Interview

Architektur der Zukunft: eine Symbiose aus Alt und Neu

Roland Seissler, Projektentwickler beim Immobilienunternehmen Ten Brinke, spricht im Interview über die Herausforderungen der städtischen Architektur der Zukunft.

Die Häuser der Zukunft werden grüner sein, das Gebot der Nachhaltigkeit wird auch die Architektur prägen. Foto: Frank Boston, La Fabrika Pixel s.l.

Von Jonas Raab

Herr Seissler, welche Designtrends zeichnen sich aktuell ab? Welche Architekturströmungen dominieren das urbane Bauen?

Roland Seissler: Das hängt immer davon ab, wo gebaut wird, ob auf der grünen Wiese oder in einer gewachsenen Altstadt. Hier muss man auf die gegebenen Strukturen wie Straßenzüge, Plätze, Innenhöfe oder Denkmalschutz Rücksicht nehmen. Im Trend liegen Ziegelfassaden, grüne Dächer und bodentiefe Fenster. Viele neue Gebäude haben kubische Grundzüge und sind an den Bauhausstil angelehnt. Er lässt sich oft elegant mit dem Bestand verzahnen.

Wie entwickeln sich die Städte in Zukunft weiter, gerade mit Blick auf den Bestand?

Moderne Architektur muss immer eine Symbiose mit den bestehenden Gebäuden eingehen. Das bedeutet nicht, dass man etwas Vorhandenes nachbauen muss. Gute Architektur fügt sich auch dann ein, wenn sie modern ist. Vor allem, wenn man sich im Denkmalschutzbereich bewegt, wird man auch in Zukunft historisierend bauen müssen – aber nicht zwingend. Allgemein lässt sich das nicht sagen, wie zum Beispiel das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg beweist. Die Frage, ob man in Städten immer historisierend nachbauen muss, muss man immer neu stellen. Denn dadurch wird oft eine nicht vorhandene Realität vorgegaukelt, die dann gekünstelt wirkt.

Ob vorgegaukelt oder nicht – wie sieht denn diese Realität in ein paar Jahrzehnten aus?

Die Gebäude und Fassaden werden viel grüner sein als heute, Nachhaltigkeit wird die Architektur der Zukunft prägen. Auch das Thema Wohnen verändert sich stark. Es entstehen schon heute immer mehr gemischtgenutzte Immobilen, weil sie den Stadtbewohnern neben funktionellen Flächen wie Lebensmittelmärkten vor allem einen hohen Wohn- und Aufenthaltswert bieten. Das Leben in der Stadt wird funktioneller, durchdachter, lebenswerter sein. Der Trend der Zeit ist das „Urban Living“, das wird die Architektur die nächsten Jahrzehnte prägen. Ein architektonisches Beispiel dafür sind begrünte Innenhöfe, die sowohl Ruhezonen als auch soziale Begegnungsorte sein werden.

Welche Materialien und Formen werden die Fassaden prägen?

Ich rechne mit zeitloser, klassischer Eleganz und einer gewissen Homogenität der Fassaden, dort wo es angebracht ist. Bei den Baustoffen gibt es dagegen keine Grenzen: Ziegel, Holz, Glas, Metall und Beton bieten zusammen mit einer entsprechenden Begrünung unendliche Variationsmöglichkeiten.

Ob in der Mode oder in der Architektur: Irgendwann feiert jeder Stil ein Comeback. Welche Trends werden das in der urbanen Architektur sein?

Der Trend geht zu schlichten, zeitlosen Gebäuden. Stilistische Bausünden wird es nicht mehr geben, da verschiedene Entscheidungsebenen eingebunden sein werden. Auch ein verstärkter Dialog mit der Bevölkerung wird positiv wirken.

Welcher Baustil lässt Sie erschaudern?

Rücksichtslose Architektur wie die „Warenhaus-Architektur“ der 1960er- und 1970er-Jahre.

Und welche Gebäude faszinieren Sie?

Mich begeistert die Schönheit funktioneller Gebäude in der harmonischen Korrespondenz mit gewachsenen Strukturen. Moderne Architektur, die sich in eine historische Altstadt einfügt und aktuelle Themen wie Nachhaltigkeit, Urban Living und täglichen Bedarf in sich vereint.

Wie lange nimmt man ein neues Gebäude als neu und modern wahr? Also wann ist der Punkt erreicht, an dem es altbacken wirkt? Und wie lässt sich dieser Moment hinauszögern?

Zurückhaltende Inszenierung, die sich von der Massenarchitektur absetzt, wird nie an Attraktivität verlieren. Die optische Halbwertszeit lässt sich durch die Kombination und den Einsatz trendiger Materialien verlängern.

Die Gebäude und Fassaden werden viel grüner sein als heute, Nachhaltigkeit wird die Architektur der Zukunft prägen.

Wie muss die Architektur mit der zunehmenden Enge in den Städten umgehen?

Grundstücke stehen ja nur begrenzt zur Verfügung. Deren Ausnutzung spielt deshalb eine zentrale Rolle, wobei viel Wert auf den Erhalt der Wohnqualität gelegt werden muss. Das wird nicht in jeder Stadt, besonders nicht in historisch gewachsenen Strukturen, gleich gut möglich sein. Entscheidend ist der sensible Dialog mit den Menschen und der bestehenden Substanz.

Die zweite große Herausforderung ist unser Klima: Welchen Beitrag kann die Architektur zur Klimawende leisten?

Angesagt ist ein sparsamer Umgang mit Ressourcen, Recycling von Baumaterialien, ein ausgewogenes Maß zwischen den Möglichkeiten und dem Produktionsaufwand. Grüne Innenhöfe und Dachbegrünung können das Wohn- und Arbeitsklima deutlich verbessern.

Sanieren gilt als nachhaltiger als neu bauen: Welche Möglichkeiten gibt es, den Bestand – auch optisch – aufzuwerten und zukunftsfähig zu machen?

Das ist auch eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Sinnvolles und vor allem auch ökologisches Sanieren ist eine Frage des Alters, der Epoche, der verwendeten Baustoffe und des Zustandes des Gebäudes. Früher wurde oft verbaut, was da war. Ein sensibler Neuaufbau und die durchdachte Schließung von Baulücken – gerade in Innenstädten – ist oft der sinnvollere Weg. Aber auch die Kombination von Alt und Neu ist ein Weg, den man gehen kann, um den Wohn- und Nutzwert von Gebäuden auf nachhaltige Weise zu steigern.

Fazit

Wie unsere Städte in ein paar Jahrzehnten tatsächlich aussehen, darüber lässt sich nur spekulieren. Heute sind das Bauhaus und homogene Fassaden prägend. Alte und neue Trends werden immer wieder für optische Akzente in den weiterhin von historischen Bauwerken geprägten Stadtbildern sorgen. Doch egal wie die Gebäudehüllen gestaltet sein werden, die Kernaufgabe, die Architekten zu bewältigen haben, liegt unter dieser Hülle. Neue Nutzungskonzepte müssen das zunehmende Platzproblem lösen und Trends wie die 20-Minuten-Stadt (alle Orte des täglichen Bedarfs lassen sich innerhalb von 20 Gehminuten erreichen) ermöglichen. Der Einsatz nachhaltiger Materialien im Neubau, viel Grün auf den Dächern und an den Fassaden, klimaneutrale Energielösungen und sinnvolle Sanierungen gelten als Schlüssel des Klimaproblems. Gelingen kann das nur, wenn alle Beteiligten eng verzahnt arbeiten: Architektur, Ingenieurwesen, Materialwissenschaft, Informatik, Stadtverwaltung, Investoren und Projektentwickler. Die Architektur hat dabei die schwierige Aufgabe, alle Bereiche zu vereinen und neue Technologien und Konzepte in gegebene Strukturen zu integrieren.