Nominierte des Studentenpreises 2020
23. April 2021 5:55  Uhr

Qualität und eine enorme Bandbreite

Aus 33 ostbayerischen Abschlussarbeiten wählte die Jury auch in diesem Jahr wieder vier Finalisten aus, die sich Hoffnungen auf den Studentenpreis der Wirtschaftszeitung 2020 machen dürfen.

Auch die achte Auflage des Studentenpreises der Wirtschaftszeitung verspricht viel Spannung. | Grafik: Irene Daxer

Von Thorsten Retta und Jonas Raab

REGENSBURG. „Uns allen ist bewusst, dass auch dieses Semester angesichts der weiterhin schwierigen pandemischen Lage eine große Herausforderung ist“, sagte Bernd Sibler am 12. April zum Vorlesungsbeginn an den bayerischen Universitäten. Alle Beteiligten gäben ihr Bestes, so der bayerische Wissenschaftsminister weiter. Und in der Tat, beim Blick auf Qualität und Anzahl der für den Studentenpreis der Wirtschaftszeitung eingereichten Abschlussarbeiten aus Ostbayern darf man festhalten: Die Hochschulen und die Studierenden haben sich schnell und gut auf die Situation eingestellt. Mit 33 Bewerbern wurde die sehr hohe Zahl aus dem Vorjahr sogar noch um eine Bewerbung übertroffen. Beteiligt haben sich Studierende aus ganz Ostbayern von Weiden bis nach Landshut. Bereits zum achten Mal musste die Jury aus Sponsorenvertretern, Wirtschaftsverbänden und Hochschulvertretern daraus vier Finalisten und einen Gesamtsieger auswählen. Der Sieger wird einen Glaspokal sowie 3000 Euro gewinnen, die drei weiteren Finalisten erhalten je 1000 Euro. Hoffnungen auf den Studentenpreis der Wirtschaftszeitung dürfen sich in diesem Jahr Lisa Eschenwecker, Justin Ehmann, Ronny Stärker und Thomas Barykin machen. Im Folgenden stellen wir Ihnen unsere vier Finalisten vor.

Lisa Eschenwecker: Stressfaktoren im Homeoffice

Eigentlich wollte Lisa Eschenwecker ihre Masterarbeit über Wohlbefinden am Arbeitsplatz schreiben. Dann kam Corona. Weil ihr das Thema angesichts Kurzarbeit und Jobangst unpassend erschien, sattelte die damalige Studentin der Wirtschaftspsychologie um. Das neue Thema: Stress im Homeoffice. „Stress am Arbeitsplatz ist gut erforscht. Zur Situation im Homeoffice gab es damals aber wenig Fachliteratur – und wenn, dann widersprachen sich die Artikel relativ stark“, sagt Eschenwecker. Sie erforschte deshalb, wie Deutschland mit der neuen Homeoffice-Realität zurechtkommt und hat dabei einen „ersten kleinen Leitfaden“ für Unternehmen und ihre Personalverantwortlichen geschaffen, wie sie sagt.

Dazu hat sie gängige Fachliteratur zum Thema Stress am Arbeitsplatz herangezogen, ausgewertet, durch eigene Interviews erweitert und damit gleichzeitig ihre Ergebnisse validiert. Die Personen, die Eschenwecker im Sommer 2020 befragte, arbeiteten allesamt hybrid – mal im Homeoffice, mal im Büro. „Es war mir wichtig, den ,normalen‘ Homeoffice-Kontext zu behandeln. Das war damals zum Glück möglich. Wenn ich die Umfrage heute machen würde, kämen da sicherlich noch ganz andere Stressoren dazu“, sagt sie und meint damit aktuelle Lockdown-Begleiterscheinerungen wie Homeschooling oder soziale Isolation. Letzteres war allerdings auch im Sommer 2020 ein großes Thema und im Gegensatz zu manchen Stressfaktoren wie Zeit- oder Leistungsdruck, die die Befragten vom Büro mit ins Homeoffice genommen hatten, ein ganz neues belastendes Moment. Die Rahmenbedingungen für die Arbeit von zu Hause aus ermittelte Eschenwecker nach dem Trifft-(nicht)-zu-Prinzip. In einem zweiten Schritt – und der war ihr besonders wichtig – erfragte sie, ob ein Faktor auch tatsächlich Stress verursache, beispielsweise Überstunden. „Nur weil ein Punkt zutrifft, muss das eine bestimmte Person ja nicht unbedingt stressen.“

Eschenwecker erstellte eine Top-fünf-Liste der Stressoren im Homeoffice. Ein Ergebnis: Den Befragten machte der sogenannte Präsentismus besonders zu schaffen. Das Gefühl, sich in ständiger Bringschuld zu wägen, erklärt Eschenwecker so: „Wenn man im Büro ist, dann ist man da, auch wenn man sich einen Kaffee holt. Im Homeoffice haben die Menschen Angst, jemand könnte sie mit einem Anruf beim Nichtarbeiten erwischen, sobald sie in die Küche gehen.“ Eine weitere Erkenntnis: Vielen Menschen fehlt zu Hause ein geeigneter Arbeitsplatz. Technische Ausstattung und ergonomische Möbel ließen zu wünschen übrig.

Teilnehmerin: Lisa Eschenwecker
Titel: „Status quo und subjektive Evaluation von potentiellen Stressoren im mobilen Arbeiten von zuhause durch ArbeitnehmerInnen“
Hochschule: OTH Amberg-Weiden
Studiengang: Angewandte Wirtschaftspsychologie
Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Gabriele Murry
(Foto: Lisa Eschenwecker)

Justin Ehmann: Neue Continental-Standorte auf dem Klimaprüfstand

Im Herbst 2019 hat die Continental AG ein Klimaversprechen abgegeben: Bis 2040 will der Autozulieferer in seinen Werken vollständig CO2-neutral produzieren. Im Verhältnis zur Umsatzentwicklung wolle man im nächsten Jahrzehnt ein Fünftel weniger Energie verbrauchen, erklärte der frühere Vorstandsvorsitzende von Continental, Elmar Degenhart, bei der Vorstellung der neuen Klima- und Umweltstrategie. Wie das konkret vonstattengehen kann, zeigt der Heilbronner Justin Ehmann in seiner Masterarbeit, die er am Regensburger Continental-Standort für die Hochschule Augsburg geschrieben hat. Dafür hat er zwei internationale Continental-Werke – Kaunas in Litauen und Aguascalientes in Mexiko – auf links gedreht und nach Optimierungspotenzial gesucht.

Beide Standorte wurden erst kürzlich (2019 und 2020) fertiggestellt und sind deshalb ohnehin schon auf einem hohen Niveau. Gold-Zertifizierungen der LEED nach USGBC belegen das. „Wenn man CO2-neutral werden will, muss man auf null kommen. Und um wirklich auf null zu kommen, muss man auch bestehende Standorte analysieren, um Optimierungspotenzial aufzudecken“, erklärt der ehemalige Masterstudent der Umwelt- und Verfahrenstechnik. Im ersten Schritt hat Ehmann Grundrisse und Gebäudepläne der beiden Standorte in ein 3-D-Modell übertragen und damit Berechnungen angestellt: Aus den Gebäudedaten, dem Energiebedarf von Produktionsprozessen und den jeweiligen klimatischen Bedingungen vor Ort hat er zwei ganzheitliche CO2-Bilder gezeichnet, um daraus Lehren für künftige Standorte und für Umbauten von bestehenden Werken abzuleiten. Parallel dazu hat Justin Ehmann die Wirtschaftlichkeit der einzelnen Maßnahmen betrachtet.

Das erfreuliche Fazit aus Ehmanns Analyse: „Natürlich gibt es immer Optimierungspotenzial, aber in Kaunas und in Aguascalientes hält sich das in Grenzen“, sagt er. Den Hauptdarstellern in seiner Masterarbeit, die beiden Produktionsgebäude an sich, konnte er wenig ankreiden. Die Außentemperatur – auch im heißen Mexiko – hatte weniger Einfluss auf die CO2-Bilanz als erwartet. Einsparungspotenzial für Emissionen verortete er nicht in den Gebäuden oder ihrer Isolierung, sondern in der Energieversorgung der Standorte. „Neue Versorgungstechnologien und andere Energieträger hätten den größten Nutzen für die CO2-Bilanz. Aber leider muss man sagen, dass die wirklich großen Maßnahmen, Stand heute, alles andere als wirtschaftlich sind“, sagt Ehmann.

Teilnehmer: Justin Ehmann
Titel: „Simulationsdatenbasierte Optimierung von Produktionsgebäuden und -stätten zur Reduzierung der CO2-Emissionen“
Hochschule: Hochschule Augsburg
Studiengang: Umwelt- und Verfahrenstechnik
Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr.-Ing. Gerhard Reich
Unternehmen: Continental Automotive GmbH
Unternehmensbetreuung: Nicole Götz
(Foto: Jonas Raab)

Ronny Stärker: Konkrete Schritte für mehr Agilität in Unternehmen

Digitale Transformation, Marktveränderungen, Coronakrise: Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel – schon immer, derzeit aber besonders. Um nicht abgehängt zu werden, müssen sich die Unternehmen ständig der Dynamik anpassen, im Idealfall proaktiv, antizipativ und initiativ. Das Zauberwort ist Agilität und beschreibt per Definition die initiative Wandlungsfähigkeit eines Unternehmens auf sich verändernde Märkte und andere Rahmenbedingungen. Also: Nicht nur reagieren, auch agieren. Agilität ist eine unternehmerische Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts, ein Erfolgsversprechen für die Zukunft, ein Megatrend. „Und viel Blabla“, sagt Ronny Stärker.

Er befasst sich seit Jahren mit agilen Organisationsstrukturen verschiedener Unternehmen und hat dabei ein Problem ausgemacht: „Jeder versucht, Agilität irgendwie einzuführen. Ein standardisiertes Vorgehen gibt es aber nicht“, erklärt er. Zwar gäbe es viele Coaches und Fachliteratur zum Thema, doch würden die sehr vage bleiben und sich in erster Linie am wissenschaftlichen Begriff der Kulturveränderung abarbeiten. „Damit kann in der Praxis keiner etwas anfangen“, sagt der ehemalige Master-Student im Human-Resource-Management-Studiengang der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg.

Mit seiner Abschlussarbeit hat er einen konkreten Fahrplan für die agile Transformation in Unternehmen entwickelt und diesen der Krones AG an die Hand gegeben. Dazu hat Stärker den Ist-Zustand und das Vorgehen verschiedener Abteilungen des dem Neutraublinger Maschinen- und Anlagenbauers analysiert. Daneben hat er 40 weitere Unternehmen der verschiedensten Größen und Branchen untersucht, ausgewertet und – kombiniert mit theoretischen Modellen – ein Schema für agiles Arbeiten entwickelt. Damit kann jedes Unternehmen seinen agilen Reifegrad in sechs Unternehmensdimensionen bestimmen und anschließend konkrete Maßnahmen etwa für Führungskräfte oder die Personalabteilung ableiten, um die nächste der insgesamt fünf Entwicklungsstufen zu erreichen.

Dass ein Unternehmen bei gelebter Agilität erfolgreicher wirtschaftet, sei laut Stärker statistisch erwiesen. Man könne sich besser anpassen, Produkte schneller auf den Markt bringen und so besser im angepeilten Zeit- und Kostenrahmen bleiben. „Am Ende ist meine Masterarbeit ein Ratgeber genau dafür geworden. Das Modell ist permanent veränderbar und lässt sich auf jedes Unternehmen anwenden.“

Teilnehmer: Ronny Stärker
Titel: Dimensionen und Handlungsfelder der agilen Transformation in hybriden Arbeitswelten am Beispiel der Krones AG
Hochschule: OTH Amberg-Weiden, TH Deggendorf, OTH Regensburg
Studiengang: Human Resource Management
Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Bernt Mayer
Unternehmen: Krones AG
Unternehmensbetreuung: Tanja Prudil, Veiko von Eckern
(Foto: Jonas Raab)

Thomas Barykin: Der Weg zum autonomen Fahren muss ausgemessen werden

Autonomes Fahren ist keine Zukunftsmusik mehr. Moderne Fahrerassistenzsysteme geben schon heute einen Vorgeschmack auf die Mobilität von morgen. Sie werden immer besser und können immer mehr, beispielsweise Verkehrszeichen, Ampeln oder Fahrbahnmarkierungen erkennen, darauf reagieren und dem Fahrer entsprechende Hinweise geben. Fehler dürfen sie sich dabei nicht erlauben – heute nicht, und wenn sie irgendwann das autonome Fahren ermöglichen sollen, erst recht nicht. „Erkennt das System ein Schild ein paar Meter zu spät, kann das gravierende Folgen haben“, sagt Thomas Barykin. Für seine Bachelorarbeit an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg untersuchte der technische Informatiker die Positionierungsgenauigkeit eines Kamera- und GPS-basierten Verkehrszeichenerkennungssystems in Zusammenarbeit mit Continental in Regensburg. Sein Ziel war es, systematische Fehler aufzudecken und die Parameter zu identifizieren, die einen Einfluss auf die Positionierung haben könnten, und ihre Berechnung in der Software entsprechend anzupassen.

Die Position eines Schildes erkennt die Software im Fahrzeug, indem sie zwei verschiedene Koordinatensysteme miteinander abgleicht. Dabei kann es zu Fehlern kommen. Barykin führte auf der Südumgehung Neutraubling deshalb tagelang Messungen durch. „Ich war tatsächlich auf der Straße unterwegs und habe sechs Schilder zentimetergenau eingemessen“, sagt er. Die anschließenden Testfahrten absolvierte er unter verschiedenen Bedingungen, um systematische Fehler zu identifizieren: am Tag, in der Nacht, bei Regen und Nebel – jeweils mit zwei Fahrzeugen, bei verschiedenen Geschwindigkeiten, mal mit mehr Luft in den Reifen, mal mit weniger. So konnte er auf den Zentimeter genau ermitteln, ob das Assistenzsystem ein Schild richtig lokalisiert oder daneben liegt.

Anschließend überprüfte Barykin die Qualität seiner Messdaten mit verschiedenen mathematischen Verfahren. Er konnte die anfangs angenommene Unschärfe beim Abgleich der beiden Koordinatensysteme beweisen und eine Verbindung zum Reifendruck der Fahrzeuge herstellen. Ist der Abrollumfang zu niedrig, gaukelt das Auto dem Assistenzsystem verfälschte Geschwindigkeitswerte vor und beeinflusst die Positionierungsgenauigkeit negativ. Daneben stellte Barykin einen Zeitfehler im Testsystem fest, den er allerdings mathematisch beheben konnte. Er verbesserte so die bestehenden Algorithmen signifikant und erhöhte die Genauigkeit des Fahrerassistenzsystems.

Teilnehmer: Thomas Barykin
Titel: Evaluierung der Positionierungsgenauigkeit eines Kamera- und GPS-basierten Verkehrszeichenerkennungssystems
Hochschule: OTH Regensburg
Studiengang: Technische Informatik
Wissenschaftliche Betreuung: Prof. Dr. Markus Kucera
Unternehmen: Continental Automotive GmbH
Unternehmensbetreuung: Dr. Dominik Senninger
(Foto: Jonas Raab)