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27. November 2020 11:43  Uhr

Digitalisierung und Menschlichkeit vereint

Mediziner des Regensburger Ärztenetz e.V. nutzen digitale Werkzeuge, um ihre Patienten besser und effektiver behandeln zu können. Gleichzeitig wissen sie, wo die neue Technik möglicherweise ihre Grenzen hat.

Das Team von Wolfgang Fischer, dem Vorsitzenden des Regensburger Ärztenetzes, geht digitale Wege. | Foto: Istvan Pinter

Von Julia Kellner

REGENSBURG. Gesundheit ist ein hohes Gut. Sicher keine neue Erkenntnis – doch Corona macht es deutlicher denn je. Mit und auch ohne Pandemie muss Deutschlands Gesundheitssystem einiges leisten: mehr ältere und chronisch kranke Menschen behandeln, teure medizinische Innovationen zahlen und strukturschwache ländliche Regionen versorgen. Eine Mammutaufgabe, für die es Lösungen braucht.

„Richtig eingesetzt kann Digitalisierung helfen, diese Herausforderungen zu meistern“, sagt Wolfgang Fischer. Er ist Hausarzt in Burgweinting und Vorsitzender des Regensburger Ärztenetzes e.V., in dem sich über 200 Ärzte aller Fachrichtungen aus dem Großraum Regensburg zusammengeschlossen haben, um Austausch und medizinische Qualität zu fördern. Die Medizin werde immer vielfältiger und das wissenschaftliche Tempo höher. Den Regensburger Ärzten sei es daher wichtig, diesen Wissensschatz auch in die Praxen zu holen. „Digitale Werkzeuge überwinden Distanzen, öffnen Türen und ermöglichen Netzwerke für eine bestmögliche Behandlung des Patienten“, ist Fischer überzeugt.

Bundesgesundheitsminister macht Digitalisierung zum Chef-Thema

Diese Chancen habe auch die Bundesregierung erkannt und Tempo in die Digitalisierung gebracht: Alle Akteure im Gesundheitswesen sollen an die sogenannte Telematikinfrastruktur angeschlossen werden. Ziel sei, dass neben Haus- und Fachärzten auch Krankenhäuser, Rettungsdienste, Pflegeheime und Apotheken auf elektronische Patientendaten zugreifen können. Dass diese Maßnahme dem Wohl des Patienten diene, zeigten einige Beispiele: So gebe es keine unnötigen Mehrfachuntersuchungen, Röntgenaufnahmen oder Blutentnahmen mehr. Auch medizinische Notfalldaten könnten künftig auf der Gesundheitskarte hinterlegt oder Medikationsplan sowie Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung elektronisch ausgestellt werden.

Den Menschen in den Mittelpunkt der Behandlung gerückt

Damit der Patient dennoch die Hoheit über seine Daten behält, soll er darüber entscheiden können, welche Daten gespeichert oder gelöscht werden und wer darauf zugreifen kann. Fischer zufolge gibt es zwar einen Zeitplan für die vollständige Umsetzung aller geplanten Module der Telematikinfrastruktur bis Ende 2022. Doch ob dieser auch realisierbar ist, bleibt abzuwarten. Schließlich seien noch einige Fragen offen – etwa mit Blick auf einen 100-prozentig zugriffs- und ausfallsicheren Datentransfer. „Zu klären ist beispielsweise auch, wie im Notfall auf die Patientendaten zugegriffen werden kann“, sagt Fischer. „Denn eigentlich soll der Patient selbst bei jeder Behandlung eine PIN eingeben müssen.“ Digitalisierung dürfe nicht zum Selbstzweck und Kontrollinstrument mutieren, sondern müsse Patienten und Ärzten helfen, ohne die Sicherheit der Patientendaten zu gefährden.

Dr. Google ist oft die erste Anlaufstelle

Doch womöglich hat die Gesellschaft schon längst selbst die Revolution im Gesundheitswesen eingeläutet. „Dr. Google ist bei unterschiedlichsten Symptomen oft die erste Anlaufstelle“, sagt Fischer. Nicht selten führe die Internetrecherche auf falsche Pfade und der Arzt müsse die Informationen einordnen und Patienten beschwichtigen. „Doch insgesamt haben Patienten dadurch heutzutage ein viel größeres Hintergrundwissen, das wir nutzen sollten: Manche Behandlungsschritte können wir sogar an den Patienten weitergeben, etwa durch Lehrvideos.“

Das Regensburger Ärztenetz habe dazu ein Innovationsprojekt von Schmerztherapeuten und der AOK unterstützt. Eine App mit Videos und Übungen helfe Patienten mit akuten Rückenschmerzen. Seit Kurzem gebe es sogar die „App auf Rezept“. Auch die künstliche Intelligenz habe in manchen Bereichen der Medizin große Fortschritte gemacht: So könnten etwa Hauttumore mittlerweile digital besser erkannt werden als durch einen Hautarzt. „Dennoch wird der Arzt selbst immer wichtig sein, um Ergebnisse des Computers zu bewerten, menschliche Emotionen einfließen und Patienten nicht alleine zu lassen. Die Untersuchung mit allen Sinnen ist nicht ersetzbar“, ist sich Fischer sicher.

Der digitale Wandel hat auch in der Medizin seine Grenzen

Als Arzt müsse man wissen, bis zu welchem Punkt beispielsweise Onlinetermine sinnvoll sind. Fischer zufolge kann es auch per Video sehr herzliche Gespräche mit Patienten geben. Für Eike Haas, Hausarzt in Teublitz, seien Videosprechstunden neue Zugangsmöglichkeiten zu seiner Praxis – ohne Fahrwege und Wartezeiten. Der direkte Austausch mit dem Patienten samt Praxis- und Hausbesuche werde aber bleiben, schon alleine deshalb, weil insbesondere ältere Patienten all die elektronischen Werkzeuge oft nicht nutzen könnten oder wollten.

Die Digitalisierung in der Medizin kann zu vielen Verbesserungen für Ärzte und Patienten führen – und tut dies schon heute. Mitglieder des Ärztenetzes berichten von einigen positiven  Beispielen aus ihrem Praxisalltag.

Foto: ra2 – stock.adobe.com

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