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4. Juni 2020 11:24  Uhr

Bayernwerk setzt auf Digitalisierungsoffensive

Strom aus erneuerbaren Energiequellen macht die Steuerung von Energieflüssen komplexer. Das Bayernwerk setzt bei der Energieversorgung der Zukunft konsequent auf Digitalisierung.

Eines von vielen Digitalisierungsprojekten: Bayernwerk-Technikvorstand Dr. Egon Westphal wird von einer Software durch alle Arbeitsschritte geführt, die nötig sind, um eine Trafostation ans Netz zu nehmen. | Foto: Bayernwerk AG

REGENSBURG. Eine Trafostation ans Netz zu nehmen, funktioniert bei der Bayernwerk Netz GmbH künftig mit einem digitalen Helfer. Eine Software auf einem Tablet führt die Servicetechniker durch alle Arbeitsschritte. Gleichzeitig protokolliert das Gerät die Einbindung der Station ins Netz und überträgt diese Information in die Systeme des Bayernwerks.

Hinter diesem Szenario steht das Projekt „NEXT.SwitchON“, das das Bayernwerk in Kooperation mit dem Technologiekonzern IBM entwickelt hat. „Diese neue Technologie verschlankt unsere Prozesse ungemein, denn eine händische Übertragung in die Systeme ist nicht mehr nötig“, sagt Reimund Gotzel, Vorstandsvorsitzender des Bayernwerks. Für welche Dimensionen das gilt, wird klar, wenn man den Hintergrund des Großprojekts kennt: Über 6000 intelligente Ortsnetzstationen werden in den kommenden Jahren sukzessive in das Stromnetz des Bayernwerks eingebunden. Ein notwendiger Schritt in Richtung Energiezukunft, denn über die Ortsnetzstationen lassen sich die Netzkapazitäten genau überwachen und regeln.

Intelligentes Netz, um Stromflüsse zu managen

„Das Netz ist schon lange mehr als ein reines Transportmittel für Strom“, erläutert Dr. Egon Westphal, Technikvorstand des Bayernwerks. Denn je mehr Strom aus vielen dezentralen erneuerbaren Quellen ins Netz gespeist wird, desto komplexer wird es, die Energieströme zu steuern. Aktuell vereint das Bayernwerk-Netz rund 300.000 dezentrale Erzeugungsanlagen, über 90.000 Wärmepumpen, rund 75.000 Nachtspeicherheizungen, 1600 Ladepunkte für E-Mobilität und mehr als 12.000 Speichersysteme. Weil Wind und Sonne Energie unregelmäßig liefern und selten dann, wenn am meisten davon benötigt wird, braucht es ein leistungsfähiges Netz mit intelligenter Steuerung: So können Über- und Unterangebote innerhalb von Sekundenbruchteilen ausgeglichen werden, damit die Versorgung stabil bleibt.

Eine von vielen innovativen Lösungen

„SwitchON“ ist nur eine von vielen innovativen Lösungen, die das Bayernwerk gerade entwickelt und in die Praxis bringt. Unter dem Namen NEXT hat das Bayernwerk eine Digitalisierungsoffensive gestartet, um sowohl eigene Prozesse als auch die von Industrie, Gewerbe und Haushalten zu optimieren. „Wir nutzen die Chancen der Digitalisierung, um Arbeitsabläufe und Prozesse effizienter zu machen und Energie intelligenter zu nutzen“, fasst Reimund Gotzel die Idee NEXT zusammen.

Ähnlich wie „SwitchON“ dient die App „NEXT.FieldReg“ der Unterstützung von Technikern vor Ort. Die App, die ebenfalls zusammen mit IBM entwickelt wird, soll bei der Behebung von Flurschäden unterstützen. Hier geht es allerdings nicht um die Durchführung planbarer Arbeitsschritte, sondern um den situationsbezogenen Austausch. Die App ermöglicht einen kurzfristigen digitalen Support des Technikers. Ebenso wie bei „SwitchON“ werden alle Arbeitsschritte protokolliert und fließen automatisch in die Systeme ein.

Detaillierte 3-D-Darstellung neuer Versorgungsleitungen

Effizienz und Datenoptimierung stehen etwa beim Projekt „NEXT.TrenchLog“ im Fokus: Dabei handelt es sich um ein Tool, das mittels Stereo-Kamera einen lagegenauen 3-D-Scan neuer Versorgungsleitungen erstellt. Eine künstliche Intelligenz erkennt die Bauteile automatisch und überträgt die Darstellung in das Geo-Informationssystem (GIS) des Bayernwerks. Die Darstellung ist erheblich detaillierter als das bisherige Verfahren: Bei den bisherigen 2-D-Darstellungen findet sich nur an wenigen Punkten eine Tiefenangabe. Die 3-D-Darstellung dagegen ist absolut präzise.

Die NEXT-Innovationen helfen auch bei der Aus- und Weiterbildung von Fachpersonal. „NEXT.Virtual-Reality“ heißt ein Projekt, bei dem Anlagen wie Umspannwerke virtuell abgebildet werden, um anschließend als Ausbildungsort zu dienen. Mitarbeiter können sich per Virtual-Reality-Brille in dem Raum bewegen. Das erste in virtueller Realität dargestellte Umspannwerk steht in Gebelkofen in Niederbayern. Es ist eines von rund 750 Umspannwerken und Schaltstationen im Netzgebiet des Bayernwerks – die Zahl allein zeigt, welches Potenzial „NEXT.VirtualReality“ hat.

Sensoren sorgen für optimalen Schutz

Um die Sicherheit der vom Bayernwerk beauftragten Techniker geht es bei den „NEXT.Wearables“. Wer direkt an elektrischen Anlagen im Bereich der Hoch-, Mittel- und Niederspannung arbeitet, soll künftig mehrere Sensoren an der Kleidung tragen: eine Zentraleinheit für Helm und Oberkörper sowie zwei Armbänder für die Handgelenke. Die Sensoren erkennen spannungsführende Teile und warnen den Träger rechtzeitig. In Kombination mit den ohnehin durchgeführten Sicherheitsschulungen bietet diese Technologie den Arbeitern optimalen Schutz.

Die Regulierung und Steuerung des wachsenden dezentralen Strommarkts steht beim „flexiblen Strommarkt“ („Flexmarkt“) im Fokus. Gemeinsam mit der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) testet das Bayernwerk im niederbayerischen Altdorf derzeit digitale Lösungen für eine effiziente und sichere smarte Energieversorgung. Über eine Austauschplattform werden die Daten von Energieerzeugungsanlagen ebenso wie von Verbrauchsanlagen mithilfe von intelligenten Messsystemen zusammengeführt und ausgewertet. So können Einspeise- und Verbrauchsspitzen reduziert und das Stromnetz optimal ausgelastet werden. Künftig ist es so auch möglich, mehr erneuerbare Energien und mehr Verbraucher zu integrieren und so Netzengpässe zu vermeiden. (wz)

Interview

Zukunftsinvestition in innovative Lösungen

Dr. Egon Westphal, Technikvorstand Bayernwerk, im Gespräch über die Zukunft der Energie und die „vier D’s“

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