vielen Kontakten zu Endverbrauchern soll nun das Geschäft mit Supermärkten, Einzelhandel, und Gastronomen inklusive etwa Studentenmensen angekurbelt werden. Über einen großen Einzelhändler sei bereits der Einstieg in sechs EU-Länder gelungen.